Ulrich Siegmund will Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt werden. Vier Stunden lang stellt sich der 35-Jährige im Video-Podcast „ungeskriptet“ mit 1 Million Abonnenten den Fragen von Ben Berndt.
Dabei entstand ein ungewöhnliches persönliches Bild eines jungen Politikers, der locker, direkt und frisch von der Leber weg spricht.
Vier Stunden sind für einen Politiker verdammt viel Zeit. Zehn Minuten kann man eine Rolle spielen, eine Stunde vielleicht auch noch. Danach kommt irgendwann der Mensch durch.
Vier Stunden sind eine lange Prüfung
Bei Siegmund geschieht genau das. Er redet schnell, schweift ab, lacht, erzählt von kaltem Kaffee, seinem früheren Unternehmen, seiner Jugend, dem Fitnessstudio und seinem Alltag. Er gesteht eigene Fehler ein und sagt sogar offen, wo er persönlich anders denkt als Teile seiner Partei.
Der Name des Podcasts könnte deshalb kaum besser passen. „ungeskriptet“ bedeutet „ohne Drehbuch“. Bei Siegmund hat man tatsächlich den Eindruck, dass auch im Kopf keines liegt. Die Sätze kommen, wie sie kommen.
Eher Schwiegermutterliebling als Schreckgespenst
Wer nach manchen Schlagzeilen einen politischen Berserker erwartet, erlebt eine Überraschung. Vor der Kamera sitzt eher der Typ Schwiegermutterliebling. Gepflegt, höflich, humorvoll, manchmal jungenhaft und mit bemerkenswert guter Laune.
Siegmund erzählt auch, wie sich sein Alltag verändert hat. Beim Einkaufen oder im Fitnessstudio werde er inzwischen häufig freundlich angesprochen. Natürlich gebe es auch Menschen, die ihm ihre Ablehnung deutlich zeigen. Seine handfeste Bilanz lautet: Auf einen ausgestreckten Mittelfinger kämen inzwischen 500 bis 800 erhobene Daumen.
Lust am direkten Kontakt
Seinen Personenschützern dürfte dabei regelmäßig mulmig werden, denn Siegmund sucht auch im Gedränge den direkten Kontakt und geht mit ausgestreckter Hand auf die Menschen zu.
Besonders auffällig ist seine Lust am direkten Kontakt. Bei Gegendemonstrationen bleibt Siegmund nach eigener Schilderung nicht bei seinen Anhängern stehen. Er geht zu den Demonstranten hinüber, stellt sich vor und fragt, warum sie eigentlich gegen ihn protestieren.
Das kann man mutig nennen oder politisch geschickt. Wahrscheinlich ist es beides.
Auch über seinen Auftritt bei Markus Lanz erzählt er überraschend gelassen. Dort sei er häufig unterbrochen worden und habe gewusst, dass jeder falsche Satz später als kurzer Ausschnitt durchs Netz laufen könne. Der politische Gegner bleibt Gegner. Menschlich kann man trotzdem miteinander reden.
Der andere Stuhl blieb leer: Schulze kneift
Eigentlich hatte Ben Berndt eine noch spannendere Sendung geplant. Neben Siegmund sollte auch CDU-Ministerpräsident Sven Schulze am Tisch sitzen.
Berndt wollte beide Kandidaten miteinander diskutieren lassen. Für die Anreise bot er sogar eine Privatmaschine an. Schulze lehnte das Duell ab.
Damit entstand eine politische Versuchsanordnung, die kaum deutlicher sein könnte. Der eine Kandidat setzt sich vier Stunden vor Kamera und Mikrofon und beantwortet praktisch alles. Der andere lässt den Stuhl frei. Warum wohl?
Gerade im Wahlkampf wäre ein solches Gespräch die Gelegenheit gewesen, dem stärksten Gegner stundenlang zu widersprechen.
Bereits 13.000 Kommentare nach fünf Stunden
Noch auffälliger als die Aufrufzahl von vier Stunden sind die Kommentare unter dem Video. Die von uns gesichtete Auswahl ist nahezu überschwänglich zustimmend. Dabei geht es erstaunlich oft weniger um einzelne AfD-Forderungen als um Siegmunds Auftreten. Zuschauer beschreiben ihn als bodenständig, sympathisch, offen und dialogbereit.
Viele freuen sich gerade darüber, dass er ausführlich reden und seine Gedanken zu Ende führen kann. Andere hatten offenbar schon länger auf genau dieses Gespräch gewartet. Zahlreiche Zuschauer wollen das Video möglichst weit verbreiten und helfen demonstrativ dem YouTube-Algorithmus auf die Sprünge.
Vier Stunden wirken auf dieses Publikum nicht wie Überlänge. Sie sind offenbar Teil des Reizes.
Endlich darf einer einmal ausreden!
Genau darin dürfte ein Teil der Wirkung liegen. Das Publikum bekommt nicht vier Minuten Politiker, sondern vier Stunden Mensch.
Siegmund spricht frei. Mal wirkt er selbstbewusst, mal großspurig, dann wieder fast unbekümmert. Gerade diese kleinen Ecken machen ihn glaubwürdiger als einen vollständig glattgezogenen Kandidaten.
Wer vier Stunden frei redet, liefert seinen Gegnern natürlich reichlich Material. Gleichzeitig liefert er etwas, das im politischen Betrieb selten geworden ist: Persönlichkeit.
Der Zuschauer kann beobachten, wie Siegmund reagiert, wenn das Gespräch einen Umweg nimmt, wenn eine unangenehme Frage kommt oder wenn plötzlich über ganz persönliche Dinge gesprochen wird.
Nach vier Stunden kennt man selbstverständlich nicht den ganzen Menschen. Aber man kennt deutlich mehr als nach einer Fernsehdebatte mit Stoppuhr.
Ben Berndt lässt die Leute reden
„ungeskriptet“ lebt genau von diesem Prinzip. Gastgeber Ben Berndt setzt Menschen an einen Tisch und gibt ihnen Zeit. Viel Zeit. Dadurch entstehen Gespräche mit Umwegen, Wiederholungen, kleinen Schwächen und überraschenden Momenten.
Der Podcast hat sich damit eine große Reichweite aufgebaut. Bei Berndt saßen bereits sehr unterschiedliche prominente und umstrittene Gäste. Sein Erfolgsrezept wirkt dabei beinahe altmodisch: fragen, zuhören und den Gesprächspartner reden lassen.
Bei Ulrich Siegmund funktioniert dieses Prinzip besonders gut, weil dessen eigene Art fast genauso ungeskriptet wirkt wie der Name des Podcasts.
Ben Berndt muss seinen Zuschauern nicht erklären, wer vor ihm sitzt. Er lässt einen Menschen vier Stunden reden. Danach darf das Publikum selbst entscheiden.























