Foto: Chanawat Phadwichit/Shutterstock

Müllverbrennung auf der Kippe: Jetzt stürmen die Ratten das sinkende Schiff

Deutschlands Müllverbrennungsanlagen (MVA) droht aufgrund der aktuellen Energiekrise der Stillstand. Die hohen Gaspreise haben europaweit zum Einbruch der Ammoniak-Produktion geführt. Ammoniak filtert die Rauchgase in den Müllverbrennungsanlagen. Ohne den Stoff können die strengen Abgaswerte nicht mehr eingehalten werden, was strafbar wäre. Der Bundesregierung ist das Problem seit längerem bekannt. Die dringend notwendigen Ausnahmegenehmigungen erteilt sie aber bisher nicht. Branchenkenner befürchten das Schlimmste.

Ammoniak, eine chemische Verbindung aus Stickstoff und Wasserstoff ist eine der weltweit meistproduzierten Chemikalien. Wegen der energieintensiven Herstellung und des hohen Gaspreises wurde die Produktion in Deutschland und Europa erheblich gedrosselt. Ende August lag die Kapazitätsauslastung europaweit gerade nur noch bei 35 Prozent, wie der norwegischen Branchenriesen Yara mitteilte. Auch SKW Piesteritz in Sachsen-Anhalt hat zuletzt mehrere Anlagen abgestellt.

Die Folge- Lieferausfälle bei den Müllverbrennungsanlagen. Viele Anlagenbetreiber würden derzeit nur noch kurzfristige Liefer-Zusagen bekommen, erklärt Carsten Spohn, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Thermischen Abfallbehandlungsanlagen in Deutschland (ITAD), gegenüber Welt. Bestellungen würden nun nur noch von Woche zu Woche von den Herstellern und Lieferanten garantiert. Fallen die Reduktionsmittel weg, steuert Deutschland auf ein massives Müllproblem zu: „Wir brauchen diese Stoffe dringend zur Entstickung der Abgase, um die gesetzlichen Grenzwerte bei der Rauchgasbehandlung einhalten zu können“ weiß Spohn.

Die Anlagen könnten zwar auch ohne die sogenannte Entstickung, bei der Stickstoffmonoxid und Stickstoffdioxid in die unschädlichen Stoffe Stickstoff und Wasser umgewandelt werden, weiter Müll verbrennen. Doch dann würden die Betreiber gegen die 17. Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes (BImSchV) verstoßen und sich strafbar machen. Deshalb würden die Standortleiter der Verbrennungsanlagen bei einer Grenzwertüberschreitung die Kessel sofort abfahren, warnt ein Sprecher von EEW Energy from Waste. Das Unternehmen betreibt den größten Teil der Müllverbrennungsanlagen in Deutschland.

Die Zeit drängt, die Behörden seien seit längerer Zeit informiert, doch die Politik drückt sich bisher um das heiße Eisen Sondergenehmigung herum. Das durchschnittlich benötigte Ammoniak für die 15 Anlagen der EEW-Gruppe in Deutschland reicht zwischen acht und 15 Tage, so der Sprecher. Fallen Lieferungen aus, wäre der Puffer schnell aufgebraucht.

„Wir warnen Politik und Behörden schon länger, dass es zu einem Notstand kommen kann“, erklärt ITAD-Geschäaftsführer Spohn gegenüber der Welt und gibt sich „vorsichtig optimistisch“, daß die Politik im Ernstfall doch noch reagiert und den Betrieb der Anlagen per Ausnahmegenehmigung möglich macht. Schließlich geht es um nichts Geringeres als die Entsorgungssicherheit und Müllexporte seien kein Thema. Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser und Kreislaufwirtschaft (BDE) zeigt sich angesichts der Untätigkeit seitens der Politik fassungslos: „Die Politik steht vor der Abwägung, ob der Müll in Deutschland liegen bleibt oder ob sie vorübergehend mehr Emissionen zulässt“, so Peter Kurth und weist auf ein weiteres Problem hin. Bleiben die Müllverbrennungsanlagen hierzulande stehen, geht es nicht nur um liegen bleibenden Müll, viele Anlagenbetreiber sind gleichzeitig auch Energieversorger.

In vielen Regionen des Landes hängt ein Teil der Energieversorgung an den bundesweit 66 Werken. Sie verbrennen jährlich knapp 21 Millionen Tonnen Müll und produzieren so Fernwärme und Strom für Millionen Haushalte. In München stammen zehn Prozent der genutzten Fernwärme von der örtlichen MVA, in Nürnberg rund 20 Prozent der Fernwärme sowie zehn Prozent des Stroms, die bei der Müllverbrennung entstehen.

Auch bei anderen für die Müllverarbeitungsindustrie wichtigen Chemikalien, wie z.B. Salzsäure und Natronlauge, droht eine Mangellage. Beides wird zur Aufarbeitung von Speisewasser benötigt, das im Wasser-Dampf-Kreislauf zur Energieauskopplung von Strom und Fernwärme genutzt wird. Ohne die Aufbereitung könne eine Kesselanlage aufgrund der zu erwartenden Schäden nicht betrieben werden, denn im Schadensfall würde eine Anlage für mehrere Monate stillstehen“, weiß Carsten Spohn, was das Problem bei der Müllverbrennung und damit die Entsorgungssicherheit weiter beeinträchtigen könnte.

Der Chemikalienmangel bei der Speisewasseraufbereitung ist nicht nur für die Müllverbrennungsanlagen eine Bedrohung, auch alle Kraftwerken mit Wasser-Dampf-Kreislauf, also zum Beispiel Kohlekraftwerken seien laut Spohn betroffen. (MS)

Themen

Nicole Höchst MdB; Bild: Nicole Höchst
Brisant
Brisant
Karl Lauterbach (Bild: shutterstock.com/Juergen Nowak)
Corona
Deutschland
Gender
Anthony Fauci (Bild: IMAGO / ZUMA Wire)
International
Islam
Deutschland
Brisant
Linke Nummern
Medienkritik
Migration
Satire
Ukraine
Politik
Wirtschaft