Wo finde ich "correctiv"? - Foto: Imago

Narr & Narrativ: Die schwerstabhängigen Faktenchecker von „corruptiv“

Na gut, Sie haben mich der Fake-News überführt. Korrigieren Sie mich ruhig. Sie haben recht: Es gibt kein schwerstabhängiges Recherchekollektiv namens „corruptiv“. Es gibt eines, das „correctiv“ heißt. Im Folgenden soll es darum gehen, daß Sie rechthaben. Sie haben gern recht, stimmt’s?

von Max Erdinger

Wie wir alle gemeinsam wissen müssen, leben wir in fürchterlichen Zeiten, weil überall gelogen wird, daß sich die Balken biegen. Das heißt: Wir dürfen uns alle gemeinsam nicht wundern darüber, daß sich wenige ehrbare Außenseiter unter Aufbietung ihres gesamten Widerstandswillens eine lautere Seele bewahrt haben, um der Herrschaft der allgegenwärtigen Lüge selbstlos den Garaus zu machen. Zum Wohle von uns allen gmeinsam. Weswegen wir zur Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts viel gemeinsame Dankbarkeit zeigen müssen. Hoch leben die unabhängigen Faktenchecker des Recherchekollektivs „correctiv“! Danke-danke und winke-winke!

Wir kennen das schon vom „Spiegel“ und von der „Zeit“ sowie einer sogenannten „westlichen Medienlandschaft“ insgesamt: Sie wird mit pekuniären Gaben solcher Philanthropen gepflegt, die in der östlichen Welt Oligarchen heißen würden. Der Philanthrop ist so etwas wie ein medialer Landschaftsgärtner, der seinen grünen Daumen anfeuchtet, um jene menschenfreundlich gestifteten Scheinchen auf den Tisch zu blättern, die es braucht, um den westlichen Journalismus vor dem Unkraut des Tendenziösen zu bewahren, von welchem die Medien der östlichen Welt überwuchert sind. Jedoch ist es vergeblich. Lieber würden die prekär Beschäftigten der darbenden Westmedien ohnehin trocken Brot essen, als die Grundsätze eines neutralen und objektiven Journalismus‘ für ein paar Scheinchen zu verraten. Es ist deshalb ganz und gar ausgeschlossen, daß ein paar Scheinchen an die westlichen Medien irgendetwas Grundsätzliches bewirken könnten, außer, daß Papier und Druckerschwärze dafür eingekauft werden. Nur besonders Übelmeinende würden behaupten, die prekär Beschäftigten im Printmediengewerbe wüssten nicht, was journalistische Grundsätze überhaupt sein sollen, weswegen sie auch gar keine zu verraten hätten. Der Wohlwollende hingegen weiß, daß die Scheinchen selbstverständlich nur für Papier und Druckerschwärze ausgegeben werden, anstatt sie für eine gekaufte Berichterstattung einzustreichen. „Einstreichen“ ist übrigens ein schönes Wort im Zusammenhang mit dem Wort „Strich“. „Presstituierte“ allerdings auch.

Langer Rede kurzer Sinn: Um sicherzustellen, daß sich eine lediglich theoretische Gefahr für die vierte Gewalt in westlichen Demokratien nicht zu einer tatsächlichen auswachsen könnte, gibt es die hochlöblichen „unabhängigen Faktenchecker“, die von niemandem Geld nehmen und ganz allein der Lauterkeit ihrer Herzen und der Liebe zur Wahrheit folgen. Sie lehnen Geld ab und akzeptieren lediglich ein wenig Unterstützung zur vollen Entfaltung ihres segensreichen Wirkens. Na ja, in Form von Geld zwar, aber das ist nicht wirklich Geld, sondern eben Unterstützung. Das ist ein alter Hut: Es gibt Leute, die nehmen Geld, um sich schmieren zu lassen – und es gibt Leute, die Unterstützung annehmen, um sich nicht mit Geld schmieren lassen zu müssen. Das ist schon ein Unterschied. Deswegen gibt es ja auch den Unterschied zwischen den Medien einerseits – und den unabhängigen Faktencheckern andererseits. Außer den Medien, die von den mordsmäßig unabhängigen Faktencheckern unbehelligt bleiben, weil sie sowieso schon immer die Wahrheit und nichts als die Wahrheit erzählen und von den philanthropischen Gaben nur Papier und Druckerschwärze einkaufen, gibt es aber auch noch die „alternativen Medien“. Das sind die, auf welche die „unabhängigen Faktenchecker“ so richtig scharf sind wegen der ganzen Lauterkeit in ihren Herzen.

Warum „correctiv“ nicht „corruptiv“ heißt

Das Recherchekollektiv „correctiv“ heißt deswegen nicht „corruptiv“, weil „correctiv“ kein Geld, sondern nur Unterstützung entgegennimmt. Das habe ich schon erklärt. Aber wieviel Unterstützung bekommt „correctiv“ – und von wem vor allem? Florian Warweg von den „NachDenkSeiten“ weiß es genau. Er hat es nämlich – pardon – recherchiert. Das haben wir bei jouwatch zwar selbst auch getan, vor Jahren schon sogar, aber Florian Warweg liefert eine Aktualisierung. Wegen der Information, auf die wir alle gemeinsam so begierig sein müssen. Müssen wir nämlich. Damit wir nicht einfach irgendetwas glauben müssen. Das brauchen wir nämlich keinesfalls gemeinsam, außer in einem ganz anderen Zusammenhang.

