"Biosiegel für die Chemotherapie": "Friedenspreis" für Serhij Zhadan - Foto: Imago

Sau & Suhle: Der Kriegspreis des Deutschen Buchhandels

Es gibt nichts mehr zu diskutieren in Deutschland. Es fehlt an Satisfaktionsfähigen. Der Stiftungsrat des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels spottet jeder Beschreibung von Anstand und Aufrichtigkeit. Bigotte und Lügner gibt es wie Sand am Meer. Da braucht niemand mehr einen Stiftungsrat. Der verleiht einem üblen Hetzer auch noch den „Friedenspreis“. Es ist nicht mehr zu fassen.

von Max Erdinger

Wollen Sie einmal etas Friedliches lesen? Hier bitte: „Die Russen sind Barbaren, sie sind gekommen, um unsere Geschichte, unsere Kultur, unsere Bildung zu vernichten (…) Horde, Verbrecher, Tiere, Unrat (…) brennt in der Hölle, ihr Schweine.“ – Schön friedlich, das, nä? Der Verfasser ist der diesjährige Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Serhij Zhadan. Da bezeichnet einer also ein ganzes Volk als Tiere, Unrat und Schweine, kommt zu allem Überfluß noch aus einem Land, in dem weithin russisch gesprochen wird, und in dem tatsächlich Geschichte, Kultur und Bildung vernichtet werden – und zwar die eigene, die zu einem riesigen Teil russisch ist – blödelt etwas von einer spezifisch ukrainischen Kultur daher, als ob es die gäbe – und dann kriegt er noch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels dafür verliehen. Es ist f*cking unfassbar! Die russische Sprache wurde in der Ukraine geächtet, russische Literatur wird verbannt, Dostojewski, Tolstoi, Puschkin, Solschenizyn … – Lew Kopelew, 1912 in Kiew geboren, ist selbst Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und steht wie kaum ein Zweiter für die deutsch-russische Freundschaft. Und dann bekommt dieser vor Hass und Verachtung triefende Zhadan mitten im Ukrainekrieg den Friedenspreis verliehen? Wie tief kann man als Stiftungsrat des Börsenvereins eigentlich noch sinken?

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist ein internationaler Friedenspreis. Die Auszeichnung wird jährlich anlässlich der Frankfurter Buchmesse in der Paulskirche (Frankfurt am Main) an eine Persönlichkeit verliehen, ‚die in hervorragendem Maße vornehmlich durch ihre Tätigkeit auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat‘.„, heißt es bei Wikipedia über den Friedenspreis.

Die Preisträger werden vom Stiftungsrat ausgewählt. Vorschläge kann jeder machen. Sie müssen nur „hinreichend begründet und belegt“ sein. Der Stiftungsrat lt. Wikipedia (Stand 16. März 2020):

Klaus Brinkbäumer (Die Zeit, Hamburg)
Raphael Gross (Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum, Berlin)
Moritz Helmstaedter (Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt am Main)
Nadja Kneissler (Delius Klasing Verlag, Hamburg)
Karl-Josef Kuschel (Eberhard-Karls-Universität, Tübingen)
Felicitas von Lovenberg (Piper Verlag, München)
Ethel Matala de Mazza (Humboldt-Universität zu Berlin)
Bascha Mika (Frankfurter Rundschau)
Karin Schmidt-Friderichs (Verlag Hermann Schmidt, Mainz), seit Oktober 2019 Vorsteherin des Börsenvereins, Vorsitzende des Stiftungsrates.

Das passt

Das passt in einem Land, in dem Diplomatie zum Schimpfwort geworden zu sein scheint. Grünen-Chef Omid Nouripour, ungelernt, zu einer Forderung des SPD-Fraktionschefs Mützenich nach verstärkter diplomatischer Anstrengung im Umgang mit Russland: „Ruf nach Diplomatie hilft Moskau„. So verstiegen muß man erst einmal sein, um anzunehmen, daß irgendetwas, das aus Deutschland kommt, Moskau helfen oder schaden könnte. Grandiose Selbstüberschätzung. Russland braucht Deutschland weder in der einen noch in der anderen Richtung. Russland kennt Alternativen. Deutschland könnte es nützen, verstärkt auf Diplomatie im Umgang mit Russland zu setzen statt auf bedingungslose Konfrontation. Vor allem könnte Diplomatie eventuell Leben retten.

