Der anatolische Schwabe lässt nicht locker: Auch als nunmehriger Ministerpräsident Baden-Württembergs versteht es Cem Özdemir offenbar als eine seiner vernehmlichen Aufgaben, Deutschland – dem Land, das seinen Vorfahren und ihm selbst Aufnahme und Chancen zur Selbstverwirklichung einschließlich der eigenen eindrucksvollen Karriere bot – permanent die Schuldkeule wegen allem und jedem um die Ohren zu hauen. Am 2. Juni 2026, genau zehn Jahre nach der Bundestags-Resolution zum Völkermord an den Armeniern, postet er erneut auf Facebook ein Video mit anklagendem Tenor und prangert an, dass das deutsche Kaiserreich im Ersten Weltkrieg Waffenbruder des Osmanischen Reiches war – weshalb Deutschland eine Mitschuld (Özdemir nennt es “Mitverantwortung”) am Genozid an den Armeniern trage, woraus sich, was sonst, ein „Auftrag“ an die Deutschen 110 Jahre später ergebe
Dass Özdemir sein Amt als neuer Landesvater für dieses weder für seine Wähler noch sein Bundesland in irgendeiner Weise relevantes Reizthema – das in erster Linie die bis heute nicht normalisierten, weil unaufgearbeiteten Beziehungen zwischen der Türkei und den Armeniern tangieren müsste – zum Anlass für eine eigene Ansprache nimmt, ist kein Zufall. Denn seit Jahren treibt der Grünen-Politiker die künstliche Debatte dazu mit missionarischem Eifer voran – als Mitinitiator der Armenien-Resolution des Deutschen Bundestages 2016, die sich nun zum zehnten Mal jährte, aber auch in unzähligen Reden, Interviews und Auftritten. Die Anerkennung des Massenmordes der antiarmenischen Pogrome, die die Regierung der “Jungtürken” mit Billigung der Hohen Pforte 1915/16 initiiert hatte, als Völkermord durch den Deutschen Bundestag am 2. Juni 2016 stellte zwar eine historisch korrekte Einordnung dieses Großverbrechens mit 1,5 Millionen Ermordeten dar – doch dass sie, in typischer Übertragungsschuld, vom deutschen Parlament und nicht von türkischen vorgenommen wurde, sprach bereits Bände.
Alle Last der Welt trägt Deutschland
Um diesen Schritt zu begründen, war im Vorfeld von interessierten Kreisen jahrelang die auch von Özdemir immer wieder obsessiv beschworene “deutsche Mitverantwortung” bemüht worden – denn das Kaiserreich hatte militärische Berater vor Ort, wusste von den Gräueln und schaute weg. Das alles traf außer auf Deutschland auch auf eine ganze Reihe weiterer Länder zu, abgesehen davon war das Osmanische Reich Kriegsverbündeter, was die Frage aufwirft, inwiefern sich für diese rein innenpolitischen Verbrechen eine kausale Teilverantwortung bejahen lässt. Doch in Ermangelung eigener Kolonialverbrechen – der sogenannte, im Gegensatz zum Armenier-Genozid allerdings zweifelhaftere Völkermord an den Herero reicht zur Befriedigung der Schuldlust nicht aus – fühlte Berlin sich berufen, auch diese Last der Welt stellvertretend und als moralischer Leuchtturm zu tragen.
Aber wenn die Involvierung von Auslandsakteuren des Deutschen Reichs historisch korrekt sein mag, hat die mehr als penetrante Art, mit der Özdemir genau diese deutsche „Schuld“ immer wieder in den Vordergrund rückt, einen bitteren Beigeschmack. Denn ausgerechnet als Politiker mit türkischen Wurzeln macht hier ein Angehöriger der deutschlandfeindlichsten Partei des Landes selbiges kollektiv mitverantwortlich für ein Verbrechen, das primär auf osmanisch-türkischem Boden von türkischen Nationalisten verübt wurde. Der eigentliche Adressat, nationaltürkische Kreise und die türkischen Behörden, werden nicht attackiert – wohl aus Angst vor diplomatischen Verwerfungen oder heftigen Reaktionen der türkischstämmigen Deutschen, die millionenfach allwöchentlich in vom Erdogan-Regime gesteuerten Moscheen ihre Botschaften eingetrichtert bekommen.