Florian Warweg: „Correctiv wurde im Januar 2014 gegründet. Die Anschubfinanzierung in Höhe von drei Millionen Euro erfolgte durch die von der deutschen Milliardärin und Gesellschafterin des internationalen Medienkonzerns WAZ (seit 2013 „Funke-Mediengruppe“), Anneliese Brost, ins Leben gerufene Brost-Stiftung.“ – Na, dann Brost! Hoch die Tassen! Da steht es: Anschubfinanzierung. Anschub ist Unterstützung. Finanzierung eines Anschubs ist deshalb nicht „Schmierung“, sondern edle Selbstlosigkeit. Ein Hundsfott, wer behauptet, es sei dennoch Schmierung, und daß sie deswegen erfolgt sei, um sich als internationaler Medienkonzern einen beißwütigen Hofhund namens „correctiv“ zuzulegen, der gegen diejenigen kläfft und knurrt, die es sich als „alternative Medien“ von sich aus und vorher schon zur Aufgabe gemacht hatten, die Narrative des internationalen Medienkonzerns zu beleuchten und der Realität gegenüberzustellen. „Jouwatch“ (journalistenwatch) wurde rein zufällig schon drei Jahre vor „correctiv“ gegründet und schaffte es binnen kürzester Zeit, dem internationalen Medienkonzern zum Ärgernis zu werden. Das nur als ein Beispiel. Noch länger gibt es nämlich „PI-News“. „PI-News“ wurde sogar zehn Jahre vor „correctiv“ gegründet und war ebenfalls recht schnell zu einem vielgelesenen alternativen Medium geworden. Inzwischen gibt es jede Menge „alternative Medien“.

Kein Wunder, daß der internationale Medienkonzern vor acht Jahren bereits die Reißlinie ziehen musste, um seine Narrative von einem Hofhund gegen die Diebe seines Wahrheitsmonopols zu verteidigen. Florian Warweg ist aber richtig gemein, wenn er schreibt, die Anschubfinanzierung für „correctiv“ habe 3 Millionen Euro betragen. Das waren keine Euros. Das waren drei Millionen Unterstützung. Weil Anschub Unterstützung ist. Wegen der lauteren Absichten hinter jeglicher Hilfsbereitschaft. Man müsste schon ein richtiger Kniefiesel sein, um zu behaupten, die Funke-Mediengruppe habe über die spendable und edelmütige Frau Anneliese ganz wahnsinnig unabhängige Faktenchecker anschubunterstützt, weil man dort davon ausgegangen ist, es gäbe im eigenen Blätterwald Narrative zu korrigieren. Das wäre ja gleichbedeutend mit der Unterstellung von brostitiver Dummheit, weil man in einem solchen Fall die drei Millionen brostlicherseits schließlich auch für bessere, eigene Redakteure hätte ausgeben können, anstatt völlig konzernfremde „corrective“ anschubzuunterstützen, von denen man wegen der ganzen Unabhängigkeit nicht wissen konnte, bei wem sie nachrecherchieren würden im Dienst von „die Wahrheit und nichts als der Wahrheit“. Ein Skeptiker gegenüber – heutzutage ein „Leugner“ – der Unabhängigkeit des Recherchekollektivs „correctiv“ würde gar unterstellen, die Anschubunterstützung durch den internationalen Medienkonzern via Frau Anneliese von der Brost-Stiftung sei gar keine Unterstützung gewesen, sondern eine Schutzgeldzahlung, um von der Recherche der Anschubfinanzierten verschont zu bleiben. In dem Fall müsste man glatt eine gedankliche Assoziation von „correctiv“ und „Mafia“ riskieren. Eine schreckliche Vorstellung. – Wie bitte? Ja, da hinten? – Stimmt, Frau Anneliese ist auch schon wieder eine Frau. Es gibt immer mehr von denen. Aber das hat mit nichts etwas zu tun … obwohl … als in Sizilien die größten Mafiosi hopsgenommen worden waren, rückten ihre Angetrauten nach, aus den Paten wurden Patinnen – und fortan wurden auch andere Frauen und sogar deren Kinder gemeuchelt. Aber das soll jetzt nicht das Thema sein.

Florian Warweg: „ Die ZEIT schrieb dazu 2014: ‚So finanziert ausgerechnet die langjährige Chefin des westfälischen Zeitungskonzerns, Anneliese Brost, ein Projekt, das den redaktionellen Verkündungsjournalismus früherer Tage auf eine neue Ebene hieven soll.‘ “ – Da haut es dem Affen doch die Pockenpusteln aus den Poren? So ändern sich die Zeiten. 2014 hat sich die „Zeit“ ihren intellektuell unabhängigen Journalismus offenbar noch nicht von Pharma-König Bill dem Spritzigen vergolden lassen. Sonst hätten sie damals bemerkt, daß sie gerade ein Eigentor geschossen hatten. Der Verkündigungsjournalismus der „Zeit“ heute ist schließlich der Gipfel des zielführenden Narrativs und findet völlig außerhalb der Realität statt.

