Einsatzkräfte Ende Juni nach dem Horror-Sechsfachmord am Tatort in Stade (Foto:ScreenshotYoutube)
[html5_ad]

Bye, bye Rechtsstaat: Die unfassbaren Abgründe von Stade

Der Sechsfach-Mord von Stade erhält eine immer größere Dimension und reicht offenbar auch bis in den niedersächsischen SPD-Filz hinein. Dies hatte sich zwar früh abgezeichnet, Recherchen von „Nius“ belegen nun aber diese politischen Verstrickungen.
Am 29. Juni erschoss der wegen Sexualdelikten vorbestrafte, aus einem türkischen Gefängnis ausgebrochene und ausreisepflichtige Türke Fatih Khan Gazioglu in einer Mutter-Kind-Einrichtung vier Frauen und zwei Männer während eines Gesprächs über seine wenige Monate alte Tochter, bei der ein Schütteltrauma diagnostiziert worden war. Sylvia S., die 65-jährige Fahrerin des Fluchtwagens, ist die Patentante des Babys und die Schwiegermutter des niedersächsischen SPD-Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe, Deniz Kurku. Dieser ließ drei Tage nach dem Massenmord über seinen Anwalt mitteilen: „Weder kennt Herr Kurku den Tatverdächtigen noch war er in die Sorgerechtsstreitigkeiten, die der Tat vorausgegangen sein sollen, involviert“.

Weder habe er im Vorfeld etwas von der Tat erfahren, noch kenne er Gazioglu und sei auch nicht in Sorgerechtsstreitigkeiten involviert gewesen. Ministerpräsident Olaf Lies und die SPD-Landtagsfraktion stellten sich umgehend und vehement hinter Kurku. Die Polizei konnte den Fluchtwagen schließlich stoppen und Gazioglu verhaften, der am 21. Juli
in seiner Gefängniszelle Selbstmord beging. Aus den „Nius“ vorliegenden Ermittlungsakten geht nun jedoch hervor, dass Sylvia S. bereits in einem Chat vom 5. Mai vorgeschlagen hatte, einen „Dennis“ oder „Deniz“ aus Hannover zu Enise Ö., der Mutter des Kindes, ins Krankenhaus zu schicken, wo er seine Visitenkarte hinterlegen sollte. Unter dem Chat findet sich der Polizeivermerk: „Hier dürfte es sich um den Schwiegersohn von Sylvia handeln: Deniz Kurku“. Ob Kurku tatsächlich angesprochen wurde, lässt sich aus den bisher bekannten Unterlagen nicht erkennen.

Über Wochen vorbereiteter Mehrfachmord

Am 8. Mai schrieb Gazioglu an Sylvia S., er habe „krasse Pläne gemacht“. In einer Sprachnachricht kündigte er drei Tage später an, alle zu treffen, „die hiermit zu tun haben“. Unter anderem sagte er: „Leben gegen mehrere Leben. Leben gegen Leben? Nein. So nicht, verstehst du?“ Und weiter: „Ihr nehmt mein Kind in Obhut und macht Frankenstein daraus. Dann nehme ich euch in meine Obhut“. In einer Whatsapp-Nachricht an einen Bekannten schrieb er: „Einige politisch sehr gute Bekannte sind auch schon involviert, aber können nur undercover agieren, sonst würde die Öffentlichkeit (Presse etc.) die fertig machen, wenn es darauf ankommt“. Wen er damit meinte, sagte er nicht.

