Von wegen „Durchimpfung bis Sommerende“: Der Impfplan bröckelt

Foto: Impfzentrum (über dts Nachrichtenagentur)

Erwartungen schüren und dann gleich wieder dämpfen: Mit dieser Stop-and-(Don’t)Go-Masche laviert die Bundesregierung seit Monaten durch einen Lockdown, der uns als ebenso end- wie alternativlos verkauft wird – und der selbst nach Logik seiner Verteidiger längst hinfällig wäre, gäbe es einen verlässlichen Impfplan in diesem Land. Doch davon entfernt sich die Politik immer mehr. Inzwischen steht Merkels „Impf-Angebot für jeden“ bis Sommerende auf der Kippe.

Man braucht weder Genie, Mathematiker noch Hellseher zu sein, um sich auszurechnen, dass selbst unter Einbeziehung der Hausarztpraxen, die nach Ostern ebenfalls impfen dürfen, die Durchimpfung der Bevölkerung weit länger dauern dürfte als veranschlagt. Und dies selbst dann, wenn es nicht zu mysteriösen, ständig neuen Rückschlägen und Lieferengpässen kommt, sei es durch Brände im Impffabriken, durch Fehlabfüllungen von 15 Millionen Dosen beim Hoffnungsträger Johnson & Johnson, durch jederzeit erwartbare Impfzwischenfälle und kurzzeitige Unterbrechungen (so wie vorgestern, zum zweiten Mal binnen weniger Wochen, bei Astrazeneca).

Ursprünglich sollten nach Ostern über zwei Impfdosen Millionen wöchentlich in den Praxen verimpft werden – plus zusätzlich noch die Chargen, die in den weiterhin geöffneten Impfzentren zum Einsatz kommen. Nun dämpfte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gleich mal prophylaktisch die Erwartungen an den bundesweiten Impfstart in den Hausarztpraxen nach Ostern: Man werde in der kommenden Woche zwar „den nächsten Schritt in der Impfkampagne“ sehen, es werde „ein wichtiger„, aber leider eben noch „kein großer Schritt“ sein, so Spahn laut „dts Nachrichtenagentur“ auf der Bundespressekonferenz.

Spahns „Perspektivische“ Zukunftsmusik

Denn während im April wöchentlich 2,25 Millionen Dosen an die Impfzentren der Länder gehen, werden den Arztpraxen nun nur 940.000 Impfdosen geliefert – obwohl die gleich zu Beginn der Praxenimpfungskampagne teilnehmenden Ärzte über 1,4 Millionen Dosen wöchentlich geordert hatten. Damit liegt gleich zum Auftakt die maximale Impfmenge um über ein Drittel unter der beabsichtigten Größenordnung und unter den nach eigener Einschätzung der Ärzte ermittelten Kapazität. Ein Start mit Pannen also – wie sollte es auch anders sein. In diesem Land, unter dieser Regierung klappt NICHTS mehr.

Seinen Zweckoptimismus verlagert Spahn daher wieder mal in die Zukunft: „Indem wir mit dem Impfen in den Arztpraxen beginnen, etablieren wir Strukturen, die uns perspektivisch helfen, schneller und mehr zu impfen„, so Spahn. Schon in wenigen Wochen werde man die Zahlen in den Praxen „deutlich steigern“ können: Ab Ende April sollen dann „schon mehr als drei Millionen Impfdosen an die Arztpraxen gehen.

Rechnen wir kurz nach: bislang sind – Stand heute Mittag – 9.627.222 Deutsche einfach geimpft (11,6 Prozent der Bevölkerung), vollständig geimpft sind 4.152.414 Bürger (5,0 Prozent der Bevölkerung). Das ist also der Status nach etwas über 13 Wochen Impfkampagne. Bis zum Stichtag Sommerende 21. September, wenn laut Merkel „jedem Deutschen ein Impfangebot“ gemacht worden sein sollte (das sich logischerweise auf beide Impfungen, entsprechend der Chance auf „vollständigen Impfschutz“ beziehen muss!), sind es noch 25 Wochen.

Selbst im Optimalfall erst gegen Jahresende „Impf-Angebote“ für jeden?

