Seit dem Lockdown war mobil unterwegs zu sein nicht mehr so teuer... (Symbolbild:KI)
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Lieber Homeoffice im Jogginganzug als an der Tankstelle verarmen

Benzin kostet inzwischen so viel, dass sich für manchen Arbeitnehmer eine neue Frage stellt: Arbeiten gehen oder Jobcenter? Wer heute zur Arbeit fährt, sammelt Bonusmeilen fürs Armenhaus.

„Worin sehen Sie Ihre besonderen Stärken?“, fragte die Dame mit der kräftigen Hornbrille.

Der Bewerber überlegte keine Sekunde. „Also, wenn Sie mich so direkt fragen: Mein Haushalt verlangt nach mir.“ Die Hornbrille rutschte etwas tiefer. „Ihr Haushalt?“ „Natürlich. Mit dem Hund Gassi gehen, den Kanarienvogel füttern, Kaffee kochen, Brötchen aufbacken. Und die Kinder mit dem Lastenfahrrad zur Schule bringen. Das spart Sprit und stärkt die Waden. Beides steht im Lebenslauf unter Soft Skills. So stelle ich mir mein Leben vor. Und zwar jetzt schon. Nicht erst mit 71 in Rente.“

Die Dame legte den Kugelschreiber hin. „Und wann gedenken Sie, zum Wohle unseres Unternehmens beizutragen?“ Jetzt lächelte der Bewerber. Endlich kam die einfache Frage. „Nichts leichter als das. Ich habe drei Laptops.“ „Drei?“ „Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer. Alles WLAN. Immer on, nie off.“

Drei Stunden im Unternehmenskeller

Wenn eine E-Mail kommt, ertönt bei ihm sofort die Melodie „Sie haben Post“. „Sie müssten einmal sehen, wie ich von meiner Yogamatte aufspringe.“ „Yogamatte?“ „Rücken. Sehr wichtig bei Bildschirmarbeit.“ Die Dame griff wieder zum Kugelschreiber. „Und bei Videokonferenzen?“ „Oberhemd, unten nichts. Sie sehen ja nur das Oberhemd. Falls die Kamera nach unten rutscht, ziehe ich den Stecker. Sie kennen das.“ Das leuchtete sogar der Dame mit dem Kugelschreiber ein.

„Aber jetzt einmal ernsthaft“, sagte der Bewerber. „Wenn bei mir ein richtiger Auftrag reinkommt, ein Vertrag, eine Kalkulation, etwas, bei dem Denken verlangt wird, dann bin ich drei Stunden weg.“ Die Dame sah ihn an. „Wo?“ „Im Unternehmenskeller.“ „Welcher Keller?“ „Gedanklich.“

Dann erklärte er sein Verfahren. Handy aus. Klingel aus. Hund versorgt. Kanarienvogel gefüttert. Kein Briefträger. Kein DHL-Mann. Kein Kollege, der wissen möchte, wer gestern mit wem in der Kantine gesessen hat.

„Drei Stunden meditative Stille. Dann gehe ich in die Verträge hinein wie ein Bergmann in den Stollen. Niemand stört mich. Kein Großraumbüro, kein Telefongeplapper, kein Kollege mit einer Geschichte vom Wochenende.“

Die Dame sah ihn prüfend an. „Drei Stunden bei mir zu Hause ersetzen locker 7,458 Stunden im Büro.“ „Wie kommen Sie auf 7,458?“ „Erfahrung. Die Kommastellen stammen aus dem Stau. Jede rote Ampel kostet 0,014 Stunden Denkzeit. Das habe ich mitgestoppt, während der Motor lief.“

Niederlassung Café Roma

Die Dame wollte wissen, ob ihm der Austausch mit den Kollegen nicht fehlen würde. „Überhaupt nicht. Ich wohne in Charlottenburg. Bei einer Firma Ihrer Größe wohnen garantiert noch zwölf andere Mitarbeiter dort.“ „Und?“ „Dann treffen wir uns im Café. Dienstag, zehn Uhr. Niederlassung Café Roma. Vier Cappuccinos, eine Apfelschorle. 45 Minuten Besprechung. Fertig.“

„Unsere Firma hat dort aber keine Niederlassung.“ „Eben. Deshalb kostet sie auch keine Miete. Den Cappuccino übernimmt die Firma. Das ist dann der Essenszuschuss für die Kantine.“

Jetzt schrieb die Dame etwas länger. „Sie stellen sich das ziemlich einfach vor.“ „Arbeit ist oft einfach. Kompliziert wird sie erst durch Organisation.“

„Und bei Ihnen?“ „Ich arbeite mit Verträgen, Zahlen, Texten und E-Mails. Mein wichtigstes Arbeitsgerät ist mein Kopf. Hutgröße 62. Warum soll ich das Ding jeden Morgen zwanzig Kilometer spazieren fahren?“ Im Großraumbüro brauche er außerdem länger. „Da kommt immer jemand vorbei. Einer will Kaffee trinken, einer erzählt vom Urlaub, einer hat ein Problem mit Excel und einer fragt, ob ich schon gehört habe, was Herr Schneider über Frau Meier gesagt hat.“

Dann kommen 345 Euro Benzin dazu…

„Ihre Gehaltsvorstellung?“, fragte die Dame schließlich. „6.280 Euro.“ Die Hornbrille rutschte wieder herunter. „Das liegt etwas über unserer Vorstellung.“ „Das ist meine Gehaltsforderung im Homeoffice.“

„Und wenn wir auf Anwesenheit Wert legen?“ „Dann kommen 345 Euro Benzin dazu.“ „Das ist bei uns nicht vorgesehen.“ „Dann sollten Sie Homeoffice vorsehen.“

Die Dame sah ihn an. „Sie treten ziemlich selbstbewusst auf.“ „Deshalb sitze ich ja hier.“ Die Dame mit der Hornbrille betrachtete ihn eine Weile. Dann nahm sie ihren Kugelschreiber. „Wir melden uns bei Ihnen.“

In diesem Moment spielte sein Handy „Sie haben Post“. „Entschuldigung. Das könnte eine Firma mit Homeoffice sein.“

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