Das Omidyar-Netzwerk

Um es kurz zu machen: Das Recherchekollektiv „correctiv“, das aus den oben genannten Gründen nicht „corruptiv“ heißt, erhält außer von der Brost-Stiftung die meiste Unterstütungshilfe vom Omidyar-Netzwerk des eBay-Gründers Pierre Omidyar: „2022 erhält Correctiv allein bis März 636.331,94 Euro vom Omidyar-Netzwerk (Stand März 2022). Der nächsthöchste Spendenbetrag, um eine Ahnung von der finanziellen Abhängigkeit Correctivs vom Omidyar-Network zu bekommen, beträgt lediglich 60.000 Euro und stammt von der Stiftung Mercator, gegründet von der deutschen Unternehmerfamilie Schmidt-Ruthenbeck, die einen Anteil von 15,77 Prozent am Handelskonzern Metro AG hält.“ Das Omidyar-Netzwerk ist ein hochinteressanter Unterstützungsgeber. Warweg: „Die Omidyar-Gruppe agiert als ein Investmentvehikel, das Hunderte von NGOs auf der ganzen Welt finanziert und zudem mehrere Medienplattformen, unter anderem den als explizit anti-russisch ausgerichteten ukrainischen TV-Sender hromadskeTV. (…) Omidyar co-finanziert mittels des „Democracy Fund“ auch den transatlantisch ausgerichteten German Marshall Fund, der wiederum aktuelle deutsche Bundesminister wie die amtierende Außenministerin Annalena Baerbock oder auch Agrarminister Cem Özdemir, beide von den Grünen, gefördert hat. Die NachDenkSeiten haben bereits mehrfach die transatlantischen Netzwerke von Baerbock und Özdemir sowie deren Rolle als Einflussagenten nachgezeichnet, zum Beispiel hier und hier. (…) Egal, ob Afrika, Lateinamerika, Asien oder Europa. Wenn es eine privatfinanzierte Faktenchecker-Gruppierung gibt, dann ist Omidyar-Finanzierung dabei. Selbst die deutsche Wikipedia-Ausgabe verweist im Beitrag zu Omidyar und seinem Netzwerk auf eine Einschätzung von MPN-News zu Omidyar, die da lautet: ‚Omidyar arbeitet eng mit den führenden Vertretern der US-Softpower zusammen: Von der US-Behörde für internationale Entwicklung (USAID) bis hin zum National Endowment for Democracy (NED) und fungiert als Vermittler für Projekte im Stil der Informationskriegsführung in Ländern auf der ganzen Welt.‘

Nun wollte Florian Warweg von „correctiv“ aber noch wissen, wie es denn mit der Vergütung aussieht, welche die „unabhängigen Faktenchecker“ vom sozialen Netzwerk „Facebook“ für ihre überaus wertvolle Tätigkeit erhalten und hat deshalb bei Alice Echtermann angerufen. Die Auskunft der Frau Leiterin der Rechercheabteilung von „correctiv“. Sie kann die Frage nicht beantworten – O-Ton: „Nein. Kann ich nicht. Das darf ich nicht. Wir haben eine Vereinbarung mit Facebook, dass wir über Vertragdetails nicht sprechen dürfen.“ – Man sieht: Unabhängigkeit erfordert Diskretion.

Das ist beim Bertelsmann-Konzern wahrscheinlich nicht anders. Der schickt seine eigenen, völlig unabhängigen Faktenchecker zur Wahrheitssicherung des Narrativs ins Rennen. Bei Bertelsmann heißen die allerdings nicht „correctiv“ sondern „Arvato“ ud zählen zum Dienstleistungsbereich. Da scheint wenigstens von vornherein klar zu sein, woher die ihren Anschub & ihre Unterstützung erhalten. Man fragt sich bloß, warum der Bertelsmann-Konzern nach dem Tod des Firmenchefs Reinard Mohn unter der Herrschaft seiner Witwe, Liz Mohn, nicht in Bertelsfrau-Konzern umbenannt worden ist – und warum der Springer-Verlag noch nicht Springerin-Verlag heißt.

Verlotterung und Verluderung

Jedenfalls fragt man sich schon, weshalb man von der „Verlotterung der Sitten“ spricht. Etymologisch sind „verlottern“ und „verludern“ bedeutungsgleich. Das Luder hat einen Luden, die Prostituierte ein Lotterbett – und die Presstituierte ein Letternbett. „Letternbett“ wäre eine schöne Neubezeichnung für „correctiv“. Die hätte auch den Vorteil, daß „corruptiv“ ausscheidet. „corruptiv“ wäre nämlich gar keine schöne Bezeichnung für ein Recherchekollektiv aus lauter unabhängigen Faktencheckern.

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