Rund 80 Mercedes-Niederlassungen gehen in ausländische Hände. Der Käufer kommt aus Kanada und übernimmt damit einen erheblichen Teil des deutschen Vertriebsnetzes. Ist Mercedes knapp bei Kasse?
Wer vor 100 Jahren in Not war, der verscherbelte sein Tafelsilber. 12 Gabeln, 12 Messer, 12 Löffel, und viele Kleinteile, brachten schnell ein Gewicht von über 2.900 Gramm auf die Waage. Es war die eiserne Reserve für schlechte Zeiten, der Stolz des Bürgertums, der in Samt ausgeschlagenen Kästen in den schweren Eichenschränken ruhte. Und wer so weit in finanziellen Nöten war, dass er den Wohnzimmerschrank leerte, um im Jahr 1905 schnell drei Monatslöhne an Reichsmark zu erlösen, dem musste es wahrlich sehr schlecht gehen.
Schmerzhafter Abschied
Es war der letzte Akt vor dem sozialen Abstieg, ein schmerzhafter Abschied von dem Glanz vergangener Tage. Und nun, heute, scheinen Deutschlands einst mächtigste und klangvollste Marke und der zugehörige Konzern von einstmaliger Weltgeltung in ähnlich großen Nöten zu sein.
Wenn Mercedes jetzt sein wertvollstes Gut veräußert – seine konzerneigenen Niederlassungen –, dann ist das ein Warnsignal. Der Käufer, ein Investor aus Kanada, hat große Teile des deutschen Vertriebsnetzes übernommen: Kuldeep Billan, Chef der Alpha Auto Group (AAG), sicherte sich bundesweit 80 Betriebe mit rund 8.000 Beschäftigten. Der Verkauf des Mercedes-Tafelsilbers soll dem Konzern rund 1 Milliarde Euro eingebracht haben.
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Wie das in der Praxis aussieht, darin hat Billan reichlich Erfahrung. In Nordamerika, Großbritannien und weiteren Märkten hat er sich einen Namen damit gemacht, Autohäuser zu hocheffizienten Profitmaschinen umzubauen. Die Philosophie ist klar: Ein Standort muss Geld bringen, Tradition spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Gleichzeitig sank der Pkw-Absatz von Mercedes in den letzten zwei Jahren insgesamt um rund 13 Prozent (2024: ca. 4 %, 2025: 9 %).
In Zeiten sinkender Verkaufszahlen wird nun das repräsentative Vertriebsnetz abgestoßen. Mercedes-PKWs sind weiterhin erhältlich bei rund 1.000 Händlern in Deutschland. Dennoch: Es ist das Ende einer Ära. Das Tafelsilber ist weg, der Schrank ist leer. Kunden, die deren Fuß nie in eine Hochglanz-Mercedes-Niederlassung gesetzt hätten, werden dort künftig auch Billigautos aus China erwerben können. (TPL)























