Der Staatsfunk ist bald Geschichte im Osten... oder? (Symbolbild:KI)
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„Hilde, unser altes Ostfernsehen ist weg!”

Der Flachbildschirm im Wohnzimmer scheint wieder waagerecht zu hängen. „Hilde, bist du mit dem Staubwedel dran gestoßen?“ Die Nachrichten blieben jedoch schräg. Bis zur historischen Zeitenwende am sechsten Tag des neunten Monats anno Domini 2026.

„Hilde, komm mal schnell. Unser Fernseher ist kaputt.“

Wir haben 234 Programme. Der MDR liegt auf Platz 75. Ab 70 habe ich den öffentlich-unrechtlichen Rundfunk einsortiert: ARD, ZDF und danach die ganzen Landeskrankenanstalten.

Bis zu jenem sonnigen Spätsommertag im Ländchen der Frühaufsteher war alles wie immer. Dann die Wende 2.0. Bislang verbotene Gedanken durften im Fernsehen ausreisen. Unverzüglich sozusagen. Die Fernsehmacher des MDR müssen entweder zwei Tafeln „Hallo wach“ verspeist haben oder bei einer Außenreportage ist einem von ihnen ein Ast auf den Hinterkopf gefallen.

„Hilde, schau. Schon wieder.“

Der Mann im MDR redet über die AfD. Ruhig. Sachlich.

„Er hat nicht ein einziges Mal ‚gesichert rechtsextrem‘ gesagt.“

„Der hält sich nicht lange.“

„Bautzen vielleicht. Oder ins sonnige Bruderland Kuba.“

Venezuela geht gerade nicht.

Ick trau meinen Augen nicht

Alles in bester öffentlich-rechtlicher Unordnung

Noch wenige Tage vor der Wahl war die Welt beim MDR in bester öffentlich-rechtlicher Unordnung. Die AfD hatte angekündigt, nach einem Wahlsieg die Medienstaatsverträge kündigen zu wollen. Der MDR machte probeweise schon einmal während einer laufenden Sendung das Licht aus. Schwarzer Bildschirm. Dazu die Warnung: „Keinen MDR mehr in Sachsen-Anhalt? Das könnte passieren.“

Intendant Ralf Ludwig sah schon die „Axt an einen Grundstein der Demokratie“ gelegt. Im ARD-Mittagsmagazin durfte er über die bedrohliche Zukunft seines Hauses sprechen. Befragt wurde der MDR-Intendant von einer MDR-Moderatorin. Danach erklärte der MDR im MDR noch einmal, was ohne MDR aus dem MDR werden könnte. Klang irgendwie bekannt nach Aktueller Kamera.

„Hilde, die haben die Hosen ja jetzt schon voll.“

Sie schaute weiter.

Persilscheine in eigener Sache

Am Wahlabend lagen 43,8 Prozent auf dem Tisch. Seitdem scheint im Funkhaus Andrang in der volkseigenen Waschküche zu herrschen. Persil steht genug herum, Reste von 1990 noch. Denn nichts wäscht weißer nach einem Umsturz. Auch die Kreidefelsen von Rügen werden inzwischen gebraucht. Beim MDR wird Kreide gefressen, dass man sich um die Ostseeküste Sorgen machen muss.

Und plötzlich klappt sogar mehrstimmiger Gesang. „Die Gedanken sind frei“ wird geübt. Im Kanon. Vorbei mit der Einstimmigkeit. Wurde auch langweilig.

Vom Saulus zum Paulus

Schon die Wahlsendung am Abend des seligen Tages aus Magdeburg ließ aufhorchen. Jörg Schönenborn, der seit gefühlt hundert Jahren aus jeder Wahlgrafik brutale Wahlwerbung machen kann, wirkte plötzlich handzahm.

Ich rückte näher an den Fernseher.

„Hilde, schreib das Datum auf.“

„Warum?“

„Weißt du noch 1989?“

Hilde nickte. Morgens noch dieselben Gesichter. Abends schon andere Sätze.

Jetzt dürfen die Leute sogar laut denken

Am Montag ging es weiter. Jetzt dürfen die Leute sogar ohne Mundschutz reden. Der MDR berichtete, dass sechs von zehn Teilnehmern seiner Befragung aus Sachsen-Anhalt finden, die stärkste Partei solle auch regieren.

Ich sah nach links oben. MDR.

Der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier, beim öffentlich-rechtlichen Kaffeetisch sonst eher selten zu Gast, durfte sogar erklären, eine Zusammenarbeit von CDU und AfD sei bei der Mehrheitsbildung denkbar.

„Hilde, kneif mich mal.“

Sie tat es.

„Nicht so fest.“

Jahrelang hatte man auf uns eingeredet. Hat offenbar gar nüscht jenützt. 43,8 Prozent.

Hilde hielt mir ihr Tablet hin. Die Ostdeutsche Allgemeine schrieb vom MDR und seiner „neuen Sachlichkeit“.

„Die haben es auch gemerkt.“

Lourdes liegt nicht in Mitteldeutschland

Ich kontrollierte noch einmal die Fernbedienung. 75. MDR.

„Hilde, wir haben neues Ostfernsehen.“

Es muss ein Wunder geschehen sein. Dabei liegt Lourdes gar nicht in der genehmigten Einflusszone des Mitteldeutschen Rundfunks. Trotzdem scheint selbst im protestantischen Hoheitsgebiet plötzlich süßes Weihraucharoma durch die Redaktionsräume zu wehen. Sankt Ulrich aus Tangermünde muss ganze Arbeit geleistet haben.

Es ist ungefähr so, als hätte die „Aktuelle Kamera“ 1985 Helmut Kohl freundlich behandelt.

Ich schaltete den Fernseher aus. Wieder ein. Der MDR berichtete immer noch sachlich.

„Hilde?“

„Ja?“

„Dann ist er wohl doch nicht kaputt.“

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