Spätestens diese Bilder dürften die angeblichen Begehrlichkeiten Wladimir Putins, Deutschland erobern zu wollen, definitiv beseitigt haben: In Berlin geriet das Nackradeln zum Schaulaufen der Dekadenz auf zwei Rädern. 500 bis 700 Menschen radelten nackt oder halbnackt durch Berlin – vom Mauerpark entlang des Mauerwegs bis nach Schönefeld, vorbei an Reichstag und Brandenburger Tor. Der erste „World Naked Bike Ride“ in der Hauptstadt sollte laut Organisatoren ein Zeichen für “Toleranz, Selbstakzeptanz, Vielfalt, Naturverbundenheit und Umweltschutz” setzen. Was als emanzipatorischer Akt der Freikörperkultur verkauft wurde, entpuppte sich als dekadente Selbstinszenierung einer schrumpfenden Nischenbewegung. Vor nicht allzu langer Zeit wär eine solche Aktion entweder ein Fall für den Staatsanwalt wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses gewesen – oder für die Psychiatrie. Heute wird es gefeiert, wenn sich erwachsene Leute zum Narren machen.
Die Realität widerspricht dem hohen Pathos der Veranstalter eklatant: Die Mehrheit der Teilnehmer war männlich und geschätzt über 50 Jahre alt; Frauen und Jüngere blieben die Ausnahme. Niemand will sowas sehen. Die Zumutung von Falten, Cellulite und Gerontenspeck erfordern wahrlich viel “Toleranz“ beim Betrachter. Während FKK-Vereine laut eigenen Angaben Mitglieder verlieren, greift man zu spektakulären Mitteln, um Relevanz zu beweisen. „Nackt sind wir alle gleich“ – das Motto klingt hohl, wenn die Demografie so einseitig ist und die Aktion vor allem älteren Männern eine Bühne bietet.
Obszönes Narrentheater
Noch problematischer ist das Außenbild. Zwar ist man von Berlin fast alles gewohnt, doch dass Passanten, darunter Familien und Touristen, hier unfreiwillig mit diesem Anblick konfrontiert wurden, ist fürs Image der Hauptstadt alles andere als förderlich. Die Polizei begleitete den Zug. Dass auch Kinder bei diesem obszönen Narrentheater dabei waren – unter dem Deckmantel der Versammlungsfreiheit – ist bezeichnend in Zeiten der staatlich geduldeten Frühsexualisierung. Dass Freiheit dort endet , wo sie anderen aufgedrängt wird, scheint keinen zu bekümmern. In einer Stadt mit Verkehrsproblemen, Wohnungsnot und echten sozialen Herausforderungen wirkt dieses nackte Spektakel wie der Inbegriff des gesellschaftlichen Totalzerfalls: Statt Lösungen zu fordern, zelebriert man den eigenen Körper als politische Aussage und verpackt Exhibitionismus als Aktivismus.
Wer sich hier natürlich angesprochen fühlt, war klar: Obwohl die Organisatoren aus dem “Taunus-Nackt-Mountainbike-Kreis” Wert darauf legten, “Fetisch-Elemente” zu verbieten – tauchten am Ende des Zugs natürlich wieder die unvermeidlichen Hundemasken auf. Die Veranstaltung macht Berlin nicht freier oder toleranter, sondern lächerlich. In Zeiten realer Krisen ist das nackte Radeln kein Meilenstein der Demokratie, sondern ein peinlicher Anachronismus einer Gesellschaft, die sich lieber selbst bespiegelt, als sich den eigentlichen Problemen zu stellen. (TPL)























