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Der „Spiegel“: Die Labertasche und die Deutschen

Der Henrik ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Müller heißt er mit Nachnamen. Für den „Spiegel“ saugt er sich eine wöchentliche Kolumne zu den wichtigsten Wirtschaftsereignissen aus den Fingern. Richtig übel. Die Medienkritik.

von Max Erdinger

Putins Krieg und die Deutschen“ heißt die Rubrik. Die Schlagzeile:“Der Schock nach dem Erschrecken„. Alles Müller, oder was? Erste Korrektur: Es heißt „Der Ukrainekrieg und die Menschen in Deutschland“. „Die Deutschen“ – geht’s noch? Wer soll das sein? „Putins Krieg“ – Putt-putt-putt – dumme Hühner füttern, Müller? – Gack-gack-gack … – und der „Schock nach dem Erschrecken“ wäre auch besser gegangen: „Der Todesschock nach dem Superschock“ – Schokoschreckschock.

Es gibt wieder viele „die Menschen“ beim „Spiegel“-Müller, es wimmelt nur so vor „wir“ und „uns“. An einer Stelle schreibt er allerdings, es sei naheliegend, daß „Bürgerinnen und Bürger“ – Aaaalter! Nicht die Menschen? – „vor allem durch Nachrichtenkonsum zu ihren Einschätzungen über den Zustand der Gesellschaft und der Welt insgesamt gelangen.“ Ist es die Möglichkeit? So läuft das also? Das kann ich jetzt schon verraten: Nach des Buchstabenprofessors Kolumne von dieser Woche haben „die lesenden Menschen“ eine Einschätzung vom Geisteszustand in der „Spiegel“-Chefredaktion und vom Zustand in Wolkenkuckucksheim insgesamt.

Fluchtgründe

Wie kommt’s, daß der Ukrainer aus seiner Heimat flüchtet? Also der Ukrainer, der einen Porsche, einen Bentley oder einen Lamborghini hat. Die mit den alten Ladas flüchten ja nicht. Die müssen in der Ukraine bleiben und sich totschießen lassen. Wie kommt’s also, daß der Lambo-Ukrainer flieht? Der Buchstabenprofessor weiß es genau – und er läßt „die Lesenden“ nicht dumm sterben. – „Wenn Menschen in Gefahr sind, reagieren sie instinktiv mit Flucht: aufbrechen, wegrennen, überstürzt und in der Not ohne Rückversicherung“ – na endlich sagt mal einer, was das Motiv des aufgeschreckten Kriegsflüchtlings ist. Schon sind die lesenden Menschen um ein Mysterium ärmer.

Aber was ist mit dem Schock nach dem Erschrecken bei den Menschen in Deutschland? – Müller: „Auch anderswo in Europa sind die Menschen vom Ukrainekrieg betroffen, doch die Bedrohung ist weniger direkt.“ – Wie jetzt? Ukrainekrieg oder Putins Krieg? Und kann es sein, daß solche „die Menschen in Europa“, die „weniger direkt“ vom Krieg bedroht sind, auch weniger direkt vom Krieg betroffen sind? – Offenbar nicht. Alle Menschen in Europa sind einfach nur gleichermaßen betrief-troff-troffen, egal ob die Bedrohung „weniger direkt“ oder „mehr direkt“ ist. Womöglich sind sie indirekt bedroht und trotzdem voll betroffen. Was der Buchstabenprofessor sagen wollte, ist wahrscheinlich: „Lesender Volksgenosse! Merke auf! Selenskyjs Auftragskrieg ist auch dein Kriegsauftrag! Gleiche Betroffenheit für alle! Gerechte Teilhabe an der Betroffenheitsgerechtigkeit auch bei ungerechter Bedrohungslage! Lang lebe das friedliche Amerika!“ – Wos a Revoluzzer.

Das Getröpfel trieft auf die betroffenen Betröpfelten

Also wie sind jetzt die Menschen in Deutschland gleichermaßen betroffen bei ungleicher Bedrohung? – So: „Preise steigen, Energie wird knapp, eine Ausweitung des Krieges auf Nato-Gebiet hat bislang nicht stattgefunden, ist aber keineswegs ausgeschlossen.“ Da können sie mal sehen, diese „Spiegel“-Nichtleser, was sie alles nicht richtig „mehrwissen“, weil nämlich der „Spiegel“-Leser mehr weiß. Steigende Preise gibt es wegen der Kriegsbetroffenheit in der weniger direkten Bedrohung, nicht wegen Sanktion, Inflation und fiskalischer Gier. Da schau her. Und wegen der Kriegsbetroffenheit in der weniger direkten Bedrohung wird auch die Energie knapp – nicht wegen „AKW abschalten“, Gasturbine und „Nord Stream 2 zustöpseln“.

Und dann wäre da noch die Ausweitung des Krieges auf das Nato-Gebiet der ungleich bedrohten Betroffenen, die nicht ausgeschlossen ist, weiß der Geier warum nicht. Die Ausweitung ist Schicksal, wahrscheinlich. Es liegt in niemandes Macht, diese Ausweitung zu verhindern. Weswegen sie auch nicht ausgeschlossen ist. Beim Ausschluß des Einschlußes ist der Mensch einfach völlig machtlos. Noch nicht einmal der Politikermensch in Europa kann daran etwas ändern. Totale Machtlosigkeit in tiefster Betroffenheit. Da braucht man sich freilich nicht wundern über den Todesschock nach dem Superschock für die gleichermaßen betroffenen – aber ungleich bedrohten Menschen in Deutschland. Wie heißt es in der Werbung? – „Müllermilch, Müllermilch die macht’s. Die weckt die Kraft, die in dir steckt. Müllermilch, die schmeckt – alles Müller, oder was?“

Schockexperte Müller: „In Deutschland sind wir nicht in unmittelbarer Gefahr.“ – Ja,ja, aber total betroffen sind wir vom Schock – „Wir erleben vielmehr eine Phase der Unsicherheit. Darauf reagieren Menschen typischerweise nicht mit Flucht, sondern, ganz im Gegenteil, mit Stehenbleiben: abwarten, nicht handeln, regungslos verharren. Wer nicht weiß, wie es weitergeht, geht nicht weiter.“ – ah! So ist das also? Da schau her: Unsicherheitsschock nach dem Erschrecken. Jetzt aber … – „Auch das ist individuell vernünftig„. – Schockstarre im Post-Erschreckens-Schock also. Enorm vernünftig, das. – „Aber wenn ganze Gesellschaften nach diesem Muster handeln, wird es problematisch„. – schon haben wir sie wieder, diese „die Menschen“, die seltsamerweise auf einmal zu den „die Deutschen“ geworden sind. Hier heißen sie eben „ganze Gesellschaft“. Es geht also um ein – wie man in des Buchstabenprofessors Kreisen zu sagen pflegt – „gesamtgesellschaftliches Stillstandsproblem in der Post-Erschreckens-Schockstarre“.

Das ist wahrlich eine „Herausforderung“ für alle „die Menschen“ in der „postfaktischen Gesamtgesellschaft“. Heidernei, wos a Schwierigkeit allüberall. Und wos a Schmierigkeit im „Spiegel“! – „Stillstand ist keine Lösung„. – Bestimmt kommt der Kolumenprofessor gleich mit der Lösung um die Ecke. Schauen „wir“ mal. – „Wir haben es mit epochalen Herausforderungen zu tun: Der russische Angriff auf die Ukraine ist kein singuläres Ereignis, sondern nur der letzte in einer langen Reihe von Unsicherheitsschocks.“ – Und das ist ja jetzt knallhart gelogen. Zu keiner Zeit war sich meinereiner unsicher, daß die Russen am 24.02.2022 in den Ukrainekrieg eingegriffen haben.

Unsicher ist meinereiner allenfalls, seit er mitbekommen hat, mit welcher traumwandlerischen Sicherheit sich die Volksvertreter der „die Menschen in Deutschland“ als absolut devote Katzbuckler im Anus der notorischen Kriegstreiber aus Amerika geoutet haben. Diesen Leuten kann man die Sicherheit der Post-Erscheckensgeschockten tatsächlich nicht anvertrauen. – „Das bisherige 21. Jahrhundert ist von einer Kette von Krisen durchzogen – von den Terroranschlägen des 11. September 2001 bis zum Ukrainekrieg. Aus deutscher Sicht kommen die Beben näher, sie werden häufiger und heftiger. In der Tendenz steigt die Unsicherheit immer weiter an – eine beunruhigende Entwicklung.“ – So, jetzt wissen „wir“ also, daß der Stillstand in der Post-Erschreckens-Schockstarre keine Lösung ist – und der Buchstabenprofessor kam eben nicht mit einer Lösung um die Ecke. Er hat „uns“ nur erzählt, was keine Lösung ist. In der Tendenz steigt die Sicherheit immer weiter, daß es sich beim Kolumenmüller im „Spiegel“ um eine Labertasche handelt.

