Zerstörte Pipeline - Symbolfoto: KateStudio/Shutterstock

Narrativ & Wahrscheinlichkeit: Haben Ukrainer Nordstream gesprengt?

Haben Ukrainer mit Unterstützung aus Polen die Nordstream-Pipelines gesprengt?  Die “Berliner Zeitung” brachte das Thema gestern zum zweiten Mal. Glaubwürdig wird die Geschichte auch durch eine kleine Präzisierung bei der Wiederholung nicht.  Die Wahrscheinlichkeitsrechnung.

von Max Erdinger

Die “Berliner Zeitung” bezieht sich auf einen Bericht des niederländischen Senders NOS. Es handelt sich um eine Präzisierung der Segelboot-Story. Diesem Bericht zufolge soll ein ukrainisches Taucherteam  unter Federführung des ukrainischen Generals Saluschnij  die Ostsee-Pipelines gesprengt – und dabei Unterstützung aus Polen erhalten haben. Der “heilige Wolodymyr” Selenskyj habe davon allerdings keinen blassen Schimmer gehabt. Westliche Geheimdienste hätten zwar rechtzeitig von den Plänen erfahren, jedoch nichts unternommen, um den Terrorakt zu unterbinden.

Es handelt sich also um ein “neues Narrativ”, das dann, wenn es zuträfe, ein politisch deutlich explosiveres Narrativ widerlegen würde, nämlich die Hergangsversion von Pulitzer-Preisträger Seymour Hersh, der vor Monaten bereits detailliert geschildert hatte, daß die USA in Zusammenarbeit mit Norwegen für den Terrorakt verantwortlich gewesen seien und wie er durchgeführt wurde.

Die Details des “neuen Narrativs” – also Ukrainer als Täter mit polnischer Unterstützung – bestätigten in wesentlichen Punkten bisherige Erkenntnisse deutscher Ermittler, so die “Berliner Zeitung”.  Die Wochenpostille “Die Zeit” aus Hamburg, die ARD und der SWR hätten ebenfalls so berichtet. Meinereiner jedoch hört hier schon die Nachtigall trapsen und sagt: Das könnte euch so passen.

Gutes Narrativ, schlechtes Narrativ

Für “die Ukraine” läuft es miserabel im andauernden Krieg. Kann man das so schreiben? Wahr ist, daß es miserabel läuft. Aber für “die Ukraine”? Die “ukrainische Gegenoffensive” ist der Rohrkrepierer des noch jungen Jahrhunderts. “Die Ukraine” ist jedoch nur der Akteur im Vordergrund, allerdings auch Hauptkrepierender. Die eigentlichen Kriegsherren auf westlicher Seite sind die USA und die von ihr instrumentalisierte und dadurch mißbrauchte NATO. Für die läuft es geopolitisch nicht minder miserabel.  Der Krieg ist für den “Westen feat. Ukraine” nicht zu gewinnen, weswegen ein nützliches Narrativ aktuell eines wäre, daß dem “Westen” erlauben würde, die Ukraine nicht länger mehr zu “featuren” und sich aus seinem geopolitischen Vabanquespiel zurückzuziehen, ohne dabei zugeben zu müssen, daß er es ohnehin verloren hätte.

Eine grundstürzende Kurskorrektur, deren Ursache ukrainischer Betrug am “Wertewesten”  ist, wäre für die politisch Verantwortlichen im Westen allemal günstiger, als der Nachweis ihrer geopolitischen Kurzsichtigkeit, mithin also ihrer absoluten Unfähigkeit zu realistischer Planung. Für den langfristigen Fortbestand der NATO und insbesondere für den Fortbestand des deutschen Vasallentums den USA als Mitglied der NATO gegenüber, wäre die Gewißheit Gift, daß die USA für den Anschlag auf die Pipelines verantwortlich sind. Zumal sich ohnehin schon nicht mehr bestreiten läßt, daß die Erfinder der  westlichen Sanktionen gegen Russland mit der wirtschaftspolitischen Kompetenz von Schildbürgern im Quadrat geschlagen sind.

Das “gute Narrativ” wäre also, daß die “wertewestliche NATO” in Gestalt der Nordstream-Sprengung vom eigenen “Schützling” Ukraine übel hintergangen worden ist, weil das als Begründung für das Ende der “Unterstützung” ganz gut taugen würde. Die eigene Unfähigkeit wäre dann kein Thema. Man käme also wenigstens noch mit einem blauen Haltungsauge aus dem vor Dummheit strotzenden Geopolitikdesaster wieder heraus.

