Am 20. September gegen 22 Uhr erscheint eine dringende Talkshow aus dem Jenseits auf den Fernsehempfangsgeräten. Denn es zeichnet sich das Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern klar ab: Die AfD ist stärkste Kraft, die CDU fliegt aus dem Landtag.
Auf sämtlichen Kanälen verschwinden Politiker, Experten und andere berufsmäßig Besorgte. Auf dem Bildschirm erscheint ein runder Tisch. Petrus leitet die Sendung. Schließlich verfügt er über die längste Erfahrung bei der Einlasskontrolle.
Live-Sondersendung aus dem Himmel
Erschienen sind Julius Cäsar, Arminius, Karl der Große, Martin Luther, Friedrich der Große und Otto von Bismarck. Napoleon wollte ebenfalls teilnehmen, blieb jedoch an der deutschen Bürokratie hängen. Sein Antrag war nur in französischer Sprache eingereicht worden.
Auf einem Bildschirm hinter den Teilnehmern erscheinen die Ergebnisse aus Mecklenburg-Vorpommern. Die AfD ist stärkste Kraft. Die CDU erreicht nur 4,9 Prozent und scheitert erstmals bei einer Landtagswahl an der Fünfprozenthürde.
Petrus eröffnet die Runde.
Das Volk hat gesprochen
„Meine Herren, das Volk hat gesprochen. Wie deutet Ihr seinen Urteilspruch?“
Bismarck streicht über seinen Schnurrbart.
„Wer seine Grundsätze preisgibt, darf sich nicht wundern, wenn ihm auch die Wähler abhandenkommen.“
Friedrich der Große betrachtet die Zahlen.
„Man zog eine Brandmauer um die AfD. Nun steht die CDU selbst draußen.“
Karl der Große blickt nach Schwerin.
Bismarck nickt
„Das Volk hat gesprochen. Nun werden ihm die Unterlegenen erklären, es habe ein falsches Urteil gesprochen.“
Bismarck nickt.
„Das Volk darf wählen. Doch wählt es nicht, wie die Regierenden wünschen, beginnt nach dem Wahlabend das Demokratietheater.“
Petrus fragt:
„Worin, meine Herren, liegen die Ursachen dieses Urteils?“
Cäsar kennt Völkerwanderungen
Petrus wendet sich an den Römer.
Lorbeerkranz gerichtet
„Cäsar, Ihr habt ganze Völker wandern sehen. Was saget Ihr zu den offenen Grenzen der Deutschen?“
Cäsar richtet seinen Lorbeerkranz.
„Wir Römer zählten jeden Mann, jedes Pferd und jeden Wagen. Die Deutschen wissen nicht, wer kommt, nennen es aber Ordnung.“
Arminius schlägt mit der Faust auf den Tisch.
„Als die Römer kamen, wusste ich wenigstens, wie viele es waren, woher sie kamen und dass sie wieder gehen sollten.“
Karl der Große betrachtet eine Landkarte.
„Ein Reich ohne geschützte Grenzen ist kein Reich. Es ist eine Herberge, deren Wirt die Rechnung selbst bezahlt.“
Aus Berlin wird eine Expertin zugeschaltet. Zuwanderung sei eine Bereicherung.
Bismarck beugt sich zum Bildschirm.
Wer wird bereichert?
„Saget uns auch, wer bereichert wird.“
Die Verbindung bricht ab.
Luther vor dem Sprachgericht
Petrus reicht Martin Luther einige Schreiben deutscher Behörden.
„Luther, Ihr habt dem Volke aufs Maul geschaut. Verstehet Ihr diese Sprache?“
Luther liest, blättert und schüttelt den Kopf.
„Ich übersetzte die Bibel ins Deutsche. Heute bedürfte ich eines Beauftragten, um zu erfahren, welche Wörter noch erlaubt sind.“
Friedrich der Große betrachtet ein Antragsformular.
Deutschland löscht das eigene Feuer
„Warum muss ein Handwerker siebzehn Seiten ausfüllen, ehe er einen Nagel einschlagen darf?“
Bismarck antwortet:
„Damit siebzehn Beamte beschäftigt sind, wenn der Handwerker seinen Betrieb geschlossen hat.“
Auf dem Bildschirm erscheinen stillgelegte Kraftwerke und verlassene Fabrikhallen. Daneben drehen sich Windräder, sofern der Wind es erlaubt.
Cäsar staunt.
„Wir bauten Straßen und Wasserleitungen. Sie sprengen Kraftwerke und wundern sich hernach, dass es an Kraft gebricht.“
Friedrich der Große ergänzt:
„Andere Völker bauen neue Kraftwerke. Die Deutschen sprengen die ihren und heißen es Fortschritt.“
Petrus unparteiisch
Napoleon meldet sich aus der Warteschleife.
„Ein Land ohne Energie kann keinen Krieg führen.“
Petrus bleibt unparteiisch.
„Ist dies ein Vorzug oder ein Nachteil?“
Bismarck antwortet:
„Es kann ohne Energie alsbald auch keinen Frieden mehr bezahlen.“
Ein Fax aus der Ewigkeit
Während die Herren reden, beginnt auf dem Beistelltisch ein Faxgerät zu rattern. Petrus zieht eine Seite heraus.
„Konrad Adenauer sei heute leider verhindert. Er gebe jedoch zu bedenken: Die Lage war noch nie so ernst.“
Darunter steht handschriftlich:
„Und damals kannte ich die heutige noch nicht.“
Zum Schluss erscheinen Bilder aus dem Bundestag. Die Reihen sind mäßig gefüllt, die Reden dafür umso voller.
Bismarck zieht Bilanz.
„Die großen Fragen vertagen sie. Die kleinen regeln sie so lange, bis auch diese zu großen geworden sind.“
Das Urteil der Vorfahren
Arminius greift nach seinem Schwert.
„Darf man dort unten noch für das eigene Volk eintreten?“
Petrus blättert in der deutschen Gesetzessammlung.
„Darüber, mein Lieber, entscheidet nicht der Himmel. Dafür haben die Deutschen jetzt Meldestellen.“
Damit endet die politische Konferenz im Jenseits. Auf der Erde übernehmen wieder die gewohnten Sondersendungen. Dort ist man erleichtert. Endlich sprechen wieder Menschen, die von der Vergangenheit nichts wissen und für die Zukunft nicht haften.
Da jedoch nicht alle der größten Führer der Geschichte im Himmel wohnen, sondern in der Hölle schmoren, blieben manche Plätze am runden Tisch unbesetzt. Die nächsten Höllenbewohnen stehen bereits Schlange.






















