Der Friedrich Merz des deutschen Fußballs: Julian Nagelsmann hat fertig (Foto:ScreenshotFacebook)
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Verspielte Größe

Zum Glück werden im Fußball Leistungen an Toren gemessen. Sie lassen sich, anders in der Politik, nicht zu verkannten oder undankbar ignorierten Erfolgen umlügen. Deshalb wurde Julian Nagelsmann samt seiner Stümperelite in Boston der eigenen Unfähigkeit in Echtzeit entblößt, während Friedrich Merz, der Nagelsmann der Bundesregierung, samt seiner Stümperelite in Berlin weiter sein Ego pampern, sich als Champion gerieren und Deutschland in den Abgrund galoppieren darf.

Dass Deutschland ausgerechnet gegen Paraguay bei dieser WM das Zeitliche segnete, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Das südamerikanische Land zählt zu den bevorzugten Destinationen ausreisewilliger Deutscher und Ex-Pats, denen ihr eigenes Land in jeder Bedeutung dieses Begriffs fremd geworden ist und die vom Irrenhaus Deutschland so die Schnauze voll haben, dass weder Heimweh noch Wegzugssteuer sie halten konnten. Bis zu 60.000 Deutsche oder Deutschstämmige leben inzwischen in Paraguay. Sie können nun wenigstens mit den Fans ihrer Wahlheimat weiter mitfiebern.

Derweil checkt das bunte passdeutsche Völkergemisch der DFB-Auswahlmannschaft, das mit Deutschland ungefähr so viel anzufangen weiß wie Robert Habeck und dem – quod erat demonstrandum – auch jede fussballerische Leidenschaft abging, stattdessen nun zum Rückflug heim ins Reich der Vielfalt ein. Mit der erleuchtenden Gewissheit, dass das beste Deutschland, das es jemals gegeben hat, auch in Nordamerika wieder vor einer diesbezüglich gänzlich desinteressierten Weltöffentlichkeit “Zeichen gesetzt” hat. Wenn natürlich diesmal nicht so penetrant wie 2022 in Katar (und diesmal auch ohne Ministerinnen mit Armbinde): Die Duftmarken der eigenen zeitgenössischen Hypermoral wurden auch diesmal wieder dezent an jeden Stadionpfosten gestrullert. Vielfalt, Respekt und Haltung sind viel wichtiger als Tore. Nimm das, Welt!

Nimm das, Welt!

Linksmilieu und Feuilleton, die sich in den letzten Wochen eifrig um die Umdeutung des 20 Jahre zurückliegenden Sommermärchens zum Startschuss für Pegida, AfD und Neofaschismus bemüht hatten, können nun viel früher aufatmen als erwartet: Ab sofort stehen Deutschlandfahnen wieder exklusiv für völkischen Nationalismus, AfD-Sympathie und Rechtsextremismus! Der Dual Use von Schwarz-Rot-Gold als Fanaccessoire hat sich mit dem gestrigen WM-Aus erledigt. Auch Dunja Hayali muss nicht mehr befürchten, im Studio von Deutschlandtrikots abgelenkt werden.

Über die (Nicht-)Perfomance auf dem Platz und die Figur Nagelsmann mögen sportlich versiertere Geister urteilen; dennoch ein Wort zu diesem wohl größten Fehlgriff des DFB seit „Sir“ Erich Ribbeck: Nagelsmann Profilneurose begleitete ihn natürlich auch bei dieser WM. Das fing schon mit der Optik an. Der deutsche Bundestrainer verkörperte die neue deutsche Würdelosigkeit geradezu paradigmatisch. Größer hätte der Kontrast nicht sein können als ausgerechnet gestern: Paraguays Nationalcoach im Anzug mit Krawatte, eine seriöse und respekteinflößende Erscheinung, die fachliche und persönliche Autorität ausstrahlte – und daneben unser Nagelsmann betont “casual”, unrasiert, mit abgeranztem T-Shirt und dem Outfit eines Obdachlosen. Wie das Land, so die Leute.

Verantwortung für eigenes Versagen übernimmt Nagelsmann natürlich nicht, so wenig wie die politischen Dilettanten hierzulande selbst nach schlimmsten Verfehlungen. Wobei: Sie alle “übernehmen” Verantwortung zwar verbal – bleiben dann aber jede Konsequenz schuldig. So läuft das heute. Ach ja, was fehlte da noch als Krönung? Natürlich die – ironiefreien! – Grußworte des Bundeskanzlers nach getaner Leistungsverweigerung. “Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel! Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“ Das schrieb der Kommunikationsautist Merz tatsächlich wörtlich heute Nacht.

Everybody is a star – auch der größte Loser

Ob Lehrer, die die Analphabeten in der Förderklasse behandeln, als seien diese Jugend-Forscht-Bundessieger, oder Bundesjugendspielführer, die den Fettsack feiern, der als letzter durchs Ziel geht, oder Sozialarbeiter, die die goldenen Herzen ihre asozialen Klientel beschwören, oder eben ein Kanzler, der begeistert ist über eine Totalblamage – Stolz ist in diesem Deutschland zur anlasslosen Empfindung verkommen. Das Selbstbewusstsein bestimmt das sein. Autosuggestives Dunning-Kruger in Baerbockscher Endstufe: Egal, wie grottenschlecht du bist – du bist der Beste! Everybody ist a star – auch der größte Vollversager! Und wenn dich der Rest der Welt auslacht oder nur noch den Kopf schüttelt – du bist einfach grandios! Die Klobrille wird zum Rand der Welt, und das Gurgeln des Abflussrohrs beim Runterspülen sind Schalmeienklänge.

Deutschlands Auftritt bei dieser WM war ein Spiegelbild der rein selbstverschuldeten Situation des ganzen Landes. Warum auch sollte es im Fußball anders sein als in praktisch allen Rankings, von Bildung über Pro-Kopf-Vermögen und Sicherheit bis zur Gesundheitsversorgung? Dieses für alles offene und nicht mehr ganze dichte Land mit seiner pathologischen Identitätsstörung wird nach unten durchgereicht. Es ist zu einer Großmacht der Low-Performer und der Leistungsverweigerer in Unterklassigkeit mutiert. Alles, was hier noch nach oben weist, ist der moralisch oder islamistisch erhobene Zeigefinger.

Aber hey: Nicht verzagen! Wir schaffen das. Und wenn nicht: Dabeigewesen sein ist alles. (DM)

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