Das schlechte Narrativ wäre das von Seymour Hersh. Das würde nämlich bedeuten, daß die USA einen kriegerischen Akt, mindestens aber einen terroristischen Anschlag auf ihre eigenen europäischen Verbündeten durchgeführt hätten – auf Deutschland besonders – was auf längere Sicht tödlich wäre für den Fortbestand der NATO unter amerikanischer Führung.  Schließlich gibt es auch so schon innereuropäische Differenzen bei der Beurteilung des Ukrainekrieges. Eine amerikanische Täterschaft bei der Nordstream-Sprengung wäre Wasser auf die Mühlen bspw. Frankreichs und Ungarns.

Da aber die gesamte westliche Welt im Zeitalter eines diktatorischen Präferenzutilitarismus’ lebt und dem Wahn frönt, Wirklichkeit sei das, was sich als Mehrheitswahrnehmung konstruieren und durchsetzen läßt – und eben nicht das, was sie – ob erkannt oder unerkannt – eben ist, ächzt sie auch unter der Last der Narrative. Schon der Begriff “Narrativ” und mehr noch die Bedeutung, die ihm zugemessen wird, beweist das. Es kommt nämlich realiter nicht darauf an, was einer erzählt und wie viele ihm seinen Schnack glauben, sondern darauf, ob stimmt, was einer erzählt. Die Unterscheidung nach “Gutes Narrativ, schlechtes Narrativ” ist insofern bereits in sich selbst von völligem Realitätsverlust getragen. Wichtig wäre das wahre – und daher auch “richtige Narrativ”.

Es gibt auch nach dem jüngsten Bericht in der “Berliner Zeitung” keinen Grund, Seymour Hershs Darstellung des Sachverhalts zugunsten des Narrativs einer ukrainischen Täterschaft bei der Pipeline-Sprengung in Frage zu stellen. Es bleibt mit Abstand das plausiblere und damit auch das wahrscheinlich richtige, auch wenn es das “schlechtere”, weil ungünstigere ist. Was wahr ist oder nicht, hängt keinesfalls davon ab, ob jemandem gefällt, daß es wahr ist oder nicht. Den mordsprogressistischen Genderisten z.B. gefällt partout die Tatsache nicht, daß es zwei Geschlechter gibt. Das ändert aber nichts daran, daß die von ihnen behauptete Vielzahl der Geschlechter nur ein zielführendes Narrativ bleibt. Daß die Evangelen zu absoluten Antichristen geworden sind, ändert sich nicht dadurch, daß sie auf dem Kirchentag so tun, als seien sie die einzig wahren Christen. Und an der völligen kulturellen Verwahrlosung der “Wertewestler” ändert das Narrativ vom eigenen Wertebewußtsein ebenfalls nichts. Wenn die Amerikaner Nordstream gesprengt haben, dann ändert ein anderslautendes “Narrativ” daran gar nichts. Die Wertschätzung für  das “Narrativ” als solches entspricht dem Entwicklungsstand von Kleinkindern und deren Vorliebe für Gute-Nacht-Geschichten.

Das Günstige am “guten Narrativ”

So günstig das Narrativ einer ukrainischen Täterschaft bei der Nordstream-Sprengung ist, um sich aus dem Ukrainekrieg zurückzuziehen, so ungünstig wäre es auf den ersten Blick wiederum wegen der Behauptung, westliche Geheimdienste hätten schon Monate vorher von der geplanten Sprengung durch die Ukrainer gewußt. Deswegen käme es darauf an, wie das “neue Narrativ” weitergesponnen wird. Denkbare Wendungen wären die folgenden: Die Geheimdienste haben die verantwortlichen Politiker über die geplante Sprengung informiert. Folge: Die Politiker haben den schwarzen Peter. Alternative: Die Geheimdienste haben die verantwortlichen Politiker – nicht – informiert. Folge: Die Politiker erhalten Gelegenheit, bei den Geheimdiensten auszumisten. Frage deshalb: Müssten westliche Politiker daran interessiert sein, bei den Geheimdiensten auszumisten? Für die USA läßt sich das mit einem eindeutigen “Ja” beantworten. Dort stellt sich gerade zur Zeit immer deutlicher heraus, wie sehr sich die Geheimdienste in den vergangenen Jahren politisch gegen die eigenen Bürger haben instrumentalisieren lassen. Stichwort “anlaßlose Totalüberwachung”. Hierarchisch oberhalb der Geheimdienste sind aber genau jene Politiker angesiedelt, die diese Instrumentalisierung der Geheimdienste zu verantworten haben. Deshalb ist vorhersehbar, in welche Richtung die Verantwortung verschoben werden wird – und wer hernach als wessen Opfer zu gelten hat.

