Ein Vabanquespiel: Heimweg zu Fuß im bunten Berlin (Symbolbild:KI)
[html5_ad]

In Berlin heil nach Hause kommen: Da stehen die Chancen im Lotto besser…

Nachts heil nach Hause zu kommen, hat in Berlin eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit. Aber eben nur eine Wahrscheinlichkeit. Die allermeisten Menschen erreichen ihre Wohnung unversehrt. Das ist statistisch beruhigend. Nur möchte niemand der Einzelfall sein. Einer von knapp 140 Millionen Spielern gewinnt beim Lotto 6 aus 49 den Hauptpreis.

Trotzdem hofft jeder Spieler, ausgerechnet dieser eine zu sein. Beim nächtlichen Heimweg kehrt sich die Hoffnung um. Ausgerechnet dieser eine möchte niemand sein, der als Einzelfall in der Zeitung steht.

Noch 1.200 Meter bis zur Haustür

S-Bahn, U-Bahn und Regionalzüge bringen mich bis zum Bahnhof Zoo. Von dort sind es noch rund 1.200 Meter bis zu meinem „Mein Heim ist meine Burg“. Ein Bus fährt nicht in meine Richtung. Es bleiben Taxi, Bolt, Uber oder eben per pedes.

Der Weg beginnt zwischen den üblichen Jägermeister-Gestalten. Sie grölen, torkeln und rotzen. Die meisten beschränken sich nur auf akustische Beiträge. Das muss inzwischen schon lobend erwähnt werden. Der Bahnhof Zoo ist mit menschlichen Abgründen seit Jahrzehnten vertraut. Der Film „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ aus dem Jahr 1981 machte das Drogenmilieu weltbekannt. Die Kinder vom Bahnhof Zoo sind längst erwachsen. Das Elend hat nur seine Garderobe gewechselt. Zunächst muss ich am Breitscheidplatz vorbei. Dort erinnern Poller und Sperren daran, dass der islamistische Attentäter am 19. Dezember 2016 einen gestohlenen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt steuerte. Zwölf Menschen starben. Zahlreiche wurden verletzt. Heute stehen dort Poller.

Einzelfälle rund um den Zoo

Am Bahnhofsvorplatz stehen Reisende, Touristen, Obdachlose – bei denen man lieber nicht herausfinden möchte, weshalb sie einen so aufmerksam betrachten. Im Juli 2021 wurde dort unmittelbar neben dem Imbiss Curry 36 ein Passant ohne ersichtlichen Grund angegriffen und mit mehreren Messerstichen schwer verletzt. Der Täter entkam. Natürlich betraten auch an diesem Tag Tausende den Bahnhof und verließen ihn wieder, ohne beraubt oder niedergestochen zu werden. Die Quote, nicht erstochen zu werden, bleibt ausgezeichnet.

Der Berliner Bürger betrachtet seine körperliche Unversehrtheit nämlich nicht als günstige Gewinnchance. Er hält sie in seiner altmodischen Einfalt für eine Selbstverständlichkeit. Bei den 15.000 Taschendiebstählen kommt ja niemand um, sagt die Statistik.

Ermordet hinter dem Bahnhof Zoo

Am Abend des 5. September 2017 ging dort Susanne Fontaine entlang. Die 60-jährige Kunsthistorikerin von Schloss Glienicke wollte nach einem Treffen mit Freundinnen zum Bahnhof Zoo und von dort nach Hause. Sie kam nicht an. Der abgelehnte Asylbewerber Ilyas A. aus Tschetschenien überfiel, beraubte und ermordete sie.

Ihre Leiche wurde drei Tage später im Gebüsch gefunden. Der Täter wurde später zu lebenslanger Haft verurteilt. Heute erinnert eine Gedenktafel an Susanne Fontaine. Berlin konnte sie nicht schützen. Die Tafel wurde später zerschlagen und bis heute nicht ersetzt.

Soll mich die Statistik beruhigen?

Beim Lotto genügt ein einziger Gewinner, damit die Werbung wirkt. Bei der inneren Sicherheit genügt ein einziges Opfer, um eine Familie für immer zu zerstören. Wer sagt, die allermeisten Menschen kämen heil nach Hause, sollte deshalb hinzufügen, für wen er die Rolle des Einzelfalls vorgesehen hat.

Für die letzten 1.200 Meter nehme ich lieber ein Taxi. Nicht aus Angst. Nur wegen der besseren Quote. Der Berliner Spruch „und das ist gut so“ ich ihn lieber nicht anwenden.

bc63d5a7615c4f66a467fd347c5497ac
image_printGerne ausdrucken

Themen