Künstler leben vom Applaus, aber auch von Brot. Ein Sänger braucht Zuhörer, ein Autor Leser und ein Kabarettist Menschen, die über seine Pointen lachen. Doch zwischen Broterwerb, Künstler und Publikum haben sich längst mächtige Wahlausschüsse geschoben. Redaktionen, Rundfunkanstalten, Theaterleitungen, Festivalveranstalter und Fördergremien entscheiden, wer überhaupt die Bretter, die die Welt bedeuten, betreten darf.
Gefällt ein Auto nicht, bleibt es beim Händler stehen. Gefällt ein Buch nicht, bleibt es im Regal. Bei öffentlich finanzierter Kultur funktioniert diese Abstimmung nur noch eingeschränkt. Der Konsument kann nicht mehr frei entscheiden, was ihm angeboten wird. Andere haben vorher einen Wahlausschuss gebildet, der seine segensreiche Tätigkeit ansonsten politisch auslebt.
Kultur inmitten gelenkter Demokratie
Die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland setzte 2023 rund 204,6 Milliarden Euro um. Fast zwei Millionen Menschen arbeiteten in diesem Bereich. Kultur ist damit nicht nur ein geistiges Vergnügen, sondern eine gewaltige Wirtschaftsbranche. Nur sitzt vor dem Publikum noch eine Jury, die ihre Punkte bereits vor dem Auftritt verteilt.
Allein aus dem Rundfunkbeitrag flossen 2025 rund 8,72 Milliarden Euro an ARD, ZDF und Deutschlandradio. Das Geld fließt unabhängig davon, ob der einzelne Zuschauer eine Sendung sehen möchte. Die Abstimmung mit dem verärgerten Klick auf die Fernbedienung beendet nicht die Finanzierung.
Bei der öffentlichen Kulturförderung kommen weitere Milliarden hinzu. Bund, Länder und Gemeinden gaben nach dem jüngsten vollständig abgerechneten Kulturfinanzbericht für 2021 zusammen 14,9 Milliarden Euro aus. Davon kamen 3,5 Milliarden vom Bund, 5,6 Milliarden von den Ländern und 5,8 Milliarden von den Gemeinden. Fast ein Drittel floss in Theater und Musik.
Wenn der regierungsnahe Zwischenhändler entscheidet
Uwe Steimle liefert dafür ein anschauliches Beispiel. Seine Sendereihe „Steimles Welt“ lief beim MDR. 2019 beendete der Sender die Zusammenarbeit. Ist Steimle erst einmal aus dem Programm verschwunden, kann ihn sein Publikum nicht zurückklagen. Ein Autohersteller könnte nach einem Fehlurteil des Handels noch versuchen, sein Fahrzeug direkt an die Kunden zu bringen. Beim öffentlich finanzierten Kulturangebot entscheidet dagegen bereits die Aufnahme in das Programm darüber, ob Millionen Menschen einen Künstler überhaupt noch zu Gesicht bekommen.
Mancher Künstler wird damit ein wenig wie ein Verbrennerauto behandelt, das es nach Meinung des zuständigen Ausschusses eigentlich nicht mehr geben dürfte. Es wird aus dem Showroom entfernt, bevor der Käufer entscheiden kann, ob er es fahren möchte.
Das Wort Wahlausschuss ist derzeit ohnehin in aller Munde. Im niedersächsischen Landkreis Friesland wurde der AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Sichert im Juli 2026 vom Kreiswahlausschuss nicht zur Landratswahl zugelassen. Die Landratswahl findet dennoch statt. Nur wurde vorher entschieden, dass der Wähler ihn nicht auf dem Wahlzettel findet.
Wahlausschüsse in Politik und Kultur
In der Kultur existiert ein ähnliches Instrument längst, nur trägt es andere Namen. Dort heißen die Wahlausschüsse Redaktion, Verlag, Intendanz, Festivalleitung oder Förderjury. Das Publikum darf nach deren göttlichem Wirken nur noch auswählen, was den Wahlausschuss überlebt hat. Und wer durch die Vorauswahl in den Graben fällt, den fressen bekanntlich die Raben.
Der russische Dirigent Valery Gergiev verlor 2022 seinen Posten als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, nachdem er der Forderung der Stadt München nicht nachgekommen war, sich von Wladimir Putin zu distanzieren. Drei Jahre später traf es den israelischen Dirigenten Lahav Shani. Das Flanders Festival in Gent, Belgien, lud ihn und die Münchner Philharmoniker 2025 aus. Das Festival vermisste ausreichende Klarheit über seine Haltung zur israelischen Regierung.
Künstler geraten damit bei völlig kunstfernen Themen unter Rechtfertigungsdruck. Wer nicht nach dem Notenblatt der Klimakirche Hosianna singt, fliegt vielleicht als Nächster aus dem Chor. Dann fehlen nur noch die Haltung zu E-Auto und Wärmepumpe sowie die Klimareligionszugehörigkeit auf dem kulturpolitischen Fragebogen.