Der Politiker wird als das desinformierte Opfer der Geheimdienste dastehen, was zwingend die nächste Frage provoziert: In wessen Interesse sollen die Geheimdienste gehandelt haben, als sie die verantwortlichen Politiker nicht oder falsch informierten? Logische Antwort: Im Interesse derjenigen, die Politiker lenken und kontrollieren wollen. Insofern wäre dann die Verantwortungsverschiebung auf die Geheimdienste keine ganz dämliche Strategie, altbekannt als “Bauernopfer”.  Die Politik würde nach einer “personellen Umstrukturierung” bei den Geheimdiensten als “Saubermann” dastehen und könnte nach ein wenig “Umstukturierung” mit neuen Gesichtern bei den Geheimdiensten so weitermachen wie bisher. Das könnte man als Deutscher bezeichnen als ein universell-westwertliches Graichen-Prinzip. Du schmeißt den einen Graichen raus und ersetzt ihn durch einen anderen Graichen, der bloß anders aussieht und anders heißt, so daß prinzipiell alles Graichen bleibt. Als nächstes behauptest du aber, es habe Änderungen gegeben. Dadurch hast du dir wieder Zeit zum Weitermachen gesichert.

Es ist so, ganz unabhängig von Seymour Hersh: Victoria Nuland hatte im Januar 2022 das Ende für Nordstream 2 angekündigt, sollten russische Truppen die ukrainische Grenze überschreiten. Am 7. Februar 2022 hat das der mutmaßliche, jedenfalls aber umstrittene US-Präsident Biden im Beisein des nicht minder umstrittenen Kanzlers Scholz in Washington bestätigt. Biden: “Wenn Russen in die Ukraine einmarschieren, bedeutet das das Ende für Nordstream 2.”  Die Russen überschritten die ukrainische Grenze am 24.02.2022. Am Tag nach der Sprengung am 26.09. 2022 bedankte sich der Ex-Außenminister Radoslaw Sikorski aus Polen auf Twitter mit einem “Thank you, USA!” bei den Amerikanern für die zerstörte Pipeline. Verheiratet ist der Mann mit Anne Applebaum, einer amerikanischen Neokonservativen aus dem Umfeld genau derjenigen, die in den USA seit Jahren gegen Nordstream gestänkert hatten.  Ebenfalls am Tag nach der Nordstream-Sprengung ging eine neue norwegisch-polnische Ostsee-Pipeline in Betrieb. Im US-Kongreß herrschte parteiübergreifende Freude nach der Sprengung von Nordstream(Ted Cruz/Victoria Nuland). Im Juni 2022 hatte es das “Baltops”-Manöver in der Ostsee gegeben. Geübt worden waren u.a. genau die Fähigkeiten, die es zur Sprengung von Nordstream gebraucht hat. Nutznießer des europäischen Verlusts an reichlich billiger Energie für die Produktion sind die USA. Beabsichtigter Nutznießer des Krieges in der Ukraine waren ebenfalls die USA über eine vermeintliche Schwächung Russlands bzw. einen erhofften Regimechange in Moskau, den Russen wegen des Krieges selbst herbeiführen würden. Krass verkalkuliert.

Die “Berliner Zeitung” arbeitet in ihrem Artikel mit mehr “offenbar” und “angeblich” sowie “nicht genannten Quellen” als Seymour Hersh, das “neue Narrativ” leidet an logischen Inkonsistenzen, läßt aber klar ein Motiv hinter seiner Existenz erkennen, nicht zuletzt wegen der Verneinung einer Verantwortlichkeit Selenskyjs und der polnischen Regierung trotz angeblich ukrainischer Täterschaft samt polnischer Unterstützung – und deshalb geht die Verteilung der Wahrscheinlichkeit zwischen Hersh und der “Berliner Zeitung” so aus: Mit größter Wahrscheinlichkeit stimmt der Hersh-Report, weshalb der Bericht in der “Berliner Zeitung” höchstwahrscheinlich den Versuch darstellt, ein “günstigeres Narrativ” angesichts einer ungünstigen Realität zu etablieren.

107f73e7514446f0a971e3f59a0d5ce4

Entdecke mehr von Journalistenwatch

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen