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Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Klügste im ganzen Land?

Die Prinzessin begehrte zu wissen, ob sie allein die Schönste sei und bediente sich dazu eines Spiegels. Dieser konnte natürlich nicht wissen, dass hinter den Bergen bei den sieben Zwergen eine noch Schönere lebte. Der derzeitig verblassende Spiegel-Fixstern aus Hamburg übernimmt heute diese Funktion, wer von dessen Kurs abkommt, der fällt schon bei Helgoland von der Klippe, denn der Kreis des derzeit laut Denkbaren entspricht der Annahme, die Erde sei eine Scheibe. Darüber hinaus zu denken ist Häresie.

Von Meinrad Müller

#Wie die Wahrheit baden geht

Selbst Erkenntnis zu erlangen und danach zu handeln ist heute schwierig. Redakteure fragen deshalb Dritte, ob deren Schreibe für schön, klug oder politisch korrekt gehalten würde. Lohnschreiber sind quasi gezwungen, sich nach derzeit geltenden Wahrheitsvorstellungen a lá Spiegel zu richten. Zwischen dem, was privat gedacht und beruflich geschrieben werden darf, tut sich ein Graben auf, in den zu fallen sich niemand traut. Journalisten in den Qualitätsmedien, wie diese sich selbst euphemistisch bezeichnen, wurden mithin selbst zu Opfern. Sie verleugnen sich dabei selbst und der Cognac unterm Schreibtisch mag temporär tröstlich sein. Das große Spieglein in Hamburg lenkt deren Sein und zwingt Tausende in die Knie, damit das Lob deren Köpfe auch weiterhin tätschelnd berühre.

#Veränderung ist schmerzhaft

Vor sechzig Jahren kam halbjährlich der Scherenschleifer samt seinem farbenfroh gekleideten Familienanhang ins Dorf. Mit großen Messingglocken machte seine Kinderschar von Straße zu Straße auf sich aufmerksam. Seine fahrende Werkstatt bestand aus einem kleinen Tischchen auf Rädern. Den runden Schleifstein brachte er mit einem Pedal in Schwung, so wie Mutter ihre Nähmaschine. Wir Kinder durften stumpf gewordene Scheren und Messer zu ihm tragen und zusehen, wie die Funken flogen. Bezahlt wurde er nicht nur in D-Mark, er nahm auch gern Eier oder Speck.

Gut, dass die Messer nicht schreien konnten, wenn an ihnen geschliffen wurde und sie dabei wieder deren alte Schärfe erhielten. Sie verloren dabei etwas an Gewicht, das Stumpfe wurde abgetragen und hervor kamen rasiermesserscharfe Klingen. Die Schönheit der Scheren und Messer wurde an deren zurückgewonnenen Funktionalität bemessen.

#Gedanken schärfen verboten

Und genau dieser Schärfungsprozess täte auch all jenen gut, deren Artikel kaum noch jemand Glauben schenken mag. Die Auflagen der Altmedien sinken, die Einnahmen der Verlage gehen massiv zurück und gefährden somit auch die Bezahlbarkeit der angestellten Schreiber. Folglich verharren diese in dem beklemmenden Zustand, in dem sie schon immer waren. Dies hat zur Folge hat, dass deren Texte dahinplätschern wie ein alter Abflusskanal. Alles bleibt somit beim Alten bis zu dem Zeitpunkt, zu welchem wieder ein radikaler Neuanfang nötig wird. Dann sind wieder „Persilscheine“ gefragt, jeder möchte sich dann noch schnell reinwaschen, denn er habe ja nur auf Anweisung gehandelt.

#Klare Gedanken – eine Seltenheit

Sich zu trauen, einen klaren Gedanken selbst nach Faktenlage zu entwickeln und diesen zu Papier zu bringen ist schwierig, da die Schreiber finanziell vom Arbeitgeber abhängig sind. Das finanzierte Häuschen, die geleasten Autos und die Urlaube wollen schließlich bezahlt werden. All dies fiele von heut‘ auf morgen weg. Und es fiel tatsächlich weg bei jenen, die der von oben angeordneten Meinung widersprachen und diese nicht mehr mittragen wollten.

#Blick in die Geschichte

Unser deutscher Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe beschrieb es 1780 so:

Ein reiner Reim wird wohl begehrt,

doch den Gedanken rein zu haben,

die edelste von allen Gaben,

das ist mir alle Reime wert.

Bis der edle Gedanke, der wahrheitsgetreue und reine sich wieder durchsetzt, wird wohl auf Teufel komm raus so lange nur zusammengereimt, bis das politische Versmaß stimmt und die Leser durch wohlformulierte Texte auch weiterhin in die Irre geführt werden. Dass aber dem Kaiser die Kleider fehlen, dass er nackt und bar jeder Logik an den Kiosken feilgeboten wird, nimmt man schamlos in Kauf.

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