51,2 Prozent AfD an der Urne, per Brief nur 24,3 Prozent. Doch sämtliche anderen Parteien schneiden bei der Briefwahl besser ab. Ausgerechnet AfD und CDU landen dort exakt gleichauf. Einen solchen Abgrund zwischen Urnenwahl und Briefwahl hat es noch nie gegeben. Doch die amtliche und mediale Beruhigungsindustrie erklärt schon wieder, das alles sei vollkommen normal. Eine Partei, zwei Wahlergebnisse. Dazwischen liegen 26,9 Prozentpunkte und die Zumutung, sich darüber gefälligst nicht zu wundern. Wer am Sonntag persönlich zur Urne ging, wählte zu 51,2 Prozent die AfD. Bei der Briefwahl waren es nur 24,3 Prozent. Kaum verschwand der Stimmzettel im roten Umschlag, verschwand offenbar auch die Hälfte der AfD-Wähler.
Seltsam, seltsam, seltsam. Oder, wie man im Deutschland der amtlich betreuten Wirklichkeitswahrnehmung vermutlich sagt: kein Grund zur Beunruhigung. Bei der CDU vollzog sich das spiegelverkehrte Kunststück. Im Wahllokal kam sie auf kümmerliche 14,5 Prozent. Per Brief sprang sie plötzlich auf 24,3 Prozent. Damit erreichten CDU und AfD bei den Briefwählern exakt denselben Prozentwert. Nicht ungefähr. Nicht beinahe. Nicht nach großzügiger Rundung.
Exakt 24,3 Prozent. Das schaffte nicht mal die SED.
Auch SPD, Grüne, Linke, FDP und BSW schnitten per Brief erheblich besser ab als an der Urne. Der rote Umschlag erwies sich damit als politisches Wiederbelebungsgerät für sämtliche Parteien. Nur bei der AfD wirkte er wie eine Falltür. Am Ende kam sie auf 43,8 Prozent. Ohne die Briefwahl hätte sie die absolute Mehrheit der Zweitstimmen erreicht. Mit der Briefwahl war diese Mehrheit weg.
Ob manipuliert wurde, kann man nur vermuten. Genau deshalb muss nachgezählt werden. Doch in der deutschen „UnsereDemokratie“ gilt inzwischen bereits der Wunsch nach Kontrolle als verdächtiger als das Ergebnis, das kontrolliert werden soll.
Soziologie als Nebelmaschine
Die mediale Erklärungsindustrie läuft längst auf Hochtouren. Briefwähler seien älter, gebildeter und lebten häufiger in Städten. Protestwähler gingen dagegen lieber persönlich zur Urne. Zudem habe die AfD ihren Anhängern selbst empfohlen, nicht per Brief abzustimmen.
All das kann Unterschiede erklären. Aber keine 26,9 Prozentpunkte. Nach dieser politisch überaus nützlichen Theorie leben in Sachsen-Anhalt zwei vollkommen verschiedene Bevölkerungen. Die eine geht am Sonntag ins Wahllokal und wählt mehrheitlich AfD. Die andere sitzt gebildet am Küchentisch, faltet den Stimmzettel und entdeckt vor dem Zukleben des Umschlags ihre verschüttete Liebe zu CDU, SPD und Grünen.
Die politische Läuterung findet offenbar auf am Küchentisch statt. Der dumme Protestwähler marschiert zur Urne. Der gebildete Qualitätsdemokrat stimmt per Brief ab. Schon ist die auffällige Abweichung keine Frage der Auszählung mehr, sondern eine Bildungsstatistik. Und wer noch immer Fragen stellt, hat damit lediglich bewiesen, dass er nicht zur gebildeten Hälfte gehört. Bravo! Haltungsnote Eins, Mathematik ungenügend.
