Der Transhumanismus schleicht sich seit Jahrzehnten in unseren Alltag ein – unmerklich, mit technischen Verlockungen und vielen Neuerungen und Erleichterungen. Doch es muss elementare Grenzen geben! / von Nicole Höchst
Der Transhumanismus kommt auf leisen Sohlen. Seine Vorboten tarnen sich oft als Segen, der unser Leben erleichtern: Er erscheint uns als Schlüsselchip, als Prothese, als Krebstherapie, als Versprechen gegen das Alter. Diese Ausprägungen sind gut nachzuvollziehen: Technik, die heilt, dient dem Menschen. Demgegenüber steht allerdings eine Technik, die den Menschen zunehmend zum Bauplan macht. Ein Projekt, das einflüstert, dass die Schöpfung nicht gottgegeben ist. Dass Gottes Geschöpf optimiert werden muss, um in zukünftige Parameter zu passen. Sie tut so, als sei die gottgegebene Würde des Menschen erst zu verdienen, indem er z. B. gesellschaftlich erwartete oder politisch vorgegebene Eingriffe an sich oder seinen Kindern vornehmen lässt.
Eine solche Technik scheidet außerdem zwischen Menschen, die sie sich leisten können und solchen die aufgrund einer anderen monetären Lage nicht bei den „verbesserten Menschen“ dabei sind. So hängt gesellschaftliche Teilhabe sehr schnell von Eingriffen und Technik ab, die wohl eher nicht Kassenleistung werden.
Jetzt nicht und in Zukunft auch nicht.
Am Vermögensmeridian geschiedene Menschheit
Gesteigerte Leistung, Gesundheit, ein längeres Leben, einen Clon von sich selbst als „Ersatzteillager“, Implantate, Nanotechnik im Blut, usw. sind Verlockungen, die gesellschaftliche Diskussion verdienen. Aber „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (Art. 1 Abs. 1 GG). Genau deshalb muss man hinschauen. Transhumanismus heißt: den Menschen nicht nur heilen, sondern „verbessern“. Neue Technologien sollen zunächst Krankheiten reparieren, für viele Betroffene ist das ein echter Segen.
Diese erste Phase erweitert die Akzeptanz und zementiert die Gewöhnung. Aber was ist, wenn später vielleicht Fähigkeiten erweitert werden sollen?
Die Grenze zwischen „Heilen“ und „Verbessern“ ist politisch umkämpft – aber sie ist nicht beliebig. Heilen stellt Geschädigtes oder Krankes wieder her. Die heutige Schulmedizin heilt und medikamentiert. Aber auch „Medikamentieren“ ist nicht unbedingt „Heilen“ . Jesus selbst hat Menschen geheilt. „Heilen“ stellt wieder her, was verloren oder gebrochen war. Er „optimiert“ keinen Gesunden zu einem Übermenschen. Das ist der biblische Gegensatz zu Enhancement.
Der Leib als Optimierungsobjekt
Enhancement überschreitet das Maß des Geschöpflichen und macht den Leib zum Optimierungsobjekt. Die EKD nennt transhumanistische Heilsversprechen „technologische Erlösungsphantasien“ und „Ausdruck von Selbstüberschätzung und Hochmut“: „Das Geschöpf Mensch setzt sich selbst als Letztinstanz und damit vermeintlich an die Stelle Gottes“. Die katholische Instruktion *Dignitas Personae* (Nr. 27) warnt vor der Anmaßung, „den Platz des Schöpfers einzunehmen“, und vor einem sozialen Stigma gegen jene, „die keine besonderen Gaben besitzen“. Forscher, Firmen, Militärs und Ethikkommissionen ziehen Regeln – aber sie erfinden die Würde nicht.
Vor dem “Homo Algorithmus” im Kontext Transhumanismus warnte ich auch schon auf Jouwatch und am 10. Juni 2024 in meiner Eigenschaft als Kirchenpolitische Sprecherin der AfD-Bundestagsfraktion unter Bezugnahme auf Naturrecht und christliches Menschenbild.