Die wirtschaftliche Nabelschnur
Das eigentliche Problem beginnt dort, wo Kunst und wirtschaftliche Abhängigkeit zusammentreffen. Wer an der wirtschaftlichen Nabelschnur öffentlich finanzierter Institutionen hängt, spürt die Anforderungen an die „richtige Haltung“ sofort. Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.,, Deutschland gab 2021 insgesamt 14,9 Milliarden Euro öffentliches Geld für Kultur aus. Öffentliche Kultureinrichtungen nahmen in diesem Jahr selbst aber nur knapp 976 Millionen Euro an der Theaterkasse ein. Rein rechnerisch verbleibt damit eine Lücke von rund 13,9 Milliarden Euro, die nicht gedeckt war.
Diese Zahlen verändern das Verhältnis zwischen Künstler und Publikum. Wer nur zehn oder zwanzig Prozent seiner Kosten an der Kasse hereinholen muss, steht in keinem Wettbewerb wie der Bäcker nebenan. Beim Bäcker entscheidet der Kunde jeden Morgen neu. Bleiben die Brötchen liegen, wird es am Monatsende ungemütlich. Beim staatlich gestützten Kulturbetrieb kann ein halbleerer Saal dagegen noch immer ein finanziell erfolgreicher Abend sein, wenn der Zuschuss stimmt.
Wer Milliarden verteilt, verteilt zwangsläufig auch Macht und Gnade. Und Macht entscheidet darüber, welcher Künstler noch Sauerstoff bekommt. Die öffentliche Hand hat schließlich auch zwei Daumen. Einen zum Heben und einen zum Senken. Wie zu Cäsars Zeiten.
Die ZDF-Liedkammer entscheidet
Wie aktuell diese Vorauswahl ist, zeigte sich erst im Juli 2026. Der linke Liedermacher Danger Dan und der Pianist Igor Levit sollten in der 100. Ausgabe der ZDF-Sendung „Die Anstalt“ auftreten. Den geplanten Auftritt sagte das ZDF kurz vor der Aufzeichnung ab. Die ZDF-„Liedkammer“ mutierte zum Wahlausschuss. Damit erwischt es nicht nur Künstler, die politisch rechts verortet werden. Der Wahlausschuss kennt viele Regenbogenfarben.
Wer aus dem Spielplan gestrichen wurde, dem bleibt nicht einmal eine gemütliche Auswechselbank. Für einen Künstler ohne andere Einnahmen beginnt dort schnell der Hungerturm.
Problematisch wird es, wenn die wirtschaftlichen Überlebenschancen eines Künstlers davon abhängen, ob die richtige politische Gesinnung bei den öffentlichen Zwischenhändlern auf Zustimmung trifft. Dann entsteht kein freier Kulturmarkt mehr, sondern eine Art VEB Kultur mit angeschlossener Meinungsabteilung. Wolf Biermann hatte in der DDR sogar ein beträchtliches Publikum. Trotzdem wurde er 1976 nach einem Konzert in Köln ausgebürgert.
Wie lange überlebt ein Künstler
Der Künstler muss nicht nur sein Publikum erreichen. Er muss zunächst durch eine Reihe von Türen gelangen, hinter denen Mächtige sitzen, die über Sendezeiten, Engagements, Fördergelder und Einladungen entscheiden. Der Zuschauer sitzt erst hinter der letzten Tür und niemals in der ersten Reihe.
Der Rundfunkbeitrag fließt und öffentliche Kulturzuschüsse fließen weiter. Genau deshalb muss bei solchen Institutionen die Toleranz gegenüber unterschiedlichen politischen Auffassungen größer sein und nicht kleiner. Denn der Bürger finanziert schließlich auch Programme und Künstler, deren politische Auffassungen er nicht teilt.
Umgekehrt sollte auch jener Künstler eine Chance behalten, dessen private Meinung dem Intendanten nicht gefällt. Die kulturelle Freiheit zeigt sich nicht daran, wie freundlich man mit Künstlern umgeht, die ohnehin die richtige Meinung vertreten. Sie zeigt sich beim unbequemen Künstler.
Wenn das Publikum gar nicht mehr wählen darf
Dort entscheidet sich, ob Kultur vom Publikum lebt oder von einem Wahlausschuss, der bereits vor Öffnung des Saales festgelegt hat, wer überhaupt auf die Kulturbühne darf oder bei einer Landratswahl auf dem Wahlzettel steht.
Dass fachmännische Vorauswahl nicht unbedingt vor einer Bauchlandung schützt, zeigte zuletzt der Eurovision Song Contest 2026. Deutschland landete auf Platz 23 von 25. Die neue Liedkammer hatte offenbar so professionell vorausgewählt, dass das europäische Publikum die künstlerische Qualität nicht mehr rechtzeitig verstand.























