Spahns nächste Schneise der Verwüstung: Impfchaos in Praxen durch Priorisierungs-Wegfall

Wo er hinfasst, wächst nichts mehr: Gesundheitsminister Spahn (Foto:Imago/Political-Moments)

Bestehende Strukturen, ein funktionierendes Gemeinwesen, reibungslos eingespielte Routinen ohne Not aus den Angeln gehoben und kaputtgeschlagen zu haben, um ein wahnsinniges Pandemieregiment durchzusetzen: Dieser Befund lässt sich auf fast alle Bereiche der Politik anwenden, von Bildung, Wirtschaft, Kultur, Freizeit bis hin natürlich zum Gesundheitssektor. Im letzteren Gebiet erweist sich ausgerechnet der zuständige Fachminister als größter Störer: Was immer Jens Spahn in der Corona-Krise anfasst und zur Chefsache macht, fährt krachend gegen die Wand.

Aktuell bringt Spahn gerade die niedergelassenen Allgemein- und Familienmediziner der Republik auf die Palme: Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (Degam) wirft ihm vor, die Hausärzte in der Corona-Pandemie unnötig unter Druck zu setzen. Spahn hätte klar sein müssen, so Degam-Präsident Martin Scherer zum „Spiegel„, dass die vorschnelle, effekthaschende und populistische Ankündigung der Priorisierungsaufhebung zum 7. Juni zu einem unmöglich bewältigbaren Ansturm auf die Praxen führen würde. Einem (gemeint ist hier: kompetenten, verantwortungsbewussten und vorausschauenden) Politiker hätte klar sein müssen: „Wenn ich sage, die Priorisierung ist aufgehoben, erzeuge ich damit einen riesigen Run„.

Spahns Agieren, wie die gesamte autoritär-abgehobene, weltferne und im Wortsinn „praxis“-fremde Politik der Bundesregierung, nahm auf derlei Einwände und Warnungen natürlich keine Rücksicht. In der Anmaßung, selbst am besten regulieren und nach Gutsherrenart ohne Rücksicht auf die Folgen entscheiden zu können, hatte Spahn vorgestern bekanntlich die Aufhebung der Impfreihenfolge zum 7. Juni verkündet und dies selbstgefällig als kluges, wegweisendes Etappenziel bezeichnet. Es war wieder wie bei allen einsamen Entscheidungen in dieser Krise: Ohne auf die zwangsläufigen Auswirkungen, auf absehbare negative Rückkoppelungen zu schauen, wird einfach etwas vom Zaun gebrochen – und später dann mit den Konsequenzen gehadert. Masken-Milliardenbestellungen mit dreisten Fällen von Selbstbereicherungen; planlose Intensivbettenförderung, die zu wirtschaftlichen Fehlanreizen führte und  künstliche „Verknappungen“ generierte; Milliardenvergütungen für Schnelltests, die zu Geldgeschenken für die Apotheker und private Testbetreiber führten, überteuere Apps und Entwicklungsrückstände bei digitalen Immunitätsnachweisen.

Bilanz der Scheiterns

Und jetzt also die kopflose, in ihren Folgen undurchdachte Priorisierungsaufhebung – von der die Hausärzte in ihrer vorgesehenen Ausgestaltung kalt erwischt wurden. „Durch solche Ankündigungen werden Erwartungen geweckt, die nicht immer einzuhalten sind„, schimpft Scherer. Spahn mache den Hausärzten das Leben schwer: „Der Druck auf die Praxen wird dadurch unnötig erhöht. Das ist wirklich ärgerlich.“ Als ein weiteres Beispiel nannte Scherer den Vorschlag des Ministers, man könne bei Astrazeneca das Impfintervall von zwölf auf vier Wochen verkürzen – obwohl Studien zeigen, dass dadurch die Wirksamkeit der Impfung abgeschwächt wird: „Bei aller politischen Expertise handelt es sich hierbei letztlich um Äußerungen mit medizinischer Tragweite, die Bedürfnisse oder auch Ängste triggern und außer Acht lassen, wie in Hausarztpraxen gearbeitet wird.

