Der FC Bayern erweist sich wieder einmal als Vorreiter im deutschen Fußball – diesmal aber im Negativen. Wer seine Spiele in der heimischen Allianz Arena verfolgen will, braucht ab der nächsten Bundesliga-Saison zwingend ein Smartphone und entweder die FC-Bayern-App oder die Allianz-Arena-App. Die gedruckte Eintrittskarte wird komplett abgeschafft, PDF-Tickets und Screenshots werden nicht mehr akzeptiert, Anbieter wie Apple Wallet oder Google Wallet nicht mehr unterstützt. Die zugeteilten Tickets werden zwei Wochen vor dem Spiel automatisch in der Vereins-App oder der Arena-App in digitalen Brieftaschen hinterlegt. Wer ins Stadion will, muss das Handy an die Drehkreuz-Sensoren halten. Wer kein Smartphone besitzt oder mit dessen Bedienung überfordert ist, muss sich an den Verein wenden und darauf hoffen, doch noch auf die altbewährte Weise ins Stadion zu kommen.
Kinder, Senioren und Behinderte, deren Ticket auf dem Smartphone ihrer Eltern oder Begleitungen hinterlegt ist, erhalten nach entsprechendem Nachweis Einlass- und Auslassscheine aus Papier, um beispielsweise eigenständig Essen oder Getränke an den Kiosken kaufen und anschließend wieder auf ihren Platz zurückkehren zu können. Mindestens ein Zuschauer dieser Gruppen muss die Karten aber trotzdem auf dem Handy in einer der beiden Apps haben.
Voll auf Systemlinie
Verkauft wird dieser Digitalzwang in bewährter Manier als „modernes Ticketing“, „Komfort“ und Vereinfachung. Auch das Nachhaltigkeitsgeschwätz darf nicht fehlen. Unter anderem will der FC Bayern an Papier und Druckerpatronen sparen. Die Realität sieht so aus, dass jeder, der ein Heimspiel besuchen will, dem Club gegenüber seine gesamte Identität und die seiner Begleiter offenlegen muss. Wer das nicht will, muss eben draußen bleiben. Den Verein tangiert das nicht, da die Nachfrage nach Tickets um ein Vielfaches größer ist als die Kapazitäten. Den allermeisten Fans macht es nichts aus, sich digital völlig zu entblößen, um eines der begehrten Heimspiele sehen zu können.
Als Branchenführer wird der FC Bayern hier als Vorbild für andere gelten, zumal es ohnehin politisch erwünscht ist, dass der öffentliche Raum nur noch digital kontrolliert betreten werden darf. Wer noch am öffentlichen Leben teilnehmen will oder muss, hat bald keine andere Wahl mehr. Der simple Kauf eines Papiertickets, ohne seine gesamte Identität offenzulegen und digitale und rückverfolgbare Spuren zu hinterlassen, wird bald überall der Vergangenheit angehören. Anonymität und Privatsphäre werden schrittweise abgeschafft. Und die meisten taumeln sorglos in die totalüberwachte Zukunft, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, welche dystopischen Folgen all diese vermeintlichen Erleichterungen des Alltags haben werden. (TPL)























