Erdingers Absacker; Bild: Collage
Erdingers Absacker; Bild: Collage

Erdingers Absacker: Der Maulwurf und sein Schrumpfhirn

Im Hamburger Relotiusblättchen wurde unter „Wissenschaft“ ein Artikel rubriziert, der es in sich hat. Er beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Erkenntnis, daß gewisse Maulwürfe über den Winter ihr Gehirn schrumpfen, um Energie zu sparen. Warum das Relotiusblättchen diesen Artikel wohl veröffentlicht hat?

von Max Erdinger

„SPIEGEL-Leser wissen mehr“, war jahrelang der Werbeslogan des Relotiusblättchens. Wann wussten die damals mehr? Nachdem sie einen Artikel zu Ende gelesen hatten. Deshalb gleich zum Ende des Wissenschaftsartikels in „Billys wöchentlicher Spritzenumschau“, wie das Relotiusblättchen auch genannt werden könnte, seit es sich von Spritzen-Billy Gates mit 5,4 Mio. Dollar beim Erhalt seiner journalistischen Unabhängigkeit hat unterstützen lassen.

Obacht „Mehrwissen“ über die Maulwürfe im letzten Satz! – „Durch das Graben von unterirdischen Gängen entsteht überschüssiges Erdmaterial, das sie an die Erdoberfläche schieben – so entstehen die Maulwurfshügel.“ – Hätten Sie das gedacht, streng wissenschaftlich so, daß diese mysteriösen Erdhügel in Ihrem Garten durch das Graben von unterirdischen Gängen entstehen? Und daß es sich bei diesen Maulwurfshügeln um überschüssiges Erdmaterial handelt? Ich war überrascht. Auf die Idee wäre ich gar nicht gekommen, daß das Graben von Gängen irgendetwas unterirdisches an sich haben könnte. Dabei hätte ich es mir natürlich denken können, daß die Maulwurfshügel in meinem Garten nicht vom Himmel gefallen sind, wenn ich mir überlegt hätte, daß ich das Wort „Luftgraben“ noch nie irgendwo gelesen habe. Wie gut, daß es die Rubrik „Wissenschaft“ im Relotiusblättchen gibt. Dort hat der Expertende das Wort.

Schrumpfhirne

Vorletzter Absatz: „Die Schädel und Gehirne der Europäischen Maulwürfe schrumpften im Winter stärker, als sie im Frühjahr darauf wieder wuchsen (im Mittel elf versus vier Prozent). Ähnlich wurde das schon bei Spitzmäusen beobachtet, die aber kaum mehr als ein Jahr leben. Bei den Maulwürfen, die fünf Jahre und älter werden können, würde das verglichen mit dem Schrumpfen geringere Wachstum hingegen bedeuten, dass die Tiere von Jahr zu Jahr kleiner werden. Die ausgewertete Stichprobe sei aber zu klein gewesen, um das beurteilen zu können, erläutern die Forschenden.“ – Die Wissenschaft auf bayerisch mit hanseatischem Akzent: „Nix Genaues wissen mir nicht“. Neuer Werbeslogan der über die Forschenden Schreibenden beim Relotiusblättchen: „SPIEGEL-Leser wissen nichts Genaues mehr.“ Man muß einfach für möglich halten, daß neugeborene Maulwürfe ungefähr so groß wie Elefanten sind und dann über einen Zeitraum von fünf Jahren bis auf Maulwurfsgröße zusammenschrumpfen. Dann werden sie beim Graben von unterdischen Gängen verschüttet und sterben einen gräßlichen Tod. Man weiß es halt nicht so genau, weil man es nicht beurteilen kann.

