Noch hat Sachsen-Anhalt gar nicht gewählt, doch die Briefwahl sorgt bereits für Unmut. In Magdeburg wurden 440 Wahlscheine doppelt gedruckt und verschickt. In Halle passierte Ähnliches mit 1.184 Briefwahlunterlagen. Zusammen macht das 1.624 Fälle.
Jetzt aber kommt die Wahl-Revolution: Das Internationale Institut für angewandte Demokratie in Reykjavík hat die Lösung gefunden. Künftig soll jeder Wähler fünf Demokratiechips erhalten und seine Zustimmung auf mehrere Parteien verteilen dürfen. Das Verfahren heißt OND, optimierte neue Demokratie. Genial einfach und endlich gerecht. Demonstrationen der Antifa werden dort befürchtet. Zu weit weg, zu kalt und zu windig.
Freie Wahlen für freie Bürger
Ein Wähler findet vielleicht manches bei der CDU gut. In anderen Fragen stimmt er der SPD zu. Auch einige Vorschläge der AfD hält er für richtig. Trotzdem muss er seine ganze Zweitstimme einer einzigen Partei geben. Das kostet Überwindung. Mit der Erststimme, mit der eine bestimmte Person direkt gewählt werden kann, ändert sich nichts.
Staatlicherseits heißt es schließlich immer, der Mensch solle vorsorgen und nicht alle Eier in ein einziges Körbchen legen. Kein Rentenberater würde ihm empfehlen, sein gesamtes Vermögen auf eine einzige Zahl zu setzen. Nur bei Wahlen soll er sein vollständiges politisches Kapital in eine Waagschale werfen. Das soll sich ändern.
Fünf Demokratiechips für jeden Erwachsenen
Jeder Wahlberechtigte erhält künftig fünf amtlich versiegelte Demokratiechips, so wie wir es von der staatlichen Spielbank unseres Vertrauens bereits kennen. Am Roulettetisch hat der Staatsbürger derzeit nämlich mehr Auswahl als bei einer Bundestagswahl. Am grünen Tisch kann er seinen Einsatz verteilen. Etwas auf Schwarz, etwas auf Rot, vielleicht noch auf die 17. Durch heftiges Nachdenken optimiert er seine Gewinnchancen. Genau dieses bewährte Verfahren soll auf Landtags- und Bundestagswahlen übertragen werden.
Im OND-System setzt der Wähler beispielsweise einen Chip auf die CDU und vier auf die AfD. Oder zwei auf die CDU, zwei auf die AfD und einen auf die SPD. Besonders ausgeglichene Naturen verteilen ihre fünf Chips auf fünf Parteien. Ein Chip entspricht 20 Prozent Zustimmung. Mehr an Entschuldigung am Stammtisch geht wirklich nicht mehr. Um 18 Uhr wird gezählt, welche Partei die meisten Chips eingesammelt hat. Kein Bürger muss mehr einer Partei seine vollständige Liebe erklären. Er kann sich politisch mehrere Türen offenhalten und sein Risiko vernünftig streuen.
Dort wartet ein amtlich geprüfter Wahlcroupier.
Er überwacht die Verteilung und achtet darauf, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Der Bürger schiebt seine Chips auf die gewünschten Parteien. Wer nur eine Partei kennt, legt alle fünf auf dasselbe Feld. Politisch vielseitig gebildete Bürger werden ihren Einsatz breiter streuen. Und die Kamera zeichnet alles auf, niemand kann mehr sagen, er hätte sich verwählt. Kurz vor Ablauf der Wahlzeit erhebt sich der Wahlcroupier und ruft: „Rien ne va plus. Nichts geht mehr.“
Danach dürfen keine Chips mehr verschoben werden. Wer alle fünf auf eine Partei gesetzt hat, kann seinen Einsatz nun nur noch durch vier Jahre Hoffen retten. Niemand ist mehr nur schwarz, rot oder blau. Künftig kann niemandem mehr vorgeworfen werden, er sei ein Schwarzer, ein Roter, ein Blauer, ein Gelber oder ein Grüner. Der vielseitig gebildete Bürger verteilt einfach je einen Chip auf CDU, SPD, AfD, FDP und Grüne. Damit ist er politisch vollkommen ausgewogen und sichert zugleich seine berufliche Karriere ab.
Die Bank gewinnt immer
Natürlich erfordert die Reform erhebliche Investitionen. Deutschland braucht größere Wahllokale, grüne Filztische, Chipkoffer, Überwachungskameras und Tausende ausgebildete Wahlcroupiers.
Auch eine Demokratiechipverordnung muss ausgearbeitet werden. Darin werden Durchmesser, Gewicht, Farbe, Dicke und Klang jedes Chips genau geregelt. Ein deutscher Demokratiechip darf schließlich nicht einfach irgendwie auf den Tisch fallen. Dazu kommen Fortbildungen für Wahlcroupiers, staatliche Prüfstellen für Filztische und vermutlich eine Bundesstelle für Demokratiechipgerechtigkeit.
Das alles kostet Geld. Doch eine optimierte neue Demokratie darf nicht am Geld scheitern. Schließlich erhält der Bürger erstmals die Möglichkeit, sein politisches Vertrauen so vernünftig zu streuen wie sein Erspartes. In der Spielbank heißt es, am Ende gewinne immer die Bank. In der Demokratie gewinnt das Parteiensystem. Die Milliarden für Abgeordnete, Mitarbeiter und Sachleistungen werden durch OND schließlich nicht weniger.