Die grüne Maid Luisa Neubauer behauptet derweilen, sie fühle sich durch „rechte Verlage“ auf der Buchmesse bedroht. Nicht mehr sicher das Ganze für die grüne Luisa, meint sie. Ehrlich gewesen wäre, wenn sie einfach gesagt hätte, was ist: Sie mag halt keine „rechten Verlage“. Ihr Problem. Mit irgendeiner Bedrohungslage für wen auch immer hat das nicht das geringste zu tun. Ich wüßte nicht, wann die Lüge jemals den Weg zum Frieden geebnet hätte. Und eine Lüge ist, daß „die Ukraine“ nichts als ein Opfer sei. Die Ukrainer wären eventuell welche. „Ukraine“ ist ein anderes Wort für „korruptes und verwahrlostes Despotenregime“. Die Russen sind nicht gekommen, um die Ukrainer zu knechten, sondern um die Russen in der Ukraine von ihren Folterknechten zu befreien. Die Folterknechte sind in der Tat „Ukrainer“. Die Kiewer Rus, auch Altrussland, Kiewer Russland bzw. das Kiewer Reich – das war ein mittelalterliches altostslawisches Großreich, die Wiege der heutigen Staaten Russland, Ukraine und Weißrussland.

Es ist schlicht und einfach gelogen, wenn der Preisträger des Deutschen Buchhandels behauptet, die Russen wollten eine ominöse „ukrainische Kultur“ zerstören. Das würde nämlich bedeuten, daß die Russen ihre eigene Kultur zerstören wollen. Das wiederum wäre aber genau das, was Putin im Grunde den Deutschen vorwirft: Daß die ihre eigene Kultur zerstören. Interessant wäre, zu erfahren, ob Putin glaubt, der Stiftungsrat des Deutschen Buchhandels zähle zu denjengen Deutschen, die ihre eigene Kultur zerstören. Wegen der Grünen bräuchte man ihn wahrscheinlich nicht einmal mehr zu fragen. Putin würde vermutlich unterstellen, daß schon der Fragensteller nicht der hellste sein kann. Wladimir Putin hält große Stücke auf die deutsche Kultur. Das war schon bei Zar Peter dem Großen so. Es ist kein Geheimnis mehr, wofür Putin und Medvedev die westlichen „Eliten“ halten. Für Verräter an jener Kultur, die sie selbst verehren. Und das gegenwärtige Regime in Kiew begreifen sie als genau so verwerflich. Es gibt tausend gute Gründe dafür.

Sogar der deutsche Sozialpsychologe revoltiert

Meinereiner muß sich allerweil wundern, wo die Reste deutscher Integrität bisweilen auftauchen. Es ist wirklich überraschend. Damit hätte ich nicht gerechnet. Daß meinereiner einmal einer Linken wie Sahra Wagenknecht würde beipflichten müssen, einer Gabriele Krone-Schmalz oder einem Mützenich, hätte er nicht einmal in Detailfragen für möglich gehalten. Und doch ist es so. Der Sozialpsychologe und Publizist Harald Welzer äußerte sich sehr kritisch zum Applaus für den Preisträger Zhadan. Deutsche Sozialpsychologen halte ich im allgemeinen für das Krebsübel des Geistes überhaupt. Und dann macht der Welzer das auch noch bei „n-tv“, diesen hörigen Transatlantikern. Was geht denn da vor sich? Starren alle auf die amerikanischen Midterms? Ist es angezeigt, sich allmählich in einer neuen, zukunftsträchtigeren Position zu etablieren? Noch gut zwei Wochen, dann dürfte es allmählich schwierig werden für die Ukraine-Fanboys n‘ Girls in Washcloth-Germany. Den langanhaltenden Applaus für Zhadan kritisierte Welzer als eine „gesinnungsethische Überanstrengung“. Deutschland sei nicht Kriegspartei, sondern Drittpartei. In der Tat: Da gäbe es andere Möglichkeiten, sich für die Ukrainer starkzumachen, als ausgerechnet einem derartig üblen Hetzer wie Zhadan zu applaudieren.

