Inflation 1923: Die verarmten Millionäre

Das Statistische Bundesamt verkündete, die Inflationsrate habe im Juli bei 2,8 Prozent gelegen. Die amtliche Zahl sagt das eine. Die Kasse im Supermarkt sagt etwas anderes Inflation macht uns ganz konkret ärmer. Der Großvater des Autors, Xaver Müller, geb. 1878, war Bauer in Bayern. Über den damals üblichen Tauschhandel liegen allerdings keine guten Daten vor. Blicken wir deshalb nach Berlin im August 1923.

Ein Familienvater arbeitet sechs Tage in der Woche, am Samstag bekommt er seinen Lohn bar ausbezahlt. Und plötzlich ist er Millionär. Bei Berliner Buchdruckern lagen die Löhne Anfang August bei fünf Millionen Mark in der Woche, kurz darauf bei zwölf Millionen, Mitte bis Ende August rechnerisch schon über 36 Millionen. Reich war damit niemand. Mit den Millionen mussten Brot, Kartoffeln, Milch, Schmalz, Kohlen und auch die Miete bezahlt werden. Die Währung hieß Mark. Die Reichsmark kam erst 1924.

Plötzlich Millionär, Milliardär, Billionär usw….

Das Geld wurde aber jeden Tag weniger wert. Was am Samstag noch für Brot beim Bäcker, Fleisch beim Metzger, Kartoffeln auf dem Wochenmarkt und vielleicht eine Schuhreparatur beim Schuster reichte, war ein paar Tage später schon wieder viel weniger wert. Also blieb der Lohn nicht lange in der Schublade. Die Frau ging einkaufen.

Mitte Juli 1923 kostete eine Berliner Straßenbahnfahrt 3.000 Mark. Ende August waren es 100.000. Heute merken wir Inflation an der Kasse, an der Stromrechnung oder bei der Miete. Der Urgroßvater merkte sie beim Bäcker, Metzger und Kohlenhändler. Der Unterschied lag vor allem im Tempo.

Woher kam dieser Wahnsinn?

Deutschland hatte 1918 den Krieg verloren. Der Krieg war zu einem großen Teil mit Schulden bezahlt worden. Danach blieben diese Schulden, soziale Lasten und Reparationen. Der Staat brauchte Geld. Die Reichsbank brachte immer mehr Papiermark in Umlauf. Nur entstanden deshalb noch lange nicht mehr Brote beim Bäcker und mehr Kohlen beim Händler. Die Preise stiegen. Also brauchte man noch mehr Geld. Also wurde noch mehr gedruckt.

1923 kippte das Ganze endgültig. Franzosen und Belgier besetzten im Januar das Ruhrgebiet. Die Reichsregierung finanzierte den Widerstand und zahlte Löhne weiter, obwohl vielerorts nichts mehr produziert wurde. Die Gelddruckmaschinen liefen weiter. Millionen wurden zu Milliarden, Milliarden zu Billionen.

Der Lohn musste sofort weg

Für eine Familie bestand Inflation nicht aus Prozentzahlen. Sie begann am Werkstor und endete beim Bäcker. Seit dem Jahr 2000 sind die Verbraucherpreise in Deutschland bis 2025 um rund 61 Prozent gestiegen. Was damals 100 Euro kostete, lag 2025 im Durchschnitt bei ungefähr 161 Euro. 1923 dauerte eine solche Entwertung nicht 25 Jahre. Manchmal genügten Tage. Aber wir merken, wie es enden könnte.

Alte Fotografien zeigen Hausfrauen, die Geldberge mit der Schubkarre zum Bäcker brachten. Darin lag kein Vermögen, darin lag der Lohn des Mannes. Millionär war man damals schnell, reich fast niemand. Und während die Nullen auf dem Schein immer mehr wurden, wurde der Inhalt des Einkaufskorbs immer kleiner.

Das dürfte auch heute jeder verstehen, der nach dem Bezahlen an der Supermarktkasse auf den Bon schaut und sich fragt, wo das Geld eigentlich geblieben ist.

Am Montag begann alles von vorn

Abends war das Geld weg. Dafür lagen Brot auf dem Tisch und Kartoffeln im Schrank. Montags begann die Arbeit wieder. Der nächste Lohn konnte schon wieder ein Vielfaches des letzten betragen, ohne dass die Familie auch nur einen Pfennig reicher geworden wäre. Am 15. November 1923 kam die Rentenmark. Eine Rentenmark entsprach einer Billion Papiermark. Der Spuk war zunächst vorbei. Aber damit war die deutsche Inflationsgeschichte noch lange nicht zu Ende. Das ist Stoff für einen zweiten Teil dieses Artikels.

Hundert Jahre später sind wir weit von 1923 entfernt. Aber eine Sorge ist geblieben. Man arbeitet, bekommt seinen Lohn oder seine Rente und stellt irgendwann fest, dass Brot, Strom, Miete und Heizung mehr davon auffressen als früher. Der Großvater kannte dieses Gefühl. Nur brauchte er irgendwann eine Schubkarre dafür.