In Fredl Fesls unvergessenem “Taxilied” steigt ein angeheiterter Fahrgast ein und will nur in die Ottobrunner Straße, eigentlich nur acht Kilometer. Er hat schon, wie er sagt, schon fünf, sechs Maß intus und verlangt extra um den kurzen Weg über Giesing, Martinstraße, bloß keinen Umweg über Garmisch.
Der Taxifahrer erkennt die Gelegenheit sofort, er wartet, bis der Gast eingenickt ist, und dreht dann genüsslich seine große Münchner Sightseeing-Tour. Vorbei am Arabella-Haus, links ab zum Marienplatz, durchs Siegestor, vorbei am Tierpark Hellabrunn, über die Donnersberger Brücke, zum Haus der Kunst, nach Aubing-West und zurück über Sendling, Milbertshofen und Hochbrück. Aus fünf Kilometern werden 19. Der Fahrer kassiert ordentlich ab, während der Fahrgast verschlafen aus dem Fenster schaut und sich wundert, warum das so teuer war.
Wir am Steuer unseres eigenen Taxis
Und weil es mir gelegentlich genauso ergeht, entstand dieser Text. Denn genau diese gedanklichen Taxifahrten machen wir alle täglich und das auch noch freiwillig. Dabei verschleudern unsere Lebenskraft, die, je älter wir schon sind, desto kostbarer ist. Wir sagen uns beispielsweise: „Jetzt denke ich diesen einen Punkt durch. Fünf Minuten, maximal.“ Das Kopf- und Gedankentaxi steht bereit, das Ziel ist klar, die Route eigentlich kurz und als Turboelixier eine dampfende Kaffeetasse neben der Tastatur.
Kaum läuft unser Motor der eigenen grauen Gehirnzellen, hüpfen wir selbst in die Rolle des schlitzohrigen Taxifahrers. Wir sind inkonsequent und lassen uns von jeder blinkenden Werbung ablenken. Es passiert nicht mit uns, wir lassen es geschehen. Wir sind diejenigen, die den Blinker setzen, obwohl wir genau wissen, wo wir hinwollten. Wir fahren Umwege und vergeuden Kraft.
Die endlose Kette der Verlockungen
Wir surfen eigentlich nur nach einer Steuerinformation und schon geht’s los: kurz noch die Sportergebnisse checken, schnell die supergünstigen Flüge anschauen, „Moment, was wollte ich eigentlich? Ach ja, den Lastenausgleich.“
Kaum sind wir dort angekommen, springt uns die Werbung eines Aktienbrokers ins Auge, die Wunder verspricht. Eigentlich wollten wir zur Pressestelle des Finanzministeriums, sehen aber nebenbei den supergünstigen Hybrid aus China, dann wieder zurück zu Bismarck, weil der gerade Geburtstag hatte, und plötzlich leuchten Lederstiefel und ein Biogas-Rasenmäher auf. „Was wollte ich jetzt eigentlich?“
Unsere mentale Spritvergeudung
Jeder neue Reiz riecht interessant wie eine blühende Rose. Unsere Finger surfen durch den Ozean des Internets, unsere Nase folgt wie die eines Zollhundes jedem Duft. Wir verbrauchen unseren mentalen Sprit auf völlig sinnlosen Umwegen. Das eigentliche Ziel verstaubt derweil leise im Kofferraum, während wir durch die halbe digitale Stadt kurven. Am Ende haben wir nichts gewonnen außer einem leeren Tank, respektive Kopf, und dem Umstand, dass aus den geplanten fünf Minuten eine Stunde wurde.
Besonders gnadenlos trifft es Alleindenker und Selbstständige. Im Büro oder mit Partner würde man, so meine Annahme, wie eine alte Dampflok in der Spur gehalten. Man könnte nicht einfach kurz zu McDonald’s abbiegen, ohne dass jemand ruft: „Wir wollten doch nach Hamburg!“ Die Gleise sind vorgegeben, die soziale Kontrolle wirkt wie ein unsichtbarer Lokführer, der einen immer wieder sanft, aber bestimmt zurück auf die Schienen schiebt. Homeoffice – Kevin allein zu Haus?!?
Allein auf weiter Flur
Allein zu Hause gibt es nur uns selbst am Steuer. Kein Kollege, kein Partner, kein natürliches „Du fährst falsch!“. Wir haben längst gemerkt, dass niemand mehr aufpasst. Und genau deshalb lassen wir den Taxifahrer in uns immer wieder die große Tour drehen. Das böse Cortisol steigt, sobald eine neue Schreckensmeldung dazwischenkommt, Fight-or-Flight übernimmt das Ruder, während gleichzeitig das logische Denken endgültig Feierabend macht.
Am Ende des Tages sind wir irgendwo in München-Süd gelandet mit Blick auf die Berge. Oder am Waldfriedhof, nur nicht dort, wo wir eigentlich hinwollten. Der Songtext https://www.lyrix.at/t/fredl-fesl-taxilied-ac5 Wer des Bayerischen mächtig ist: https://www.youtube.com/watch?v=jj-vYGJahUw&list=RDjj-vYGJahUw&start_radio=1























