Sippenhaft und ihre Wärter

Würde der Sohn der Nichte eines Vergehens beschuldigt und daraufhin die hundertköpfige Verwandtschaft geächtet, bestraft oder eingekerkert werden, dann spräche man von Sippenhaft. Noch ausgedehnter wäre der Kreis der Haftenden, gehörten diese lediglich dem gleichen Volke an. Oder sie hätten die gleiche Abstammung. Dieses archaische „Verfahren“ wurde und wird auch heute noch angewandt. „Die Deutschen“ oder „die Russen“ sind jedoch per se nicht dafür schuldig, was ihre jeweiligen Machthaber gerade an Verbrechen begehen. Und genau dies wird uns im Krieg in der Ukraine erneut vor Augen geführt.

Von Meinrad Müller

Die deutsche Kollektivschuld-Theorie ist mit dem Krieg Putins nun endgültig vom Tisch. Wir sehen es an unseren Bildschirmen, wie brutal in Russland Demonstranten niedergeschlagen werden, die gegen Putin protestieren. Deutsche, die 1939 sich gegen das Naziregime wehrten, landeten in Dachau. Und auch heute führen nicht „die Russen“ Krieg, sondern jene, die gegenwärtig an den Schalthebeln der Macht sitzen. Und die zehntausend Berliner, die 1943 im Sportpalast an der Potsdamer Straße dem totalen Krieg zujubelten (oder es mussten), waren nicht repräsentativ für alle Deutschen, auch wenn die Wochenschau es so darstellte.

Großmutter, geboren 1884, war dreizehn Jahre alt, als das Deutsche Reich in Versailles aus der Taufe gehoben wurde. Und vermutlich bekam sie in der Schule ihres bayerischen Dorfes nichts davon mit. Und auch in den folgenden Jahrzehnten kam sie nie in die Welt hinaus, sie war zu sehr damit beschäftigt – seit 1926 verwitwet – zwei Knaben zu erziehen. Dem Kampf ums tägliche Brot, unterstützt von zwei Kühen vor dem Pflug und vor dem Heuwagen, Saat und Ernte und nicht etwa der Politik, galt ihre Sorge.

Dennoch musste sie zusehen, wie ihre beiden Söhne, 17- und 18-jährig von den  verbrecherischen Nazis „eingezogen“ wurden. Der Älteste gilt in Russland als vermisst.

Und wieder einmal müssen Mütter – diesmal russische – mit ansehen, wie deren Söhne als Wehrpflichtige in Panzer gesteckt und in einen mörderischen Feldzug gezwungen werden. Erneut sind Verblendete frech, forsch und schamlos in der Lage, laut nach Sippenhaft zu rufen und diese auch zu exekutieren. Und erneut werden sie von der schweigenden Mehrheit geduldet. Wenn nun einzelne sich bereits damit hervortun eifernd und geifernd Sippenhaft-Wärter spielen zu müssen, so erkennen wir, dass dies eine unsägliche Dynamik auslöst. Wenn Restaurants damit „werben“, keine russischen Gäste mehr zu bewirten, dann sind das nur Anfänge, die wie magnetisch auf alle wirken, die sich zum Sippenhaftwärter berufen fühlen. Hatten wir dies nicht schon einmal?

Wenn jetzt auch noch russische Produkte aus den Lebensmittelregalen entfernt werden und teurer Wodka in den Ausguss geschüttet wird, damit die Presse diese Kleingeister-Sanktionen auch sieht, dann ist höchste Vorsicht geboten. Die Leidtragenden sind nicht wir deutsche Konsumenten, sondern die Arbeiter in Russland.

Putins Krieg ist in höchstem Maße verwerflich. Doch mit dem Stock Unschuldige, die zufällig gleicher Abstammung sind, zu schlagen, die leicht erreichbar und unsere Nachbarn sind, ist mehr als dumm. Sind diese Blockwarte nur aus einem langen Winterschlaf erwacht?

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