Wucherndes Unkraut: Ostdeutsche zu überheblich in Sachen Russland

Das deutsche „Nie wieder!“ schreit förmlich nach der Frage „Nie wieder was?“. Die Antwort „Krieg und Faschismus!“ ist offensichtlich falsch. Genau danach schreit es nämlich gerade. Die richtige Antwort lautet: „Nie wieder schuld sein an irgendwas!“. Willkommen in der Besserungsanstalt. Die Medienkritik.

von Max Erdinger

Der Chefkommentator von Springers „Welt“, Herr Jacques Schuster sah sich bemüßigt, eine Behauptung aufzustellen, um sie sofort jeder Diskussion zu entziehen dadurch, daß er listig fragte, warum es wohl so sei, daß seine Behauptung stimmt. Das ist „Wie“-Fragerei für Fortgeschrittene. Er titelte: „Warum unter den Ostdeutschen so viele Putin-Versteher sind„. Herr Jacques Schuster hatte offensichtlich bemerkt, daß es in den östlichen Bundesländern auffallend viele Deutsche gibt, die differenzierter denken können, als das im Westen der Republik der Fall ist, hat das dann eingedampft zum Begriff „Putin-Versteher“, damit dieser Differenzierungsfähigkeit von vornherein jede Chance auf eine positive Konnotation bei seinen Lesern genommen ist, um dann bei der Frage herauszukommen: „Wie gefährlich ist die Liebe der Ostdeutschen zu Wladimir Putin?“. Weil er aber schon ein fortgeschrittener Chefkommentator ist, hat er für diese Schlagzeile eine raffiniertere Formulierung gefunden, die ohne die plumpe und schon sehr abgenutzte „Wie-Frage“ auskommt (Wie reich sind die Deutschen? Wie beliebt ist Angela Merkel? Wie gefährlich ist die AfD? Wie genial ist der Impfstoff? Wie grazil ist Ricarda Lang? – usw.usf.)

Schuster gibt den Erklärbären lieber gleich, ohne sich noch lange mit der Wie-Frage aufzuhalten: „Warum gibt es unter den Ostdeutschen so viele Putin-Versteher„? Wos a raffinierte Listigkeit! Die Antwort wäre eigentlich schnell gegeben, zu schnell für Herrn Jaques Schuster. Sie lautet: „Wenn die Behauptung stimmt, daß in Ostdeutschland die Fähigkeit zu differenziertem Denken ausgeprägter ist, als im Westen der Republik, dann deswegen, weil die Ostdeutschen nicht so verblödet sind wie die Westdeutschen.“ Der Nachteil: Im Westen der Republik leben sehr viel mehr potentielle Leser der „Welt“, als in Ostdeutschland. Das ist ungünstig für die Veröffentlichung einer wahrheitshaltigen Erklärung. Unter Berücksichtigung des Aspekts einer publizistischen Selbstschädigung gilt deshalb: Wenn man schon jemandem ans Bein pissen will, dann macht man das besser mit der Minderheit – und erfreut sich der Zustimmung einer Mehrheit, auch dann, wenn die nicht so mit Durchblickern gesegnet wie die Minderheit. Damit hätte ich dann – für Sie, liebe Leser – schon einmal die Frage geklärt, was Sie davon hätten, als „Schuster-Versteher“ zu gelten: Absolut gar nichts. Jeder intelligente Mensch wüsste sofort, daß der „Schuster-Versteher“ jemand ist, der sich leicht verarschen läßt. Und – zack – schon hätten Ihnen jemand eine Elektromobil angedreht. Gut, daß Sie mich haben und nicht den Schuster von der „Welt“. Das spart Ihnen viel Geld.

Ein Merkmal des intelligenten Menschen ist seine Neugier. Zwar wissen „wir“ – um hier ein weithin beliebtes Personalpronomen zu verwenden – an dieser Stelle des Textes bereits, warum Herr Jaques Schuster in der „Welt“ kluge Leute als „Putin-Versteher“ bezeichnet, aber weil „wir“ intelligent sind, wollen „wir“ vor lauter Neugier trotzdem wissen, was der Chefkommentator Schuster in der „Welt“ als Begründung für seine Behauptung anführte, die intelligenten Deutschen im Osten der Republik seien „Putin-Versteher“. Ohne daß das jetzt eine Hauptrolle spielen würde, will ich vorher aber aus Gründen der Unterhaltsamkeit ebenfalls eine Schlagzeile konstruieren, die wahrscheinlich stimmt – und außerdem den Schockgehalt einer Frage nach dem „Warum“ hinter der Existenz von „Putin-Verstehern“ locker in den Schatten stellt: „Warum unter westdeutschen Chefkommentatoren so viele Frauen-Versteher sind.“ Kurze Antwort: Weil Frauen-Versteher zu sein das Unvermögen begünstigt, den Putin-Versteher zu verstehen. Rustikaler: Die ärgsten Punzenfiffis im Land sind zugleich diejenigen, die mit Putin am wenigsten anfangen können. Aber egal jetzt. Zurück zur seriösen Neugier. Welche Verrenkungen brachte Chefkommentator Schuster zum Vortrage, um „uns“ die Sache mit den „Putin-Verstehern“ im Osten der Östrogenalrepublik schlüssig zu erklären? Das ist die eigentliche Frage, der „wir“ unsere ganze Aufmerksamkeit widmen wollen. Wollen „wir“ doch, oder?

„Terra Incognita“

Herr Jacques Schuster, Erklärungsweltmeister: „Befallen von einer wie Unkraut wuchernden Überheblichkeit, neigen viele Ostdeutsche zudem dazu, die Staaten zwischen Berlin und Moskau als eine terra incognita zu übergehen und Russland mit dem Osten gleichzusetzen, für den nur Moskau sprechen darf.“ „Terra Incognita“ ist lateinisch und heißt so viel wie „unbekanntes Land“. Wenn man eine völlig abgedrehte Behauptung aufstellen will, wie die, daß es ausgerechnet Ostdeutsche seien, die zwischen Berlin und Moskau nur unbekanntes Land vermuten, obwohl ihnen zu DDR-Zeiten für einen Urlaub im Ausland allenfalls die sozialistischen Bruderländer im Osten und Südosten ihres Arbeiter-& Bauernstaates zur Verfügung gestanden hatten, dann verbirgt man den zentralen Bestandteil seiner schwachsinnigen Aussage – hier: unbekanntes Land – am besten hinter einem lateinischen Begriff („terra incognita“). So machte das schon der mittelalterliche Gelehrte Agricola Quinque, wenn er nicht als „Bauernfünfer“ identifiziert werden wollte. Nein, es sind gerade die Deutschen im Osten der Republik, die dann, wenn sie vierzig Jahre oder älter sind, vermutlich noch schöne Erinnerungen an die Kindheits-Urlaube in Schusters „terra incognita“ haben. Schließlich waren sie in Ungarn, in Polen, in der damaligen Tschechoslowakei, in Bulgarien und Rumänien – und nicht wenige dürften auch schöne Erinnerungen an ihren Aufenthalt in der zauberhaften russischen Stadt Kiew bewahrt haben, ist doch die mittelalterliche Kiewer Rus die Wiege des größten ihrer sozialistischen Bruderländer gewesen: Russland. Erst nach der Wende buchten sie ihre Bildungsurlaube wie die Westdeutschen eben auch und trafen sich dann wiedervereint beim Bierkönig auf Malle, um zu erlernen, wie wucherndes Unkraut überheblich wird.

Aus diesem Grunde müssen „wir“ – um hier wieder ein unter westlichen Frauenverstehern und Salonkommunisten gern benütztes Personalpronomen zu verwenden – die Erklärung des Herrn Chefkommentators Schuster bei der „Welt“ korrigieren: „Befallen von einer wie Unkraut wuchernden Überheblichkeit, neigen viele Springer-Kommentatoren dazu, die Masse zwischen ihrem linken und dem rechtem Ohr mit einem cerebrum educatum zu verwechseln und den Osten deshalb mit jenem Westen gleichzusetzen, für den nur Washington sprechen darf.“ – was natürlich tragisch ist für Chefkommentatoren jedweder Westlichkeitsstufe. Begreifen können sie die Tragik aus Wucherungsgründen leider nicht. Wos a Malheur.