Die amtliche Beruhigungspille
Nun wird dem Bürger erklärt, das Verfahren sei sicher, Unterschiede zwischen Urnen- und Briefwahl seien bekannt und für alles gebe es plausible Gründe. Damit soll die Angelegenheit erledigt sein. Die Briefwahl ist sicher, weil die Briefwahl sicher ist. So wie die Rente. Mehr Beweis braucht der obrigkeitsgläubige Musterdemokrat offenbar nicht. Die Behörde bestätigt ihre eigene Arbeit, die Medien bestätigen die Bestätigung und der Bürger bestätigt am besten durch Schweigen, dass er verstanden hat.
Wer dennoch nachfragt, „schürt Zweifel“. Wer nachzählen lassen will, „delegitimiert Institutionen“. Und wer auf die Halbierung des AfD-Ergebnisses hinweist, ist vemutlich schon auf dem Weg in die Verschwörungstheorie. So wird nicht der Widerspruch beseitigt, sondern derjenige, der ihn ausspricht. Vertrauen ist jedoch keine Dienstanweisung. Es lässt sich weder verordnen noch durch Pressemitteilungen herbeischreiben. Schon gar nicht, wenn zwischen zwei Abstimmungsarten ein Abgrund von 26,9 Prozentpunkten klafft.
Zählt die Briefe, verdammt noch mal!
Die Briefwahlstimmen müssen erneut ausgezählt werden. Öffentlich, vollständig und unter den Augen sämtlicher Parteien. Selbstverständlich müssen auch Vertreter der AfD an jedem Tisch sitzen und jeden Stimmzettel prüfen können. Alles spricht dafür, dass hier was schief lief. Wer davon überzeugt ist, dass alles mit rechten Dingen zuging, müsste einer Nachzählung mit der Gelassenheit eines Menschen entgegensehen, der nichts zu verbergen hat. Bestätigt sich das Ergebnis, sind die Zweifel ausgeräumt. Werden Fehler entdeckt, müssen sie korrigiert werden. Nur wer weder das eine noch das andere wissen möchte, kann ein Interesse daran haben, die Umschläge geschlossen zu halten.
Eine Nachzählung wäre deshalb ein beste Wahrnehmung von Demokratie. Sie wäre deren einfachster und überzeugendster Selbstbeweis. Wer stattdessen amtliches Vertrauen verlangt, verwechselt Demokratie mit Untertanengehorsam. Oder gilt etwa: Der Bürger soll wählen, zahlen und glauben, Nachfragen sind nicht vorgesehen!?
Stalins langer Schatten
Noch einmal zum Mitschreiben: An der Urne erhielt die AfD die absolute Mehrheit. Bei der Briefwahl verlor sie mehr als die Hälfte ihres Stimmenanteils. Sämtliche anderen Parteien schnitten dort besser ab. Ausgerechnet CDU und AfD landeten punktgenau bei 24,3 Prozent. Wer darin nichts Außergewöhnliches erkennen will, hat sich vom gesunden Menschenverstand bereits erfolgreich befreien lassen. Josef Stalin wird der Satz zugeschrieben: „Die Leute, die die Stimmen abgeben, entscheiden nichts. Die Leute, die die Stimmen zählen, entscheiden alles.“ In Sachsen-Anhalt soll selbstverständlich niemand nach Stalins Methode gezählt haben. Doch gerade deshalb darf über Magdeburg nicht einmal der leiseste Schatten dieses Verdachts liegen bleiben.
Zählt die Stimmen noch einmal! Lasst sämtliche Parteien zusehen! Danach wissen wir, ob die Zahlen stimmen. Bis dahin wissen wir nur, dass aus 51,2 Prozent im Wahllokal auf dem Weg durch den roten Umschlag 24,3 Prozent wurden. Und dass ausgerechnet jene, die „unsere Demokratie“ sonst wie eine Monstranz vor sich hertragen, beim Ruf nach demokratischer Kontrolle plötzlich bemerkenswert schwerhörig werden.






















