Am 9. September erklärte der Zoo Berlin, weshalb Gorillas, Orang-Utans, Schimpansen und Bonobos kein Obst mehr zu fressen bekommen. Mein Enkel Sven-Jürgen wollte sich ansehen, was die Affen den ganzen Tag so machen.
Mein Enkel Sven-Jürgen kam in diesem Jahr in die Schule. Affen kannte er bisher nur aus dem Malbuch, aus dem Fernsehen und von Wahlplakaten. Höchste Zeit, dass sein Opa ihm einmal die richtigen Affen hinter den Gitterstäben zeigt. Es war Sonntag. Für unseren Ausflug hatte ich vier belegte Brote, eine Flasche Wasser und drei Bananen eingepackt.
Vor dem Schimpansengehege blieb Sven-Jürgen stehen. „Opa, was machen denn die Affen da?“ „Die machen nur ein bisschen Hoppe hoppe Reiter“, sagte ich. „Warum?“ „Weil Sonntag ist.“
In einer Ecke saß ein großer grauer Affenmann. Er kaute auf einer Karotte, die ihre besten Tage bereits hinter sich hatte. „Opa, warum sitzt der Affenmann so traurig in der Ecke?“ „Der ist nicht traurig. Der denkt nach.“ Sven-Jürgen wollte wissen, worüber. „Über seine Karotte.“
Kein Obst mehr für die Menschenaffen
Der Affenmann legte die Karotte weg und nahm ein Blatt Kopfsalat. Begeisterung sieht anders aus. „Mögen Affen Kopfsalat?“, fragte Sven-Jürgen. „Nein, mein Junge. Aber sie müssen ihn mögen.“ Das verstand er nicht. „Warum müssen sie?“ „Weil Kopfsalat gesund ist. Du musst deinen Spinat ja auch mögen.“
Ein Tierpfleger kam mit einer Schubkarre mit Karotten, Salatköpfen und Brokkolii. „Haben Sie keine Bananen dabei?“, fragte Sven-Jürgen. Der Tierpfleger erklärte, dass die Menschenaffen kein Obst mehr bekommen. Gorillas, Orang-Utans, Schimpansen und Bonobos erhielten jetzt Gemüse, Blätter und Zweige. Das Obst enthalte zu viel Zucker.
„Mag der Affenmann denn keine Bananen?“, fragte Sven-Jürgen. Doch, doch. „Ist er zu dick?“ Auch das war er nicht. „Wir wollen, dass er biologisch-dynamisch und ganzheitlich wird“, sagte der Tierpfleger und warf einen Salatkopf über die Gitterstäbe. Der Affenmann hob ihn auf, schnupperte daran und warf ihn in die Ecke. „Der mag den nicht“, stellte Sven-Jürgen fest. „Er muss sich erst daran gewöhnen“, sagte der Tierpfleger, „sonst verhungert er“, und schob seine Karotten weiter. Das kannte mein Enkel. So sprach seine Mutter auch über Spinat.
„Opa, wo wohnen die Schimpansen, wenn sie nicht im Zoo sind?“ Ich erklärte ihm, dass sie in Afrika im Urwald leben. Nun wollte er wissen, was sie dort fressen. „Auch alte Karotten und Kopfsalat?“ „Nein. Dort suchen sie sich selbst aus, was ihnen schmeckt.“ „Auch Bananen?“ „Auch Früchte.“ „Und wer verbietet ihnen das?“ „Niemand.“ „Warum nicht?“ „Weil sie frei sind.“
Schimpansen hinter Gitterstäben
Dann stellte Sven-Jürgen die schwierigste Frage: „Opa, sind die Affen gerne hier?“ „Natürlich.“ „Warum?“ „Da sie alles bekommen, was Affen brauchen.“ „Aber die Banane bekommen sie nicht. Die Affen sind traurig, wenn sie keine Äpfel, Birnen und Kiwis mehr kriegen. „Warum sind dann Gitterstäbe vor den Affen?“ „Damit sie nicht weglaufen.“ „Warum wollen sie weglaufen, wenn es ihnen hier gut geht?“ Darauf hatte ich keine Antwort. Der Affenmann saß wieder in seiner Ecke und kaute an der alten Karotte.
Nach einer Weile bekam Sven-Jürgen Hunger. Wir setzten uns auf eine Parkbank vor das Schimpansengehege. Ich gab ihm die Banane. Er schälte sie und biss hinein. Hinter den Gitterstäben saßen drei junge Schimpansen und sahen ihm zu.
Mir fiel ein Kinderlied aus den fünfziger Jahren ein: „Die Affen rasen durch den Wald.“ Darin brüllt die ganze Affenbande und sucht eine verschwundene Kokosnuss. Im Berliner Zoo müssen die Affen nicht lange suchen. Sie wissen genau, wer ihnen die Früchte weggenommen hat.
Die süßesten Früchte essen nur noch die Besucher
„Opa, darf ich dem Affenmann ein Stück von meiner Banane geben?“ „Nein, das ist verboten.“ „Von wem?“ „Von den Menschen mit den roten Mützen.“ Sven-Jürgen hielt die Banane fest und blickte zu den Gitterstäben. „Dann haben die Menschen den Affen die Banane geklaut?“
Ich erinnerte mich noch an ein anderes altes Lied. Peter Alexander sang: „Die süßesten Früchte fressen nur die großen Tiere.“ Sven-Jürgen sah den großen Affenmann an. Dann betrachtete er seine Banane. „Das stimmt doch gar nicht, Opa. Der große Affenmann bekommt nur die alte Karotte.“
Der Junge hatte recht. Im Berliner Zoo essen die süßesten Früchte nur noch die Besucher. Die großen Tiere sitzen hinter Gitterstäben und dürfen ihnen dabei zusehen.
„Iss deine Banane“, sagte ich. Sven-Jürgen biss nicht mehr hinein. Er wickelte die halb gegessene Banane sorgfältig in die Schale und legte sie zurück in meinen Rucksack. „Die schmeckt mir nicht mehr.“
Wir gingen zum Ausgang. Hinter uns blieb der Affenmann mit seiner Karotte sitzen. Die ganze Affenbande schwieg.






