Unter der Haut ist die Technik längst angekommen
RFID- und NFC-Implantate gibt es seit Jahren. Passive Chips, oft reiskorngroß, sitzen in der Hand. Sie funktionieren wie eine kontaktlose Karte. Zentimeterweite Reichweite. Kein GPS. Keine Fernsteuerung. 2004 ließ die amerikanische FDA den VeriChip als Klasse-II-Medizinprodukt zur Patientenidentifikation zu. Das Geschäft wurde später eingestellt. In Schwedens Epicenter ließen sich Mitarbeiter seit etwa 2015 Chips einsetzen, um Türen zu öffnen, Drucker zu bedienen oder Smoothies zu bezahlen (siehe hier und hier). Bei diesen Implantaten handelt es sich bis jetzt um eine Nische. Eine Massengesellschaft mit gesetzlicher Implantatpflicht ist bislang nicht in Sicht – aber jederzeit möglich. Wir reden also von einer realen Option.
Was kann so ein Chipimplantat? Kann der Chip mich heimlich orten? Das kann er – Stand jetzt – nicht; aber er könnte es schon, die Technik ist längst soweit. Er könnte auch sonst alle verwaltungsrelevanten Daten tragen, Versicherungsschutz- und Steuernummern. Meldeadressen, Social Credit Score: Der Phantasie sind bald keine technischen Grenzen mehr gesetzt. Was wird aus Freiwilligkeit, wenn Familie, gesellschaftliche Teilhabe, Aktionsradius, Arbeit und Bezahlungusw. am Implantat hängen? Ist soetwas ethisch vertretbar? Ich halte das für technokratisch, freiheitsfeindlich, unsozial und wenig christlich.
“Quantum Dots” als unsichtbare Impfakte
Etwas anderes sind “Quantum Dots” als unsichtbare Impfakte unter der Haut. Forscher um Kevin McHugh, Ana Jaklenec und Robert Langer beschrieben 2019 in Science Translational Medicine Mikronadeln, die neben einem Impfstoff lichtauslesbare Punkte in der Haut hinterlassen. Ein Smartphone mit Nahinfrarot-Technik könnte den Impfstatus später ablesen. Die Forschung wurde von der Gates-Stiftung unterstützt; der Nachweis erfolgte als Proof of Concept unter anderem an Ratten. Die Technik ist also vorhanden und real. Eine heimliche COVID-Massenimpfung mit Chip wäre bereits technisch möglich; trotzdem beschwichtigen uns KI und Faktenchecker, dass für diese „Verschwörungstheorie“ keine Beweise vorliegen und eine weit gefächerte Einbringung dieser Technik nicht nachgewiesen werden kann.
Die Quantum Dots sind kein Sender. Es handelt sich um eine unter der Haut gespeicherte Markierung. Sollten Menschen markiert werden? Soll das freiwillig geschehen? Wer darf die Narkierung auslesen? Welche Folgen entstehen durch das Fehlen einer solchen Markierung? Was sind die Vorteile und die Nachteile einer solchen Markierung? Kann sie mißvraucht werden? Darf sie durch staatlich Zwang verordnet werden? Und so weiter, und so fort. Wer die offen zu Tage liegenden ethischen Fragen kleinredet, verpasst die die letze Möglichkeit der Menschheit zur Steuerung. Ohne gesellschaftliches Korrektiv wird in extremis zukünftig der Transhumanismus und der Kontrollstaat mit allen Implikationen die Menschheit übernehmen. Man braucht keine Verschwörung daraus zu machen, es wäre schlicht und einfach der uneingeschränkte Vollzug des technisch Möglichen.
Wo bleiben die Freiheits- und Demokratie-Demos?
Unbeherrschter, entfesselter Transhumanismus ist inhärent freiheitsfeindlich und biegt hart in Richtung Kollektivismus ab. Nochmal: Darf medizinische Information unsichtbar in den Körper geschrieben werden? Wer liest sie aus? Wer kann widersprechen? Und wie freiwillig ist Zustimmung dort, wo der Zugang zu Schule, Reise oder Arbeit von einem Nachweis abhängt? Eine Markierung im Leib ohne klaren, widerrufbaren, druckfreien Consent verletzt die Unverfügbarkeit des Körpers. Sie verletzt die Würde und vernichtet die Freiheit des Individuums.
PaCaNano ist ein deutsches Forschungsprojekt zur Krebstherapie. Das Max-Planck-Institut in Göttingen, das Karlsruher Institut für Technologie und die Universitätsmedizin Göttingen entwickeln Nanopartikel als Träger für Gemcitabin gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs. Ziel ist, den Wirkstoff selektiver zum Tumor zu bringen und gesundes Gewebe zu schonen.
Auch „Nano“-Technologie ist hinsichtlich des Transhumanismus keineswegs trivial!