Es ist nämlich so: Es gibt nicht einen einzigen anderen Grund für die „Tendenz der steigenden Unsicherheit“, als den, daß die Deutschen („die Menschen in Deutschland“) – angefangen mit Merkel – seit über anderthalb Jahrzehnten mit einer politischen und einer medialen Klasse geschlagen sind, die vor ideologischer Verbohrtheit, Pragmatismusfeindlichkeit, Demokratieverachtung, Besserwisserei, Verschlagenheit, Einbildung und Arroganz in ihrer „Planet-Menschheit-Weltklima-Obsession“ nur so strotzt. Es wäre im 21. Jahrhundert so wenig wie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, den „die Menschen in Deutschland“ ein Leben in Rechtsstaatlichkeit, Sicherheit, Demokratie und Prosperität zu bewahren. Gewollt war das nicht. Wegen des Wahns von der immerwährenden Unvollkommenheit der jeweiligen Gegenwart, die infolgedessen ständig das Ziel einer „besseren Zukunft“ braucht, welche einem dann ausgerechnet auch noch von absolut unfähigen Knallköpfen in den schönsten Farben ausgemalt wird. Das ist die Wahrheit dazu.

Nicht „unser“ Bier

Die Ukraine ist weder in der EU noch in der NATO. Was Amerikaner und Briten in der Ukraine seit bald zwei Jahrzehnten veranstaltet haben – und womit sie gerade gewaltig auf die Schnauze fallen zusammen mit ihrem Büttel Selenskyj, diesem Verräter an den Ukrainern und deren Land – ist nicht das Bier der „die Deutschen“. Die besten Beziehungen könnten „wir“ haben mit Russland, sauberes und günstiges Gas direkt aus Vyborg beziehen und uns bei den „Kriegsgeschichten“ Russland gegenüber kein Stück anders verhalten, als wir das im Fall der NATO-Angriffskriege unter der Rädelsführerschaft der USA auch getan haben. Dabei belassen hätten „wir“ es können, mit der Gewißheit zu leben, daß es auf der Welt nicht schön und gerecht zugeht – und daß es Aufgabe für deutsche Volksvertreter genug ist, aufzupassen, daß das Leben in Deutschland dennoch ein gutes bleibt.

Weil deutsche Politiker ihren Amtseid eben nicht leisten auf die Schadensabwendung und die Nutzenmehrung der ganzen Welt, sondern auf die Schadensabwendung und die Nutzenmehrung des deutschen Volkes. Der Urgrund des ganzen Desasters heute ist der suizidale Selbsthaß von deutschen „Weltmenschen“ auf alles, was ihnen als „zu deutsch“ und „zu nationalistisch“ gilt. Das ist schon die Nation als solche. Die braucht nicht einmal mehr deutsch zu sein, um gehasst zu werden. Obwohl sie das Maximum dessen darstellt, was von national Gewählten gerade noch segensreich regiert werden könnte. Und selbst da bräuchte es schon Fähige – und nicht das bildungs-und arbeitsscheue, unfähige Ideologen- und Traumtänzer-Gelichter, das sich inzwischen in deutschen Redaktionen, Parteien und Parlamenten tummelt.

Spott & Hohn für einen Buchstabenprofessor wie den Kolumnenhenrik beim „Spiegel“, dieser von Gates gekauften Pharmapostille, dem missionarischen Relotiusblättchen, dem elenden. Diesem Schock- & Betroffenheitsschriftler zufolge käme alles einfach ohne irgendwelches Zutun „über uns“, die Gesamtgesellschaft der „die Menschen in Deutschland“. Weswegen es eine „beunruhigende Entwicklung in der tendenziell steigenden Unsicherheit“ zu konstatieren gibt, für die – außer Putin – nicht und nicht irgendwelche Verantwortlichen auszumachen wären. Es bebt eben. Die Einschläge kommen näher und werden heftiger. Was will man da machen, schokoschreckschock? – Na eben: Schockiert sein nach dem Erschrecken. Was bleibt einem anderes übrig? – Inshallah.

Dabei ist es doch so: Wer als Vernunftmensch die Henrikskolumne im „Spiegel“ gelesen hat, der rennt doch nur noch schreiend aus dem Haus und brüllt: „Das gibt es nicht! Das kann doch alles nicht mehr wahr sein! Der ist echter Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an einer technischen Hochschule in Deutschland? – Waaah! Waaah! Waaaah!“ – Warum ist er nicht Professor für betroffenheitspolitischen Schockschwerenot-Journalismus? Oder wenigstens einer für verantwortungsleugnenden Postschock-Schreckjournalismus? Warum ist der überhaupt Professor? Das ist doch nicht mehr zu fassen, was einem da vom ehemaligen „Sturmgeschütz der Demokratie“ als bedenkenswert aufgetischt wird.

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