Keine Aufarbeitung in der Türkei
Doch Özdemirs Lamento ist auch intellektuell fragwürdig. Deutschland hat seine eigene Geschichte – zwei Weltkriege, Holocaust, Vertreibungen – gründlich und selbstkritisch aufgearbeitet. Es gibt unzählige Denkmäler, Gedenkstätten, Schulunterricht und eine offene Debatte. Warum muss ein türkischstämmiger Bundesminister die Deutschen ständig an eine 110 Jahre alte Mitwisserschaft erinnern, während er ausgerechnet das Land seiner Vorfahren mit Samthandschuhen anfasst? Julian Adrat schreibt treffend auf X: “Was die Aussage von „Cem Özdemir“, die Deutschen trügen Mitschuld am türkischen Völkermord an den Armeniern auch so niederträchtig macht: In Deutschland, in Berlin Mitte, steht ein Denkmal für die ermordeten Armenier, während man in der ganzen Türkei kein solches findet. Alles, was diese Leute treibt, ist Hass. Hass auf alles Deutsche. Warum lassen wir uns das gefallen?”
Tatsächlich gibt es in der Türkei gibt es keine einzige offizielle Gedenkstätte für die Opfer des Armenier-Genozids. Das Gedenken daran ist unerwünscht, ja strafbar; in den Schulen ist das Thema tabu. Wer den Begriff „Völkermord“ verwendet, riskiert Verfahren nach Artikel 301 wegen „Beleidigung des Türkentums“. Die türkische Staatsdoktrin leugnet den Genozid bis heute systematisch. Offiziell waren es „Deportationen“ wegen Sicherheitsgründen, bei denen „bedauerlicherweise“ Hunderttausende starben – durch Hunger, Seuchen, „vereinzelte Übergriffe“. Keine offizielle Entschuldigung, keine Aufarbeitung – stattdessen stehen bis heute türkeiweit massenhaft Gegen-Denkmäler, die armenische „Greueltaten“ an Türken thematisieren. Christliche Minderheiten in der Türkei sind bis heute bedroht.
Der deutsche Schuldfinger
Özdemir selbst geriert sich zwar als proarmenischer Fürsprecher und gegen die nationaltürkische Linie gerichteter Dissident; er selbst spricht von Drohungen türkischer Nationalisten. Doch bezeichnenderweise richtet sich seine Kritik vor allem gegen deutsche „Leugner“ und die eigene Vergangenheit. Das riecht nach projektiver Ablenkung. Statt die türkische Gesellschaft und ihren Staat zur ehrlichen Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Kapitel ihrer Geschichte zu drängen – was als türkischstämmiger Politiker besonders glaubwürdig wäre –, hält Özdemir mal wieder Deutschland den Spiegel vor. Die Deutschen sollen sich schuldig fühlen für etwas, das nicht ihre Regierung, sondern das Osmanische Reich hauptsächlich verübte. Gleichzeitig bleibt die Türkei ein Land, in dem Genozid-Leugnung Staatsräson ist. Das ist nicht nur unausgewogen, es ist heuchlerisch. Diese Kampagne dient weniger der historischen Wahrheit als der moralischen Überhöhung. Sie passt ins grüne Narrativ der ewigen deutschen Schuld, das jede Kritik an Migrations- oder Integrationsproblemen sofort mit „Rassismus“-Vorwürfen erstickt. Statt Versöhnung zu fördern, vertieft sie Gräben: zwischen Deutschen und türkischstämmigen Bürgern, zwischen Fakten und politischer Instrumentalisierung. Deutschland hat seine Verantwortung 2016 benannt. Jetzt wäre es an der Zeit, dass Cem Özdemir seine Energie endlich auf das Land richtet, aus dem seine Familie stammt – und dort echte Aufarbeitung einfordert. Solange in der Türkei kein Platz für Gedenken ist, wirkt sein deutscher Schuldfinger wie purer Ablasshandel. (OG)






