Das sind noch keine winzigen Reparaturroboter mit Motor und Funk, sondern fällt bislang noch in die Kategorie Arzneimitteltransport. Daneben gibt es aber schon tatsächlich steuerbare Mikro- und Nanoroboter. Tian Qiu und sein Team am DKFZ-Standort Dresden entwickeln magnetisch lenkbare Systeme für die Tumortherapie. Präklinisch, mit externen Magnetfeldern. Ihr Ziel ist es, Medikamente gezielt in schwer erreichbare Tumorbereiche bringen (siehe hier und hier). Hier liegt die Verwechslung nahe: Nanopartikel als Träger sind nicht dasselbe wie magnetisch gesteuerte Mikroroboter. Bis zur KI beherrbaren Nanoflotte in der Bevölkerung braucht die Entwicklung wohl noch.
Sprechen wir über Hirn-Computer-Schnittstellen: Neuralink veröffentlicht Fortschritte zu Implantaten, mit denen gelähmte Menschen Computer bedienen können. Synchron verfolgt einen ähnlichen therapeutischen Weg mit einem Implantat über Blutgefäße; Studien sind in “ClinicalTrials.gov“ registriert, etwa hier. Die Datenverbindung läuft bei solchen Systemen typischerweise über kurze Funkstrecken wie Bluetooth Low Energy zu einem externen Gerät. Das Ziel ist zunächst Therapie: Kommunikation, Bewegung, Selbstständigkeit. Diese Therapie ist immer erfolgreicher. Der Sprung zur Leistungssteigerung Gesunder ist ein anderer Eingriff – in Person und Gewissen, nicht nur in Technik.
Hirn-Schnittstellen: Gelöschte und programmierte Erinnerungen
Erinnerungen können gelöscht oder einprogrammiert werden. Das kann vielleicht gut sein, wenn man traumatische Erinnerungen löschen kann, die auf keine andere Art beherrscht werden können und das Leben stark beeinträchtigen; eine solche Technologie kann aber auch Identitäten auslöschen und gänzlich neue erschaffen. Sie kann die Art, wie Menschen denken, ändern, verbessern oder blockieren. “Total Recall“ lässt grüßen. Hirnimplantate können als Schnittstelle zu Technik außerhalb des Körpers dienen. Das ist sicher sehr hilfreich bei Paraplexie und trägt durch Funktionsverbesserung zur größeren Selbständigkeit bei. Die Grenze zum Enhancement ist hier klar sichtbar.
Wenn ein Implantat verlorene Funktion ersetzt, nennen wir es Heilung. Da mit diesen Eingriffen immer auch Risiken verbunden sind, stellt sich die Frage, ob man seine Gesundheit riskieren darf, um sich zu verbessern. Wenn es Gedächtnis, Aufmerksamkeit oder Leistung über das normale Maß hebt, nennen wir es Verbesserung. Wer bestimmt das normale Maß? Wer zahlt? Wer bleibt ohne Implantat konkurrenzfähig? Wer ohne Implantat zurückbleibt, verliert nicht an Menschenwürde. Ist ein Hirnimplantat von außen steuerbar, muss darüber nachgedacht werden, wer steuern darf und zu welchem Zweck. Fremd-Steuerung bedarf der Einwilligung. Genau das müssen Recht und Politik festhalten, sonst wird Enhancement zum sozialen Zwang und zum Winfallstor für Fremdsteuerung – genau das Stigma, vor dem *Dignitas Personae* warnt.
Science Fiction wurde längst von der Wirklichkeit überholt
Europa fördert angrenzende Forschung offen: HARIA zu Mensch-Roboter-Interaktion, SWAG zu tragbaren Systemen, NerveRepack zu Neuroprothesen und CROSSBRAIN zu Neuromodulation. Die EU hat dazu eigene Ethikleitlinien für Forschung mit Enhancement-Potenzial veröffentlicht; doch inwiefern diese wirklich Missbrauch stoppen oder abwenden, ist fraglich.. Im Militär ist die Versuchung offensichtlich: DARPA erforschte mit N3 nichtchirurgische Neurotechnik, und mit Measuring Biological Aptitude wurden Soldatenleistung und biologische Signale erforscht. Longevity-Firmen wie Altos Labs und Calico suchen nach Wegen, Alterungsprozesse zu verstehen und zu beeinflussen – oft mit dem Versprechen, Alter und biologische Limitierungen technisch abzuschaffen. Das ist einerseits Forschung – doch andererseits ist es zugleich eine Selbsterlösungshoffnung, die den Menschen nicht mehr als Gabe der Schöpfung, sondern als zu einem zum Endprodukt zu modulierenden Zielprojekt denkt.
