Wie der Schlussstein einer Bogenbrücke hält uns die Last von mehreren Seiten im Gleichgewicht (Symbolbild:KI)
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Die Rundbogenbrücke als Sinnbild: Druck von allen Seiten kann unser Leben auch stabilisieren!

Es sind nicht die Freuden, die wir erleben und denen wir nachjagen, die uns in einen immerwährenden Zustand ewiger Glückseligkeit befördern. Zu unsicher sind die Stürme der Zeit, als dass hier von einem dauerhaften Erreichen eines stabilen Zustandes gesprochen werden könnte.

 Machen wir es wie eine Rundbogenbrücke! 

Wir bewundern noch heute die von Römern erbauten Rundbogenbrücken, weil sie nach 2000 Jahren noch immer stehen. Sie haben Stürme, Regen, Hitze, Frost, Kriege, Heere, Händler, Pilger und wahrscheinlich auch den einen oder anderen betrunkenen Eselskarren überlebt.

 Die Mechanik einer Rundbogenbrücke scheint logisch, wenn man sich die Konstruktion ansieht. Die linke wie die rechte Seite des Bogens münden an der Spitze in einen besonderen Stein, den Schlussstein. Der gesamte Druck von der linken Seite und der gesamte Druck von der rechten Seite treffen sich oben in der Mitte. Sie fügen sich dort ineinander und verleihen dem ganzen Bauwerk eine Stabilität ohne eine einzige Schraube, ohne einen einzigen Dübel und ohne eine einzige Schweißnaht.

Könnte es nicht auch so sein, dass die vielfältigen Belastungen unseres kleinen Lebens in ähnlicher Weise wirken? Während sie auf uns drücken, verursachen sie Schmerz, Unwohlsein, Sorge und Trauer. Aber sie halten uns auch stabil, weil wir danach trachten, dass unsere Brücke des Lebens eben nicht zusammenkracht.

 Wir sind ständig bemüht, die auf uns wirkenden Kräfte so zu balancieren, dass unsere Lebensbrücke nicht einstürzt. Die eine Last kommt von links, die andere von rechts. Hier drückt die Krankheit, dort die Sorge um die Existenz. Hier zieht die Familie, dort fordert der Beruf. Hier meldet sich die Vergangenheit, dort klopft die Zukunft an die Tür und fragt frech, ob wir schon bezahlt haben.

 Und doch entsteht aus diesem Druck nicht nur Gefahr. Es entsteht auch Halt, denn sie zwingt und zu handeln.

Druck in Halt verwandeln

Der Mensch wird nicht allein durch Freude geformt. Freude ist schön, aber sie ist oft flüchtig. Sie besucht uns wie ein freundlicher Gast, trinkt einen Kaffee, lächelt und geht wieder. Belastung dagegen bleibt sitzen, wie ein alter Großvater, der mit zum Inventar des Bauernhofs wurde. Belastung nimmt den Mantel nicht ab, sie macht es sich bequem und wartet, bis wir gelernt haben, mit ihr zu leben.

Vielleicht ist genau das der Punkt.

 Wir werden nicht stabil, weil das Leben federleicht ist. Wir werden stabil, weil wir lernen müssen, die schweren Kräfte unseres Lebens aufzunehmen. Wie der Schlussstein der Brücke verwandeln wir Druck in Halt. Nicht sofort, nicht ohne Schmerz, nicht ohne Nächte, in denen der Kopf lauter ist als jede Kirchenglocke. Aber mit der Zeit.

 Vielleicht ist diese Stabilität sogar das, was andere Menschen an uns suchen; nicht die dauernde Fröhlichkeit, nicht das immer gleiche Lächeln, nicht das künstliche „Alles gut“, das oft schon beim zweiten Hinhören nach Tapete klingt.

Menschen spüren, ob in uns etwas trägt. Sie erkennen, ob wir bei Widerstand sofort flattern wie ein Fähnchen im Wind, oder ob wir unter Druck unsere Form behalten.

Wer trotz aller Widrigkeiten stehen bleibt, schenkt anderen Vertrauen. Nicht durch große Worte, sondern durch seine Art zu sein. Er wird zum Fels in der Brandung, oder, im Bild der Brücke, zum Schlussstein, an dem sich die Kräfte ordnen. So entsteht Nähe, so zeigt sich Verlässlichkeit und so entsteht jenes stille Vertrauen, das man nicht bestellen kann wie ein Möbelstück, sondern nur durch gelebte Stabilität gewinnt.

 Die Rundbogenbrücke steht nicht trotz des Drucks. Sie steht wegen des Drucks. Das ist ihr Geheimnis. Vielleicht ist es auch unseres.

 Belastungen sind darum nicht automatisch ein Feind des Lebens. Sie sind oft der Druck, der uns zwingt, Form anzunehmen. Ohne Druck fällt der Bogen auseinander. Ohne Widerstand bleibt der Mensch weich wie ungebrannter Ton.

Das heißt nicht, dass wir Leid suchen sollen. Nur ein Narr stellt sich freiwillig unter einen fallenden Dachziegel, um an seiner Charakterbildung zu arbeiten. Aber wenn die Lasten kommen, und sie kommen im Leben mit der Pünktlichkeit eines Weckers am Morgen, dann dürfen wir vielleicht anders auf sie blicken.

 Sie drücken uns nicht nur nieder. Sie stabilisieren uns.

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