Während der Christopher-Street-Day-Attentäter Abdul Ballout in aller Heimlichkeit und unter Polizeischutz auf einem Berliner Friedhof beigesetzt wurde, verdichten sich die Hinweise darauf, dass er nicht allein handelte, sondern bei seiner Tat möglicherweise angeleitet wurde. In dem Transporter, den er für den Anschlag benutzte, wurde ein zweites Handy gefunden. Dieses war den Ermittlern nicht bekannt und wurde somit auch nicht abgehört. Man geht nun davon aus, dass sich auf dem Telefon weitere Informationen über die Hintergründe des Anschlags finden. Auch die Bewegungsdaten des Fahrzeugs deuten darauf hin, dass Ballout mit mindestens einer anderen Person in Kontakt stand, als er die Tat verübte. Er fuhr nicht direkt zum Ort des Anschlags, sondern einen Zickzack-Kurs, bei dem er stoppte und wieder beschleunigte.
Die Machete, mit der er auf die CSD-Besucher losgegangen sein soll, wurde bis heute nicht gefunden, obwohl Einsatzhundertschaften den Tiergarten zweimal durchsucht hatten. Das Messer, das Ballout beim Zugriff der Polizei in der Kleingartensparte in Spandau bei sich trug, bei dem er erschossen wurde, ist jedenfalls erwiesenermaßen nicht die Tatwaffe. Laut Zeugenaussagen war ein weiterer Mann aus einem Gebüsch gesprungen, habe Menschen angegriffen und sei mit einer Wasserflasche niedergestreckt worden.
Eklatantes Staatsversagen
Ermittler gehen auch davon aus, dass Ballout wusste, dass er observiert wurde. Anfang Juli war er vor sein Wohnhaus getreten, wobei gut sichtbar eine Pistole in seinem Hosenbund steckte. Daraufhin wurde seine Wohnung von Spezialkräften durchsucht, die jedoch lediglich eine Spielzeugpistole fanden. Deshalb vermutet man, dass Ballout testen wollte, ob die Polizei ihn filmt und wie schnell sie zugreift. Nach wie vor steht die drängende Frage im Raum, wieso Ballout, der lange als islamistischer Gefährder bekannt war und seit seiner Haftentlassung im Mai in zwei Schichten von einem Mobilen Einsatzkommando observiert wurde, den Anschlag dennoch ausführen konnte – abgesehen von dem Skandal, dass er sich überhaupt auf freiem Fuß befand. Die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Meisel Slowik hatte nach dem Anschlag die üblichen Phrasen von „maximaler Transparenz und lückenloser Aufklärung“ abgesondert. „Wir haben nichts, aber auch gar nichts gefunden, was uns zu einer Prognose gebracht hätte, die zu einer Fußfessel oder Präventivhaft geführt hätte“, sagte sie – als ob das, was über Ballout bereits bekannt war, solche Maßnahmen nicht gerechtfertigt hätte.
Derzeit deutet alles auf ein eklatantes Staatsversagen hin. Ballout konnte trotz engmaschiger Überwachung einen Terroranschlag ausführen, erhielt zuvor einen Haftaufschub, verfügte über ein Telefon, das den Behörden nicht bekannt war und hatte vermutlich Mitwisser oder sogar Mittäter, die, wie er selbst, wohl mit der Terrororganisation „Islamischer Staat“ in Kontakt standen. Das alles vor den Augen des Staates, der sonst jeden Normalbürger wegen Nichtigkeiten schikaniert, aber regelmäßig versagt, wenn es um die wirklichen Gefahren im Land geht. (TPL)