Der Mehrfachmord wurde also über Wochen vorbereitet, und S. wusste offenbar davon. Videoaufnahmen zeigen zudem, dass Gazioglu S. nach der Tat nicht als Geisel nahm oder irgendwie dazu drängte, den Fluchtwagen zu fahren, sondern diese offenbar freiwillig mitwirkte. In seinem Abschiedsbrief hatte Gazioglu behauptet, S. habe „nicht annähernd etwas mit dem sechsfachen Mord zu tun“. Er habe sie als Geisel genommen und „nonstop mit der Schusswaffe am Kopf bedroht“. Die Videobilder bestätigen dies zumindest nicht. Damit nicht genug, soll Enise Ö. sich unmittelbar nach den Schüssen außerhalb des Gebäudes aufgehalten und die aus der Einrichtung fliehende Vormundin des Kindes zu Boden gestoßen und auf sie eingeschlagen haben. Gegen beide Frauen wird wegen Mordes ermittelt. Die Staatsanwaltschaft sieht jedoch bis heute keinen Grund, einen Haftbefehl zu beantragen, was von Anfang an für Irritationen gesorgt hatte. Schnell wurde der Verdacht laut, dass die familiäre Verbindung zu Kurkuz der Grund dafür sein könnte, da es sich um einen einflussreichen Politiker des völlig von der SPD dominierten Niedersachsen handelt. Laut „Nius“ stuft der vorläufige Abschlussbericht der Polizei die beiden Frauen nun als Eingeweihte, Mitwisser und Mittäter ein.

Unglaubliche Details

Nun drängen sich erst recht Fragen nach den „politisch sehr guten Bekannten“ auf, von denen Gazioglu gesprochen hatte und nach der Rolle von Sylvia S. und Enise Ö. bei diesem Massaker. Auf „Nius“-Anfrage ließ Kurkuz über seinen Anwalt bekräftigen, er habe Fatih Khan Gazioglu nicht gekannt und kenne Enise Ö. nicht. Es habe keinen Kontakt gegeben und gebe auch keinen. In die Sorgerechtsstreitigkeiten sei Kurku „in einer seiner Funktionen oder anderweitig“ nicht involviert gewesen. Eine dienstliche oder sonstige Visitenkarte habe er in der MHH zu keinem Zeitpunkt hinterlegt. Die ihm vorgehaltenen Aktenzitate kenne er nicht. Unabhängig davon stehe fest, „dass Herr Kurku in dieser Sache nicht – auch nicht ‚undercover‘ – tätig geworden ist“. Sollte Gazioglu Gegenteiliges behauptet haben, entspreche das nicht den Tatsachen. Zu Fragen, die „ausschließlich das Privat- und Familienleben“ beträfen, einschließlich „etwaiger rein innerfamiliärer Kontakte“, äußere man sich grundsätzlich nicht. Staatskanzlei und Staatsanwaltschaft wollten sich nicht äußern.

In den nächsten Tagen will „Nius“ weitere Hintergründe veröffentlichen. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die befremdliche Eile, mit der dieser Massenmord aus den Schlagzeilen verschwand und die Tatsache, dass man Sylvia S. und Enise Ö. nicht einmal in Untersuchungshaft nahm, möglicherweise politische Gründe haben. Gerade in Niedersachsen, dessen Landesregierung in den letzten Wochen völlig skrupellos und mit billigsten Vorwänden mehrere AfD-Kandidaten von der Kommunalwahl diesen Monat ausschloss, muss man alles für möglich halten. Stephan Bothe, der innenpolitische Sprecher der niedersächsischen AfD-Landtagsfraktion, erklärte dazu: „Die Enthüllungen von „Nius“ offenbaren unglaubliche Details und bislang unter der Decke gehaltene Hintergründe zum Sechsfachmord. Anscheinend lag hier die Absicht vor, der Öffentlichkeit entscheidende und für hochrangige Personen belastende Fakten zu verschweigen. Ein absolut schockierender Vorgang“. Alle Informationen müssten jetzt auf den Tisch. Insbesondere erwarte man am Donnerstag bei der Unterrichtung im Innenausschuss eine vollumfängliche Aufklärung – „ohne Filter, ohne Schönfärberei und ohne Rücksicht auf Parteibücher“. Auch inwieweit Kurku sich strafbar gemacht habe, müsse nun „ohne ‚SPD-Politiker-Bonus‘ überprüft werden“, so Bothe weiter, der auch Kurkus Rücktritt forderte. Sechs Menschen seien tot. Die Öffentlichkeit habe ein Recht auf die ganze Wahrheit – und die Justiz die Pflicht, ohne Ansehen der Person zu handeln. (AS)

cf8758d7b08446cbace4615cf1b272f5
image_printGerne ausdrucken

Themen