Stinknormal, aber erfolgreich?

Normal? (Bild: shutterstock.com/Von oatawa/Von oatawa)
Normal? (Bild: shutterstock.com/Von oatawa/Von oatawa)

Die AfD setzt auf Normalität. „Deutschland. Aber normal“, lautet der Titel ihrer Wahlkampagne. Attraktiver macht sie das nicht.

von Claus Wolfschlag bei Sezession

Der Gedanke hinter der Kampagne ist nachvollziehbar. Er speist sich aus Äußerungen, die öfters im Umfeld konservativ denkender Bürger, Leserbriefschreiber oder Online-Kommentatoren zu hören sind. Häufig verstehen diese Leute nicht die Hintergründe der sie verunsichernden gesellschaftlichen Entwicklungen.

Bildlich ausgedrückt haben sie Jahrzehnte geschlafen. Sie haben sich nicht mit den Zielen der maßgeblichen politisch-wirtschaftlichen Akteure auf nationaler und internationaler Ebene beschäftigt. Sie sind zu träge, sich auf die Komplexität gesellschaftlicher Vorgänge einzulassen. Deshalb bleibt ihnen nur, mit Äußerungen a la „die Welt ist doch verrückt geworden“ oder „das ist doch alles nicht mehr normal“ zu reagieren.

Hinter diesem verständlichen Wunsch nach „Normalität“ verbirgt sich die Sehnsucht nach gesicherten Lebensgrundlagen, nach einem traditionellen oder zumindest gewohnten Wertesystem. All das aber gerät durch die forcierten weltpolitischen Entwicklungen und eine mächtiger werdende rot-grüne Ideologisierung, beispielsweise in der Migrations- oder Klimapolitik, zunehmend ins Wanken.

Doch das Konzept „Normalität“ ist weitgehend eine konservative Kopfgeburt. Es wird ein Zustand der Vergangenheit als Idyll bewertet, bei dem die Welt noch „normal“ war, und zu dem es zurückzukehren gelte. Das war in der sozialliberalen Ära Brandt und Schmidt die Welt der Vor-68er-Zeit, also die Epoche Adenauers und Erhards. Doch Helmut Kohl konnte und wollte die versprochene Wende nicht einlösen. Heute ist die Zeit Kohls wiederum das konservative Leitbild. Die Welt war damals offenbar noch „normal“, mit Dieselfahrzeug, sicherem Job, Mallorca-Urlaub, und ohne zu viele Migranten im Stadtbild, von FFP2-Masken ganz abgesehen.

Man wird immer bescheidener. Oder: Die Wahrnehmung von „Normalität“ ist Wandlungen unterlegen. Die Welt hat sich seit Kohl weitergedreht. Dafür gibt es Gründe, die teils mit klaren politischen Zielen der globalen Geldeliten zu tun haben. Jene sind es, die mittels meinungsstarker NGOs Migrationsströme fördern. Jene sind es, die auf Handelserleichterungen für global agierende Großkonzerne drängen, bei denen kleine und lokale Unternehmer zunehmend das Nachsehen haben. Jene sind es, die die Digitalisierung fördern und den damit einhergehenden Verlust der Privatsphäre der Bürger.

Doch zurück zur AfD-Kampagne, die auf viele Wähler wenig attraktiv wirken dürfte. Es ist nämlich zu bedenken, daß maßgebliche Teile der heute tonangebenden Generation in der Post-68-Zeit aufgewachsen sind. Sie wurden von einem Zeitgeist geprägt, in dem der Begriff „Normalität“ negativ konnotiert ist. „Normalität“ erschien als der spießige Muff des Kleinbürgertums, die Kehrwoche, der schnüffelnde Nachbar, der Sex nach Norm, die Hitparade der Volksmusik, Sessel mit Schonbezug.

Selbstverwirklichung gegen die Zwänge der Normalität wurde stattdessen als Parameter dieser Generation propagiert. „Be yourself, no matter what they say“, sang Sting 1987.  „Lebe lieber ungewöhnlich“, lautete ein bekannter Filmtitel von 1997. Für viele dieser Leute ist womöglich ihre einzige positive Vorstellung von „Normalität“ eine Welt, in der es noch keine AfD gab bzw. nicht zu geben hat.