Die Science Fiction wurde längst von der Wirklichkeit überholt, denn das alles ist real. Unbelegt bleibt bislang noch die These der Tauglichkeit zur späteren ausgereiften Massenanwendung, ebenso wie noch nicht sicher ist, ob die Menschen bereits heute oder in absehbarer Zeit heimlich mit Nanorobotern versehen werden. Unbelegt bleibt auch die Behauptung, eine zentrale Macht steuere bereits Millionen Körper. Forschung ist kein Rollout, ein Patent ist kein Produkt – und ein Laborversuch ist noch lange keine beschlossene oder geplante Bevölkerungspolitik. Aber „noch nicht belegt“ heißt nicht, dass keine Gefahr besteht oder es nicht versucht würde, oder dass zumindest politische Bestrebungen in diese Richtung laufen.
Es braucht strengere Regeln als sichtbare Ausweise
Was fraglos unantastbar bleiben muss, ist die Würde des Menschen nach Artikel 1 Grundgesetz – auch die des kranken, des alten, des ungeimpften und ungechipten Menschen. Das ist der basale Maßstab; daraus folgen die Regeln – und nicht umgekehrt! Es braucht deshalb klare Grenzen zwischen Therapie und Enhancement. Neurodaten dürfen nicht wie harmlose Fitnessdaten behandelt werden. Unsichtbare Markierungen brauchen strengere Regeln als sichtbare Ausweise. Einwilligung muss frei sein. Sie ist nicht frei, wenn der Arbeitgeber, die Versicherung oder der Staat ohne Implantat faktisch die Tür schließt.
Der größte Fehler wäre, allem, was einem im Internet präsentiert wird, uneingeschränkt zu glauben – egal, wer die Erzählung auch ausrollt. Der zweitgrößte wäre allerdings, die Entwicklungen unserer Zeit gar nicht wahrhaben und sehen zu wollen. So würde der kritische Punkt verpasst, ab dem der Mensch die Kontrolle über sein Menschsein zu verlieren droht –und ab dem der Transhumanismus übernimmt. Der Mensch würde damit unumkehrbar zum Objekt wissenschaftlichen, sich verselbständigenden Machbarkeitswahns und womöglich sogar von KI-Willkür erklärt. Dabei muss er immer zuerst Geschöpf sein und darf keinesfalls Baustelle werden! Politische Fragen stehen im Raum: Ab wann drohen künftige Generationen zum “Projekt” zu werden – und wie frei und demokratisch ist eine trranshumanistische Gesellschaft überhaupt noch? Und wer darf Nein sagen, ohne seinen Arbeitsplatz, seine Versicherung und sein Recht auf gesellschaftliche Teilhabe zu verlieren? Oder wird ein Nein demnächst dann einfach “überschrieben”?
Zur Person:
Nicole Höchst, Jahrgang 1970, ist AfD-Bundestagsabgeordnete aus Rheinland-Pfalz. Sie trat 2015 in die AfD ein und ist seit 2017 Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis 201 (Bad Kreuznach/Birkenfeld). Dort ist sie unter anderem als ordentliches Mitglied und Obfrau des Bildungsausschusses und als Sprecherin der AfD-Fraktion für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung tätig. Ferner ist sie stellvertretendes Mitglied in den Ausschüssen für Familie, Senioren und Jugend sowie für Digitales. Höchst ist desweiteren Delegierte des Deutschen Bundestages in den Europarat für die AfD-Fraktion und stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums der Desiderius-Erasmus-Stiftung.
Bis 2012 unterrichtete sie als Studienrätin am Staatlichen Speyer-Kolleg, anschließend war sie bis Oktober 2017 Referentin am Pädagogischen Landesinstitut (vormals IFB). Höchst war 2015 Mitglied der AfD-Bundesprogrammkommission und ist stellvertretende Vorsitzende des AfD-Kreisverbands Speyer. Sie ist katholisch, hat vier Kinder und lebt mit ihrer Familie in Speyer, wo sie auch Stadträtin ist.
Auf jouwatch veröffentlicht Nicole Höchst alle 14 Tage die kritische Kolumne „Höchst brisant“ zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen. Der erste Jahrgang dieser Kolumnen ist auch in Buchform erschienen. Unter demselben Titel veröffentlicht sie in unregelmäßigen Abständen Videobeiträge auf ihrem YouTube-Kanal.






















