Ikonisch: Uli Siegmund und das Kult-Vehikel (Foto:KI)
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Uli Siegmunds Wahlkampf mit dreieinhalb Pferdestärken

Ein Moped-Konvoi mit 300 Teilnehmern knattert sechs Stunden lang durch Städte und Dörfer. An der Spitze eine blaue Schwalbe. Der Lenker hat ein großes Ziel. Andere Spitzenkandidaten fahren mit 500 Pferdestärken zum Wahltermin. Ulrich Siegmund (35) will Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt werden. Ihm genügen dreieinhalb PS.

Die Schwalbe verleiht Flügel

Die Simson Schwalbe wurde von 1964 bis 1986 in Suhl gebaut. Fast 1,2 Millionen Stück liefen vom Band. Sie war für viele im Osten weit mehr als nur ein Kleinkraftrad. 50 Kubikzentimeter, dreieinhalb PS und 60 Stundenkilometer Spitze. Dazu das weithin hörbare 2-Takt-Knattern und die blaue Rauchfahne im Schlepptau.

Für viele Menschen im Osten hängt an der Schwalbe ein halbes Leben. Der eine fuhr damit zur Arbeit, der andere zur Freundin, der nächste zum Badesee. Heute steht sie noch in Garagen, wird gepflegt, zerlegt und wieder zusammengeschraubt. Ein Oldtimer.

Sechs Stunden auf dem harten Sitz

Dabei setzt sich der künftige Ministerpräsident nicht zehn Minuten für die Fotografen auf den Sattel. Sechs Stunden lang knattert der Konvoi durch Städte und Dörfer. Vorneweg die mit AfD-blau lackierte Schwalbe des Ulrich Siegmund. Dahinter Hunderte Schwalben mit blauen Fähnchen. An den Dorfstraßen stehen Hunderte Menschen, winken mit blauen Fähnchen und jubeln. Kein Hochglanzbus, keine schwarze Limousine mit getönten Scheiben, kein Chauffeur.

Das ist Bescheidenheit, die man sehen kann. Der Motor wird mit einem Startpedal zum Leben erweckt. Einmal kräftig drauf treten, manchmal braucht es zehn oder zwanzig Versuche. Ganz wie in der Politik.

Die Schwalbe steht selbst in der Garage

Darin liegt das Geniale dieses Wahlkampfs. Die Schwalbe muss den Leuten nicht erklärt werden. Sie kennen das treue Stück selbst. Der Opa ist damit früher zur Arbeit oder zur Freundin gefahren. Der Enkel schraubt heute wieder daran. Und wenn die Schwalbe partout nicht anspringen will, kommt der Zündkerzenschlüssel aus dem Zubehörfach. Kerze raus, mit einer kleinen Drahtbürste den alten Ruß herunter, wieder einschrauben. Dann funkt die Zündkerze wieder.

In der Politik übrigens auch, wenn der alte Ruß erst einmal weggefegt ist. Wenn Siegmund anschließend auf dem Dorfplatz von seiner eigenen Schwalbe steigt, ist das Gespräch längst eröffnet. Einer erzählt von seiner ersten Schwalbe, der nächste von einer Tour vor vierzig Jahren. Noch bevor das erste politische Wort gefallen ist, steht der Kandidat mitten unter den Leuten.

Das Land der Frühaufsteher knattert los

Und die alte Schwalbe besitzt sogar noch einen kleinen Triumph über die Gegenwart. Die alten Schwalben dürfen weiterhin 60 Stundenkilometer fahren, während modernen Kleinkrafträdern meist schon bei 45 km/h abgeriegelt sind. Manches Alte hält eben länger als gedacht. Und Sachsen-Anhalt bekommt damit einen Wahlkampf, der zum Land der einstigen Frühaufsteher passt. Bodenständig, ein wenig eigensinnig und weit entfernt vom politischen Hochglanzbetrieb.

Der Mann, der Ministerpräsident werden will, fährt nicht nur zu seinen Wählern. Er fährt mit ihnen. Mit dreieinhalb Pferdestärken.

Flieg, Schwalbe, flieg!

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