Impf-Mobbing à la Söder: Öffentliche Bloßstellung des Koalitionspartners

Wer solche Koalitionspartner hat, braucht keine Feinde mehr: Aiwanger (FW, vorne) mit CSU-Södolf (Foto:Imago/BayerischeStaatskanzlei)

Wie weit es mit dem Mythos „Impffreiheit“ her ist und mit welchen mehr oder wenig subtilen Druckmitteln Zögerer, Skeptiker oder „Verweigerer“ sozial unter Druck gesetzt werden, darüber finden sich Tag für Tag in den sozialen Medien mehr besorgniserregende Berichte, die den Plot von „Die Welle“ als harmloses Gesellschaftsspiel erscheinen lassen. Wie man jene mobbt und öffentlich bloßstellt, die dem alleinseligmachenden Impf-Pfad nicht folgen möchten, das zeigte gestern in seiner ganzen Niedertracht Bayerns CSU-Ministerpräsident Södolf Söder: Vor laufenden Kameras führte er seinen Koalitionspartner und Stellvertreter Hubert Aiwanger (Freie Wähler) vor.

Im Anschluss an die gestrige Kabinettssitzung waren Söder und Aiwanger gemeinsam vor versammelte Journalisten getreten. Als es um die Impfbereitschaft ging, die das Robert-Koch-Institut gestern propagandakonform unverdrossen auf weiterhin „hohem Niveau“ vermeldete, sah Södolf die Gelegenheit für eine Breitseite gegen Aiwanger gekommen.

Süffisant forderte er diesen öffentlich zur Erklärung auf, warum er trotz seiner 50 Jahre noch nicht gegen das Coronavirus geimpft ist: „Vielleicht sagst Du selber was dazu, warum du einfach Dich nicht impfen lassen willst„, so Söder. Offenbar schäumte er innerlich darüber, dass sich Aiwanger sich bisher der Impfung verweigert – obwohl er doch „schon 50“ sei und, nach Wegfall der Priorisierung, der noble Verzicht auf „Vordrängeln“ kein Argument mehr wäre.

Dass man, wo doch angebliche „Impffreiheit“ herrscht, überhaupt noch Argumente braucht, um seine Weigerung zu begründen, dass man sich öffentlich rechtfertigen muss, ist eben ganz typisch für das „deutsche“ Verständnis von Freiheit: Frei ist man darin zu tun, was sozial erwünscht und erwartet wird. In diesem Sinne ist „Impfen macht frei“ tatsächlich eine bittere Fortschreibung von „Arbeit macht frei„, wenngleich auch (noch) mit weit weniger mörderischen Folgen. (DM)