Womöglich Schusters Gefühl

Wenn einem jemand etwas erklärt, zum Beispiel ein Chefkommentator in Springers transatlantischer „Welt“, dann erwartet man natürlich – um mit Helmut „Focus“ Markworts Worten zu sprechen – Fakten, Fakten und nochmals Fakten. Was aber bekommt man in der westlichen Frauenversteher-„Welt“ geboten von einem zeitgeistig derangierten Chefkommentatoren? – Möglichkeit & Gefühl. Pfui Teufel. Was glaubt der „Kommentierende“ eigentlich, mit wem er es zu tun hat – und „wie katastrophal“ wäre es, wenn er einen realistischen Glauben hätte, um hier noch eine der zeitgeistigen „Wie“-Fragen unterzubringen? Schreibt der Schuster doch glatt: „Womöglich aber kommt noch etwas Bedeutenderes hinzu, unter dem das Land noch lange leiden wird. Anders als in Polen ist das Bürgertum und mit ihm der Sinn für die Gesellschaft in weiten Teilen der ehemaligen DDR-Bevölkerung untergegangen. Zu spüren ist bei nicht ganz wenigen das Begehr nach der Volksgemeinschaft, die Freude am Autoritären, an den Geistern der Zerstörung und Zersetzung, an Kräften eines wertneutralen, demokratisch getarnten Nihilismus. Aus diesem Empfinden zieht die AfD genauso ihre Kraft wie die Putin-Versteher zwischen Rostock und Radebeul.“ – Da extrahieren „wir“ einfach das Wesentliche und erkennen sofort, was es mit Schusters „cerebrum educatum“ auf sich hat, weil er die Erklärung, welche zu geben er mit seiner Schlagzeile angekündigt hatte, mit einem Gefühlspudding in der „terra incognita“ seines Schädels verwechselt. Und zwar unabweisbar. Der Extrakt seiner „Erklärung“: Womöglich – spüren – nicht ganz wenige – Begehr & Freude – Geister & Kräfte – Tarnung & Empfinden. – Altes Schweden-U-Boot! Wenn das mal keine wasserdichte Erklärung ist, die der Chefkommentator Schuster da abgegeben hat in der „Welt“, dann weiß ich aber auch nicht. Boaaah!

Natürlich ist es anders. Deswegen bleibt es wieder an mir hängen, alles zutreffend zu erklären. Die simple Antwort: Wer Putin verstehen kann, verfügt über ein hohes Maß an geschichtlichem Wissen bei überdurchschnittlicher Intelligenz und fühlt sich unter seinesgleichen am wohlsten, weswegen die klügsten Deutschen allesamt in und bei Dresden wohnen. Daß das in einer veritablen Neidgesellschaft nicht so einfach anerkannt werden kann, ist nicht das Problem jener Intelligenten, die Putin verstehen können. Was aber nicht ausschließt, daß sie tiefstmenschliches Mitgefühl mit westlichen Chefkommentatoren haben können, denen es an jenem „cerebrum educatum“ in der „terra incognita“ ihres Schädels mangelt, welches nötig wäre, um problemlos nachzuvollziehen, warum die besser Gebildeten Putin verstehen können.

Themen

Nicole Höchst MdB; Bild: Nicole Höchst
AfD
Brisant
Corona
Deutschland
Gender
International
Islam
Erdingers Absacker; Bild: Collage
Deutschland
Frankreich und seine Patexkiddies (Bild: Screenshot Twitter)
Klima
Linke Nummern
Deutschland
Migration
Erdingers Absacker; Bild: Collage
Deutschland
Ukraine
Wahlkampf
Wirtschaft
Blog via E-Mail abonnieren

Gib deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.