Bei prächtigem Wetter kamen immerhin etliche Tausend nach Berlin (Foto:ScreenshotYoutube)
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Gestrige Demo “M1llion-Projekt” in Berlin: Wenn ein Schumachermeister zur Massendemo gegen Merz aufruft…

Schuster, bleib bei deinen Leisten, heißt es seit altersher: Marcel Baldauf aus Schwarzenberg im Erzgebirge hielt sich nicht daran. Der Schuhmachermeister macht kein Klein-Klein, sondern organisiert den politischen Widerstand auf der Straße. Dazu hatte er für den gestrigen Montag, 8. Juni 2026, zur Großdemo unter dem Titel “Projekt M1llion” aufgerufen, direkt ans Brandenburger Tor – gemeinsam mit Mitinitiatoren  Die Million Teilnehmer kam zwar bei weitem nicht zustande – doch Tausende folgten seinem Ruf (zur Seite der Initiatoren geht es hier).

Es ging dabei nicht um kleine Nachbesserungen am politischen Schuhwerk – sondern um den Rücktritt der gesamten Bundesregierung und um Neuwahlen. Das ist als Forderung schon eine Nummer. Man muss das anerkennen: Da kommt kein Mann mit Hut in die Hauptstadt, um ein Formular abzugeben und höflich um Beachtung zu bitten. Da kommt einer aus dem Erzgebirge und sagt: So kann es nicht weitergehen. Man muss den Mut dahinter erkennen.

Ein ganzer Mittelstand macht mobil

Tausende kamen. Viele aus Sachsen, aus Brandenburg, aus der Uckermark und aus anderen Teilen des Landes. Manche waren wohl schon am Vortag angereist. Sie wollten dabei sein, wenn Bürger ihren Ärger dorthin tragen, wo in Deutschland die Macht Kulisse bekommt. Bereits am frühen Morgen rollten die Autokonvois aus dem gesamten Bundesgebiet in Richtung Hauptstadt, um dem politischen Berlin zu zeigen, dass sich im Land etwas gewaltig angestaut hat.

Am Brandenburger Tor standen Menschen mit Fahnen, Kinderwagen und Rollatoren. Eine bürgerliche Wandergruppe von beträchtlicher Größe. Ruhig, ordentlich, beharrlich. Berlin kennt ganz andere Demonstrationen. Dort treten sonst gern Gruppen auf, bei denen die Stadtreinigung schon beim ersten Sprechchor innerlich den Dienstplan verlängert.

Bratwurst-Boom im Regierungsviertel

Der einzige Bratwurststand weit und breit am Brandenburger Tor machte an diesem Montag das Geschäft seines Lebens. Die Erzgebirgler und all die anderen angereisten Handwerker, Bauern und Spediteure sind nun mal keine Vegetarier. Da braucht es eine anständige Stärkung, um der Regierung die Leviten zu lesen.

Der bekannteste Redner auf der Bühne war jedoch umstritten: Ex-CSU-Politiker und Aktivist Jürgen Todenhöfer. Er sprach am Brandenburger Tor, an einem Ort, an dem jedes Wort automatisch mehr Gewicht bekommt. Wer dort steht, spricht nicht in irgendeinem Hinterzimmer. Der Blick fällt auf die Mitte der Republik. Auf Geschichte, Macht und jene feierliche Kulisse, die Deutschland immer dann besonders liebt, wenn sie für Staatsbesuche ausgeleuchtet wird.

Sächsische Initiative bewirkt Aufmerksamkeit

Auch Marcel Baldauf stand dort. Der Schuhmachermeister hatte keine Parteizentrale hinter sich, keinen großen Apparat und keine Karawane bezahlter Kommunikationsberater. Er hatte seinen 11-Punkte-Plan, seinen Mut und offenbar genug sächsische Sturheit, um aus einem einfachen Gedanken eine gewaltige Kundgebung zu machen.

Seine Forderungen nach Rücktritt der Regierung, nach echter Direktdemokratie, dem Stopp der CO₂-Steuer und einer harten Politikerhaftung trafen den Nerv der Menschen, die das Vertrauen in die Berliner Blase längst verloren haben. Und die Rufe „Merz muss weg“ erinnerten an „Merkel muss weg“, was ja irgendwie auch geholfen haben mag.

Wes Brot ich ess’…

Die Berliner Presse meldete vor allem blockierte Straßen und schweren Feierabendverkehr. Auch das gehört zur Hauptstadt wie Currywurst. ARD und ZDF zogen sich ins Schneckenhaus zurück, obwohl der riesige Protestzug direkt an deren gläsernen Bürogebäuden vorbeiging. Da standen Menschen, die ihren Protest ohne schwarze Kapuze, ohne Krawall und ohne revolutionäres Theater vortrugen.

Brave Bürgerpflicht lässt sich nun mal schlechter skandalisieren als blinde Randale. Für die Teilnehmer muss es trotzdem ein erhebendes Gefühl gewesen sein. Die Straßen rund um den Reichstag, die Ebertstraße und die Prachtstraße Unter den Linden wurden eigens für sie gesperrt.

Das erhebende Gefühl der Straße

Das eigene Anliegen bekam so Raum, Absperrgitter, Polizeibegleitung und diese seltene Gewissheit: Wir stehen hier wirklich. Mitten in Berlin. Vor den Augen der Republik. Der unermüdliche Zug der Handwerker und Familien zog weiter über die Friedrichstraße und den Schloßplatz, besetzte symbolisch den Asphalt der Mächtigen und machte deutlich, dass man sie nicht mehr einfach überhören kann.

Die Million kam am Ende nicht nach Berlin. Aber Marcel Baldauf hat an diesem 8. Juni eindrucksvoll gezeigt, dass auch ein engagierter Schuhmachermeister aus dem Erzgebirge tiefe Spuren hinterlassen kann. Nicht auf weichem Leder, sondern mitten auf dem harten politischen Pflaster Berlins.

 

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