Auch die Post-68er-Generation ist gealtert, hat Berufe ergriffen und Familien gegründet. Somit hat bei ihnen eine durch die Lebensumstände bedingte, gleichsam natürliche Entwicklung in Richtung Konservatismus stattgefunden. Dennoch bleiben gewisse Prägungen, also in der Jugend erlernte Bewertungsmuster, oft bestehen. Und Jüngere neigen von Natur aus eher dazu, „unnormale“, normübertretende Dinge auszutesten, da sie sich in der Lebensphase der Rebellion, Selbstfindung und Erfahrungssammlung befinden.

Bei diesen Gruppen also kann der Begriff der „Normalität“ kaum gut ankommen. Er ist schlicht unsexy und wenig attraktiv. Bleiben also einige der Alten. Und bei der jungen und mittleren Generation einige der braven, also der im privaten Leben sehr traditionell orientierten Vertreter.

Doch diese sind bekanntlich keine Rebellen, die in der Lage sind, ein Stimmungsklima zu erzeugen bzw. ein solches zu drehen. „Normale Bürger“ – also solche, für die „Normalität“ ein Leitbild ist – gehen eher selten auf die Straße, sie artikulieren sich nicht laut und üben sich nicht in Widerstandshandlungen. Dem Kleinbürger muß sehr stark auf die Zehen getreten werden, damit er zum Rebellen wird. Dann aber steigen in ihm Wut, Empörung, Vergeltungsdrang hoch, nicht mehr der Wunsch nach der Ruhe „normaler Verhältnisse“.

Nun leben wir wirklich nicht mehr in einer Welt des so genannten „normalen Menschenverstandes“.  Junge Leute jubeln zur Ankunft von „Refugees“, welche die hiesigen Sozialsysteme belasten und somit Steuergeld verbrauchen, das an anderer Stelle dringend fehlt. Sie fordern die Rettung der Welt durch Klimaziele, die längerfristig den eigenen Wohlstand in Frage stellen, während sie gleichzeitig fröhlich durch die Welt reisen und Massen an Energie durch Internetsurfen, Youtube-Filme gucken, Up- und Downloaden verbrauchen. Ihnen fällt der Widerspruch zwischen den eigenen Freiheits-Ansprüchen und den repressiven Forderungen gegen Andersdenkende, so lange diese „rechts“ sind, kaum auf.

Geld wird für sinnlose Projekte der öffentlichen Hand verprasst und an anderer Stelle vom produktiven Teil der Bevölkerung erpreßt. Fernsehmoderatoren hauchen mittlerweile vor einem Millionenpublikum Gendersternchen, die von radikalfeministischen amerikanischen Professorinnen ausgedacht wurden und vor kurzem allenfalls in Sekten kursierten.

In einer Zeit riskanter Extremsportarten, der Fernreisen und einer, früheren Jahrhunderten unbekannten, Lust am Nervenkitzel, reicht die tägliche Fernsehbeschallung, um angesichts eines gewöhnlichen Virus übersteigerte Angstreaktionen hervorzurufen. Hinzu kommen die repressiven Maßnahmen des Staates inklusive Maskenzwang und Ausgangssperren, die zu einer massiven Verunsicherung vieler Bürger beitragen. Und nun ist bereits von Grundrechteinschränkungen zum Erreichen irrealer Klimaziele die Rede.

Der Wunsch nach Rückkehr zu „Normalität“ ist also verständlich. Doch reicht dieser Wunsch als Kontra gegen einen zunehmenden ideologischen Radikalismus, der von Globalisten und „Grünen“ immer offener durchgesetzt wird? Was setzt der Wunsch nach „Normalität“ entgegen, außer dem bangen Verteidigen eines längst zerbröckelnden und zerschlagenen Status Quo ante?

„Normalisierungspatriotismus: Das ist die Wiederherstellung des Selbstverständlichen und Tragfähigen (…) Der Normalisierungspatriotismus ist der kleinste gemeinsame Nenner und das maximal erreichbare politische Ziel“, schrieb Götz Kubitschek vor anderthalb Jahren.

Mehr ist es aber nicht. Das gibt Kubitschek auch zu: „Die Normalisierung der Verhältnisse, die Herstellung von Normalität in allen Lebensbereichen, Verfahrensfragen und Politikbereichen ist zugleich eine politische Minimalforderung und beinahe schon eine Überspannung der Kraft, und dies, obwohl in dem Aufruf zur Normalisierung das Defensive, das In-ein-Gleichgewicht-Bringen steckt – und keinesfalls eine Überdehnung in die andere, die nicht-linke Richtung.“

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