Aus solchen Hauruckentscheidungen ergäben sich laut Scherer für die Praxen mehrere Probleme: „Die Hausärzte wollen und müssen zuerst die Vulnerablen impfen. Die Hälfte der Menschen mit chronischen Krankheiten ist noch nicht geimpft, ebenso viele der über 60-Jährigen. Doch nun drängen zunehmend junge Leute in die Praxen. Die Telefonleitungen sind verstopft. Da kann es passieren, dass Menschen mit chronischen Krankheiten ihr Rezept nicht kriegen. Solche Ankündigungen sind Zeitfresser für die Praxen.“ All dies hätte ein vorausschauender, kompetenter Gesundheitsminister wissen können. Schon jetzt, vor Wegfall der Priorisierung, wird der Normalbetrieb der deutschen Hausarztpraxen massiv durch die Impfungen beeinträchtigt; je nach Arzt beanspruchen diese mittlerweile zwischen einem Viertel und der Hälfte der Gesamtkapazität – was rein zu Lasten der Regelversorgung der Patienten geht und damit die eigentliche Heil- und Therapieaufgabe niedergelassener Ärzte stark behindert.

Aus Ärzten mach Spritzenmeister am Fließband

Auch wenn es die Kassen finanziell massiv belastet, so bleibt dem Arzt pro Impfung doch nur eine Pauschalvergütung von 20 Euro – für die er ein schriftlich zu dokumentierendes Vorgespräch, die Impfung selbst und eine Beobachtungsperiode von rund 15 Minuten pro Geimpftem zu leisten hat. Reich wird damit keiner, doch auf der Strecke bleiben all die, die aus akuten Gründung – Krankheiten, Unfällen, Beschwerden – die Praxen aufsuchen. Viele Ärzte arbeiten bereits am Limit ihrer Belastungsgrenzen oder jenseits davon, um die politisch propagierte Mammutaufgabe der Durchimpfung eines ganzen Volkes (und überwiegend kerngesunder Menschen) mit in ihrer Wirkung mehr als fragwürdigen Experimentalimpfstoffen zu exekutieren; einige denken bereits ans Aufgeben. Nur jüngere, belastbare und gut organisierte Ärzte schafften es bislang, die impfbedingte Mehrbelastung „nur“ zulasten des Behandlungskomforts, also bestimmter Serviceleistungen wie Hausbesuche oder ausführliche Beratungsgespräche zu organisieren, bei ansonsten gewährleisteter Aufrechterhaltung des Normalbetriebs.

Doch jetzt, nachdem Spahns Reihenfolgenkippung für einen Ansturm sorgt, der schon wegen der limitierten Impfkapazitäten gar nicht zu realisieren ist, droht auch diesen womöglich der Kollaps – mit verheerenden Folgen für alle ambulanten Patienten. Erste Arztpraxen stoppen die Impfungen bereits völlig, weil sie mit der teilweise aggressiven Stimmung unter den politisch und medial aufgehetzten, durch erpresserischen Freiheitsverzug zum vakzinierungssüchtigen Junkies gemachten Impfwilligen nicht mehr klar kommen; andere machen weiter, zulasten ihres eigentlichen Daseinszwecks. Was vor einem Jahr, im ersten Lockdown, und dann erneut in diesem Winter in den Kliniken zu beklagen war – die massenhafte Absage oder Verschiebung von Routinebehandlungen und Operationen (auch und gerade von Krebspatienten), das findet jetzt seine Entsprechung im Praxenbereich: Die Krankenhäuser ließ Spahn freiräumen, künstlich in Wartesäle verwandeln und in Wartestellung versetzen – für eine Welle an Corona-Schwerkranken , die nie kam. Und jetzt funktioniert er die niedergelassenen Praxisärzte um von Heilern zu Spritzenmeistern, um seinen Stoff so schnell zu verimpfen wie irgendwie möglich. (DM)