Die Museumsmaulwerfenden

Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen“ – Halt! Stop! Das sind Wissensschaffende! – „um Lucie Nováková vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz hatten Schädel von Europäischen und Iberischen Maulwürfen aus Museumssammlungen vermessen und deren Entwicklung im Jahresverlauf verglichen. Die eng verwandten Arten leben in unterschiedlichen Klimazonen.“ – ja-ja, das funktioniert aber nicht einwandfrei. Ich bin einmal in einem anthropologischen Museum gesessen ein ganzes Jahr lang und habe beobachtet, wie sich die ausgestellten Schädel im Jahresverlauf veränderten. Überhaupt nicht. Das war sehr enttäuschend. Nach einem Jahr bin ich ohne Mehrwissen und sehr verärgert wieder nach Hause gegangen. Aber es war mein Fehler. Ich hätte zwischen europäischen Schädeln und iberischen unterscheiden sollen. Weil Spanien schließlich nichts zu tun hat mit Europa. Auf der iberischen Halbinsel knocht sich der Museums-Totenschädel unter ganz anderen Bedingungen durch die Zeitläufte. Weil es dort den Stierkampf und die Sangria gibt im Gegensatz zum europäischen Sizilien, wo es das ganze Jahr über nur Vendetta und „Birra Messina“ hat, ohne daß sich etwas ändert. Aber gut. Wenn man kein Wissensschaffender ist, hat man natürlich auch keine Ahnung von der wissensschaffenden Methodik zur Erlangung von geschafftem Wissen.

Im Gegensatz zu den iberischen Maulwerfenden haben die europäischen Maulwerfenden einen „extrem hohen Stoffwechsel und sind in kalten Klimazonen das ganze Jahr über aktiv.“ – Wahrscheinlich war der erste europäische Maulwurf ein Schwabe, genauer, ein Unterirdischer aus Zuffenhausen. „ »Ihre winzigen Körper sind wie turbogeladene Porsche-Motoren, die ihre Energiespeicher in wenigen Stunden aufbrauchen«, erklärte Mitautorin Dina Dechmann„. Mensch & Tierreich: Der Turboporschende ist eine anthropologische Sonderform des europäischen Maulwerfenden. SPIEGEL-Leser wissen also doch mehr. Und Lucie Nováková ist ein genau so melodisch klingender Name wie Lizzy Pumpelkumpel.

In den kalten Wintermonaten finden die Insektenfresser dem Forscherteam zufolge nicht genug zu futtern für diesen hohen Umsatz. Um zu überleben, schalten sie in den Energiesparmodus – sie schrumpfen.“ – Frappierend! Das ist tatsächlich so wie beim Turboporschenden im kommenden Winter. Er findet zu vertretbaren Kosten kein Futter mehr für den Energiespeicher seines kleinen Automobilkörpers, schaltet in den Energiesparmodus und schrumpft auf Fußgängergröße.

Der erste Satz

Und schon ist meinereiner beim ersten Satz des wissensschaffenden Artikels der über die Forschenden Schreibenden angekommen. „Das Gehirn junger Europäischer Maulwürfe schrumpft einer Studie zufolge in ihrem ersten Winter um gut ein Zehntel. Es verbraucht dadurch weniger Energie, was den Tieren hilft, durch die nahrungsarme Jahreszeit zu kommen.“ – Tu felix Maulwerfender! Wenn das Hirn des europäischen Maulwerfenden bei einer Lebenserwartung von fünf Jahren alljährlich um 10 Prozent seiner Ursprungsgröße schrumpft, dann sind bei seinem Tod noch 50 Prozent übrig. Da fragt man sich doch sofort, was mit dem Gehirn junger Europäer passiert, die keine Maulwerfenden sind. Luisa Neubauer z.B. ist schon weit über zwanzig. Ob die „letzte Generation“ wohl Zerebralschulden macht, um zu überleben? Bei wem? Und woher hätte der Gläubiger die Mittel für die zu vergebenden Zerebralkredite? Ob er sie wohl einfach drucken läßt? Womöglich bei „Mohn-Media“ in Gütersloh und bei Stark-Druck in Pforzheim, wo auch die wissensschaffenden Artikel der Schreibenden für das Relotiusblättchen gedruckt werden? Oder bei den EZB-Druckereien? – „Nichts Genaues wissen mir nicht“.

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