von Bernd Volkmer
Es gibt Augenblicke, da muss man innezuhalten und die atemberaubende Effizienz unseres Heimatlandes bewundern. Die Deutsche Bahn hat Pünktlichkeit längst als bürgerliches Konstrukt entlarvt, unsere Brücken verabschieden sich schrittweise in die wohlverdiente dynamische Entspannung, und in den Schultoiletten unseres Landes werden erfolgreich neue biologische Kampfstoffe für das nächste Jahrhundert gezüchtet. Alles läuft nach Plan. Wer möchte da noch kleinlich sein?
Doch während wir dachten, die Infrastruktur hätte den Gipfel der Absurdität bereits erklommen, beweist uns unser geliebter Logistik-Gigant DHL: Da geht noch was. Nehmen wir das Beispiel meines Nachbarn. Dieser unverschämte Optimist gab vor sechs Wochen eine bescheidene Buchsendung auf. Ziel: Die Niederlande. Ein Land, so nah, dass man von NRW aus quasi ein Buch hinüberwerfen könnte.
Spezial-Service „Känguru“: Warum Niederlande, wenn man Down Under haben kann?
Doch einfache Wege sind etwas für Amateure. DHL erkannte das Potenzial dieser Lektüre und spendierte ihr prompt eine Abenteuerreise nach Australien. Seit drei Wochen liegt das Buch nun entspannt im Land der Koalas, bewegt sich keinen Millimeter und genießt mutmaßlich das Ozonloch. Auf die verunsicherte Nachfrage meines Nachbarn stellte DHL gewohnt souverän klar: Haftung? Wofür denn bitte?
„Wir haben schließlich geliefert! Dass der Empfänger im falschen Land wohnt, ist nun wirklich nicht unser Problem. Außerdem war der Flug nach Sydney erheblich teurer als die mickrige Gebühr ins Nachbarland. Eigentlich müsste der Kunde noch nachzahlen!“, so ein DHL-Mitarbeiter (im Geiste). Man muss diese betriebswirtschaftliche Magie einfach lieben. Sie bestellen eine Waffel in Amsterdam und bekommen ein Känguru-Steak in Perth – ohne Aufpreis.
David Copperfield war gestern: Die Teleportation von Paket 150726
Nun könnte man meinen: Ach, ein Einzelfall! Doch das System DHL denkt in größeren Kategorien. Fast zeitgleich wurde ich nämlich Zeuge eines logistischen Zaubertricks der Extraklasse. Eine 88-jährige Bekannte aus Sachsen gab am 15. Juli ein versichertes Paket an mich (in NRW) auf. Es lief anfangs erschreckend gut: Bereits am 17. Juli erreichte die Sendung meine Region. Doch dann erinnerte sich das Paket an seine deutschen Wurzeln und tauchte erst einmal für sechs Tage schlichtweg ab.
Als es am 23. Juli wieder im System erschien, war es beschädigt und musste neu verpackt werden. Versteht sich von selbst. Doch anstatt das Paket nun einfach an meine Tür zu bringen, geschah das Wunder: Das Paket befand sich nachweislich nie auf einem Zustellfahrzeug.
Dennoch stellte ein telepathisch begabter Logistik-Scherge hellseherisch fest: „Der Empfänger konnte unter der Adresse nicht gefunden werden.“ Ich wohne übrigens in einem Einfamilienhaus – mit genau einer Klingel und genau einem Briefkasten. Das ganze mit meinem Namen beschriftet – in Großbuchstaben, gut lesbar, sogar ohne Lupe. Aber gegen die metaphysische Sehkraft der DHL-Zustell-Software hatte mein Klingelschild keine Chance. Das Paket wurde per Ferndiagnose für „unzustellbar“ erklärt und zurückgeschickt.
Das große Finale: Die Irrfahrt der Retoure
Wer nun denkt, die Sendung träte einfach den Rückweg an, unterschätzt die dramaturgische Tiefe der Gelben Riesen. Am 27. Juli – sportliche 12 Tage nach der Aufgabe – sollte das Paket endlich wieder bei der betagten Dame in Sachsen ankommen. Doch huch! Falsches Zustellfahrzeug! Ein Extra-Tag Odysee muss schließlich sein, wir haben ja Zeit. Am 13. Tag erreichte das leidgeprüfte Paket schließlich seine Absenderin. Die Begründung auf dem Rücksendeaufkleber war ein echtes Meisterwerk der Fiktion: „Empfänger nicht angetroffen: Kein Name an Klingel oder Briefkasten.“
Man muss vor dieser Leistung den Hut ziehen. DHL schafft es, Pakete nicht zuzustellen, ohne überhaupt hinzufahren, erfindet unterwegs unsichtbare Häuser und schickt Bücher zum Sightseeing ans andere Ende der Welt.
Fazit: Ein Slogan für die Zukunft
Vergessen Sie „Connect People“ oder „Exzellenz in Logistik“. Der neue, ehrliche Slogan der Deutschen Post AG muss lauten: „DHL – Wir lassen Ihre Sendung verschwinden, übernehmen keine Haftung und Sie können suchen bis zum Sankt Nimmerleinstag!“
In diesem Sinne: Ich warte jetzt auf ein Paket aus Berlin. Laut Sendungsverfolgung steht es gerade an der Haltestelle in Bielefeld. Und wie wir alle wissen, gibt es Bielefeld gar nicht. Das Paket ist also absolut sicher.























