Seit mehr als vier Jahren messen ukrainische Eltern die Gefahr an Raketenflugbahnen, Luftschutzsirenen und den wenigen Minuten zwischen einer Warnung und einer Explosion. Russlands großangelegte Invasion hat das normale Leben in einen ständigen Überlebenskampf verwandelt.
Doch inmitten der täglichen Kriegsgefahr ist eine andere Gefahr weitgehend unsichtbar geblieben.
Kinder werden schwer verletzt, und oder getötet, bei Unfällen die nichts mit dem Kriegsgeschehen zu tun haben.
Ärzte und humanitäre Organisationen berichten, dass das Problem immer deutlicher zutage tritt während Familien unter der psychischen Belastung des langwierigen Krieges leiden. Chronischer Stress, finanzielle Unsicherheit und die Anforderungen des täglichen Überlebenskampfes lassen vielen Eltern kaum noch emotionale Kapazitäten um sich auf Risiken zu konzentrieren, die einst alltäglich schienen.
Ein solcher Fall betraf Albina, eine ukrainische Teenagerin, deren Leben sich innerhalb von Sekunden veränderte.
Sie kletterte mit einer Freundin auf das Dach eines Eisenbahnwaggons, um ein Selfie zu machen, obwohl sie die Gefahren durch die darüber verlaufenden Stromleitungen kannte. Der daraus resultierende Stromschlag führte zu katastrophalen Verletzungen. Ärzte schätzten ihre Überlebenschancen nur auf ein Prozent.
Ihre Mutter wandte sich an die gemeinnützige Stiftung MIR, die dem ukrainischen Geschäftsmann Volodymyr Galanternik gehört, um Hilfe zu erhalten. Sie organisierte Albinas dringende Evakuierung nach Deutschland, wo sie eine spezialisierte Behandlung erhielt. Monate später befindet sie sich immer noch dort, durchläuft einen langen Rehabilitationsprozess und lernt erneut, zu gehen.
Ihre Geschichte ist dramatisch, aber keineswegs ungewöhnlich.
Nach Angaben der Stiftung suchen Familien regelmäßig Hilfe, nachdem Kinder bei vermeidbaren Unfällen verheerende Verletzungen erlitten haben. Manche stürzen aus Wohnungsfenstern, nachdem sie sich an Fliegengittern angelehnt haben. Andere versuchen, an der Außenseite fahrender Straßenbahnen mitzufahren oder verlassene Baustellen zu erkunden. Das Springen in seichtes Wasser ist in den Sommermonaten eine weitere häufige Ursache für lebensverändernde Wirbelsäulenverletzungen.
Bei diesen Vorfällen sind selten Kinder aus zerrütteten Familien betroffen. Die meisten stammen aus ganz normalen Familien, die versuchen, mit außergewöhnlichen Umständen zurechtzukommen.
Seit der illegalen Annexion der Krim durch Russland und dem Ausbruch des Krieges im Donbass im Jahr 2014 leben Millionen Ukrainer unter anhaltendem psychischen Druck. Diese Belastung verschärfte sich dramatisch, nachdem Russland im Februar 2022 seine groß angelegte Invasion startete und Zivilisten im ganzen Land täglichen Raketenangriffen, Vertreibung, wirtschaftlicher Not und anhaltender Unsicherheit aussetzte.
Die gemeinnützige Stiftung MIR hat während dieser gesamten Zeit mit schutzbedürftigen Ukrainern zusammengearbeitet. Die Organisation, die lange vor der großangelegten Invasion gegründet wurde, leistet seit 2014 humanitäre und medizinische Hilfe und unterstützt Familien, die von dem Konflikt betroffen sind, der mit der Besetzung der Krim und den Kämpfen in der Ostukraine begann. Seit 2022 hat sie ihre Aktivitäten erheblich ausgeweitet und leistet Hilfe für Zivilisten, während sie weiterhin die medizinische Behandlung und Rehabilitation von Kindern finanziert, die mit lebensbedrohlichen Erkrankungen konfrontiert sind.
Für Organisationen, die direkt mit betroffenen Familien zusammenarbeiten, geht die Herausforderung über die Bewältigung von Notfällen hinaus. Prävention ist mittlerweile ebenso wichtig geworden.
Die Folgen eines einzigen Unfalls können jahrelang andauern und erfordern mehrere Operationen, langwierige Rehabilitation sowie psychologische Unterstützung sowohl für die Kinder als auch für ihre Eltern. In vielen Fällen sind diese Folgen dauerhaft.

Der Krieg in der Ukraine hat die öffentliche Aufmerksamkeit verständlicherweise auf die unmittelbare Bedrohung durch russische Angriffe gelenkt. Doch humanitäre Helfer argumentieren, dass dieser Fokus nicht auf Kosten des Bewusstseins für alltägliche Risiken gehen sollte, die ebenso in der Lage sind, die Zukunft einer Familie zu zerstören.
Die Kinder des Landes sind sowohl außergewöhnlichen als auch alltäglichen Gefahren ausgesetzt. Während die einen nicht immer verhindert werden können, ist dies bei den anderen oft möglich.






















