Fleschs EM-Notizen (III): Nach dem fulminanten Sieg – wer mir jetzt ganz fürchterlich leid tut

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Szene des gestrigen EM-Auftaktspiels in München (Foto:Imago)

5:1 gegen Schottland – was für ein Spiel! Vor allem, wenn man bedenkt, wie öde Eröffnungsspiele meist sind. Die oft bemühte Frage „Waren wir so gut, weil Schottland so schlecht war oder war Schottland so schlecht, weil wir so gut waren?“, spielt für mich keine große Rolle. Schließlich hat sich unsere Nationalmannschaft in den letzten acht Jahren immer mal wieder gegen weitaus schwächere Mannschaften bis auf die Knochen blamiert.

Ich hab das Spiel in der Mosquito Sportbar in Cala Ratjada auf Mallorca gesehen. Der Anteil der Biodeutschen unter den Gästen lag bei etwa 95 Prozent. Dennoch, oder gerade deshalb, war die Stimmung friedlich. Für “Welt”-Autor Peter Huth, Deutschlands „Nazi“-Jäger Nummer 1, hätte es keine Arbeit gegeben. Unsere Spieler wurden ohne Rücksicht auf Wurzeln oder Hautfarbe angefeuert. Noch nicht einmal als Islam-Lover Antonio Rüdiger den Ball mit dem Kopf ins eigene Tor trottelte fiel ein böses Wort. Was gut war. Etwas anderes hätte dieses großartige Spiel auch nicht verdient gehabt.

Hetze des linken Establishments

Doch schon kurz nach dem Spiel ging sie wieder los, die Hetze des linken Establishments. Exemplarisch dafür muss ich noch einmal Peter Huth bemühen, der auf Facebook schrieb: Wie kleinlaut plötzlich das rechtsextreme Gesindel ist, dem die Mannschaft zu woke, zu divers und vor allem zu dunkelhäutig ist. Nicht euer Team, nicht euer Land. Nicht euer Sieg.” Meine Antwort an meinen früheren Chef (er war es damals, als ich noch bei “Bild” Hamburg war:

“BOAHRRR, Peterle! Nun lass mich doch erst einmal wach werden und mein Katerfrühstück verputzen (halber Liter frisch gepresster Orangensaft, eine Zitrone, 300 Gramm Bioquark, zwei Esslöffel Haferflocken, etwas Vollrohrzucker, 1000 Milligramm NMN und 1000 Milligramm Taurin). Du kommst heute schon noch dran (das großartige Spiel natürlich auch). Wirst eine Hauptrolle in meinen EM-Notizen #3 „Wer mir jetzt alles furchtbar leid tut“ spielen. Vorab ein Ratschlag: Nun freu Dich doch auch mal über den Sieg! Immer nur „Nazis“ jagen, das ist doch kein Leben.”

Falsche Prioritäten

Jungs wie Peter tun mir im Grunde leid. Anstatt das Spiel zu genießen, wittern sie bereits den nächsten „Nazi“-Skandal, überlegen sich Strategien, wie sie Andersdenkende in den sozialen Netzwerken angreifen könnten, anstatt sich auf den Angriff der deutschen Mannschaft gegen Schottland zu konzentrieren.

Leid tut mir der Mann, der in Wolmirstedt bei Magdeburg von einem Afghanen mit einem Messer ermordet wurde, und die drei dabei verletzten Menschen. Glücklicherweise schoss die Polizei dem Messermann das Licht aus. Für immer. Taten wie diese existieren in der Welt eines Peter Huth nicht. Stattdessen verlinkte er eben auf Facebook den “Bild”-Artikel „Rassismus-Eklat nach Public Viewing: Mädchen (15) grölt ,Deutschland den Deutschen’“ und kommentierte: ‘Europa zu Gast bei Rechtsextremisten.‘” Ich schrieb drunter: „Prioritäten, Peter, kennste?“ und verlinkte den Artikel zu dem Messermoslem.

Wer sich hier ärgert und weshalb

Doch nochmal kurz zurück zu Peters erstem Facebook-Beitrag: Dass sich viele Menschen aus unserer Blase inzwischen einen Scheiß für die Nationalmannschaft interessieren, blendet er ebenfalls aus. Dazu passt ein Kommentar meines Facebook-Kumpels Sascha Edler: „Verwechselt da jemand Kleinlaut sein mit völligem Desinteresse?! Mir persönlich ist es völlig Latte was diese ,Mannschaft’ zustande bringt, oder auch nicht.“ Ich muss allerdings sagen: Jungs mir Sascha tun mir auch ein bisschen leid. Sie verpassen etwas. Stand heute zumindest. Aber im Gegensatz zu „Nazi“-Jäger Huth war es ihre freie Entscheidung, der Nationalmannschaft Lebewohl zu sagen. Bei Huth ist’s ein pathologischer Drang, die „Nazi“-Jagd wichtiger als das Spiel zu nehmen.

Lustig war dann auch noch ein Kommentar von Norbert von Jutrzenka bei mir, auch er ein Facebook-Kumpel: „Im Gegensatz zum Peterle“ hätten die Spieler, egal welcher Hautfarbe, mitgesungen bei der Hymne. Vielleicht ärgert er sich deshalb so? Man weiß es nicht. Doch zurück zum eigentlich Wichtigen: Mein EM-Kaltgetränk heißt seit gestern: Wodka mit einem Schuss Red Bull-Melone (oder andersherum, je nach Uhrzeit). Es wurde sich ja oft über Görings Phantasieuniformen lustig gemacht, mit den vielen Orden und so; ich finde allerdings, die standen ihm besser als das Trikot der deutschen Nationalmannschaft.

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