Geht man bei den Impfzentren von der derzeitigen wöchentlichen Liefermenge 2,25 Millionen aus, dann sind dies in den Zentren bis dahin rund 55 Millionen Dosen. Wenn nun, was utopisch anmutet, tatsächlich ab der ersten Maiwoche die von Spahn verheißenen 3 Millionen Dosen wöchentlich an die Arztpraxen geliefert werden, so wären dies weitere 63 Millionen Dosen. 118 Millionen Impfdosen entspricht 59 Millionen Vollimpfungen (die nur eine Dosis erfordernde Impfung von Johnson & Johnson ist hier allerdings nicht berücksichtigt, bedingt durch den erwähnten Rückschlag der 15 Millionen Dosen); nimmt man hier nur einem Anteil von 10 Prozent an Vakzinen mit Einfachdosis aus, kommt man somit maximal auf 65 Millionen Vollimpfungen.

Dies aber wohlgemerkt nur dann, wenn alles nach Plan läuft und die jetzt angeblich immer mehr an Fahrt gewinnende und immer schnellere Belieferung mit unterschiedlichen Impfstoffen tatsächlich erfolgt – und im Lichte aller bisherigen Erfahrungen mit dieser Bundesregierung und dem deutschen „Krisenmanagement“ fällt eher Weihnachten auf Pfingsten, als dass das Plansoll erreicht oder gar übertroffen wird. Nicht umsonst hören wr auch dieses Narrativ ja schon seit Januar unentwegt – „jetzt kommen ja Woche für Woche mehr Impfstoffe an„, „bald schon ertrinken wir im Impfstoff“ und so fort; die Realität sieht jedoch ganz anders aus.

Doch gehen wir gerne einmal vom optimalen Fall aus. Dann bedeutet dies, dass bis zu Merkels Stichtag trotzdem erst rund 70 Millionen Deutsche geimpft wären – 80 Prozent der Bevölkerung, keine 100 Prozent. Die wären dann erst Mitte Ende Dezember, Anfang Januar drin. Realistisch wäre eher die Hälfte dieser Zahlen. Bei einer nachweislich wirksamen Impfung wäre nun auch schon eine Immunisierung von 60 oder 70, erst recht 80 Prozent der Bevölkerung ein veritabler Erfolg – weil dann die Herdenimmunität greifen würde. Würde, wohlgemerkt.

Lockdowns trotz Durchimpfung möglich

Genau die nämlich gibt es bei den gesamten derzeit verfügbaren Experimentalimpfstoffen gerade nicht. Weder ist gesichert, wie lange der Impfschutz hält, noch ob er überhaupt Infektionen ausschließt – und vor allem die Weitergabe des Virus verhindert. Von steriler Immunität kann daher überhaupt keine Rede sein – mit der Folge, dass ein „ungeschützter Rest“ der Bevölkerung auch nach dem 21. September weitere Lockdowns erzwingen wird. Wenn bis dahin nicht ohnehin neue Resistenzen, „Super-Mutanten“ oder rätselhafterweise partout nicht sinkende „Fallzahlen“ trotz der Massenimpfungen die gesamte Impfkampagne als wirkungslos erscheinen lassen.

Man könnte einwenden: die Impfzurückhaltung oder -skepsis ist so groß, dass sich sowieso nicht so viele Deutsche impfen lassen werden, wie die Kapazitäten es hergeben. Das mag praktisch so sein; da Merkel aber jedem Einwohner ein verlässlich einlösbares Impfversprechen gegeben hat und sich die Politik an der lückenlosen Bevölkerungsabdeckung orientieren muss, ist dies irrelevant. Größere Hoffnung könnte die Politik daraus schöpfen, dass bis zur Verfügbarkeit der Impfstoffe, vor allem in den Hausarztpraxen, viele weitere Alte oder Kranke weggestorben sind (bzw. in Deutschland sowieso Tag für Tag zwischen 2.600 und 3.000 Menschen sterben), und sich der Empfängerkreis natürlich reduzieren könnte.

Das würde allerdings eine Übersterblichkeit durch die „dritte Welle“ erfordern, die sich – trotz aller statistischen Kreativität – wohl auch diesmal nicht nachweisen lassen wird… (DM)