Welzer ganz ausgezeichnet: „Ehrlich gesagt – noch einen kritischen Kommentar, wo ich wahrscheinlich auch wieder schieren Ärger dafür kriege: Die Veränderung des zivilisatorischen Sprechens, die sich unter anderem in bestimmten Sätzen des Friedenspreisträgers ausdrückt in Bezug auf die Gegner – die verstehe ich psychologisch aus seiner Perspektive, will ich auch überhaupt nicht kritisieren – aber sie sind kein Beitrag zur Zivilisation, sondern sie sind Teil eines dezivilisierenden Prozesses, der von anderen angestoßen worden ist. Und die eigentliche Kulturleistung von uns, den Dritten, würde doch genau darin bestehen, dass man sich in diesen Dezivilisierungsprozess nicht reinziehen lässt.“ – bravo! Meinereiner möchte noch anfügen, daß man sich dann, wenn man sich dämlicherweise schon in einen solchen Dezivilisierungsprozess hineinziehen läßt, sich gefälligst nicht ausgerechnet noch auf die ganz verkehrte Seite ziehen läßt. Das ist zwar nicht die Seite der Ukrainer, aber die Seite dessen, was sich alle Welt als „die ukrainische Regierung“ andienen lässt. Die Ukrainer haben nämlich keine Regierung, sondern von den USA bestellte Verwalter. Das ist dort nicht viel anders als hierzulande.

„Selenskyj“ als politische US-Handelsmarke

„Selenskyj“ ist eine US-Marke, ein 100-prozentiges US-Produkt. Es ist ein Riesenfehler, die Story vom Präsidentendarsteller im Fernsehen („Diener des Volkes“) zu schlucken, der dann Präsident im realen Leben geworden ist. Der Mann ist nicht vom Präsidentendarsteller zum Präsidenten geworden und vom Fernsehen in die Realität umgezogen. Die Darstellung eines Präsidenten wurde vom Fernsehen in die Realität verlegt. Selenskyj ist heute so sehr Präsidentendarsteller wie er es im Fernsehen gewesen ist. Eine „falsche Entscheidung“ dieser Marionette – und sie ist mausetot. Selenskyj wurde aus seinem Umfeld bereits herausgelöst und unter Bewachung gestellt. Sein alter Jugendfreund ist nicht mehr Chef des SBU. Dort haben ihm die Amerikaner stattdessen einen Bluthund vor die Nase gesetzt, der schön aufpasst, daß Selenskyj spurt. Die größte Gefahr für den Leib und das Leben Selenskyjs sind noch nicht einmal die Russen in Moskau, sondern seine „eigenen Leute“ in Kiew. Selenskyj wird die Geister nicht mehr los, die er gerufen hatte. Nicht, daß man ihn deshalb bedauern müsste. Der Schauspieler hatte sich eben übernommen und krass verkalkuliert bei der Beurteilung der Frage, ob der ukrainische Präsidentenstatus für ihn mit tatsächlicher Macht einhergeht oder nicht. Jeder, der weiß, was Selenskyj im Wahlkampf 2019 – gerade mit Blick auf den Donbass – vom Stapel gelassen hat und was daraus geworden ist, kann sehen, daß man ihn 2019 lediglich so lange hat schwätzen lassen, bis er gewählt gewesen ist. Ab dem Tag seiner Wahl war Schluß mit einem Selenskyj, der sich eine eigene Meinung hätte erlauben können. Ab dem Tag wurde ihm befohlen, was er zu tun und zu sagen hat.

Solange ihm sein eigenes und das Leben seiner Frau und seiner Kinder lieb ist, wird der Mann schön brav tun, was ihm aus den USA aufgetragen wird. Der Mann ist eine US-amerikanische Geisel, aber nie und nimmer der Präsident seiner eigenen Landsleute. Gewählt wurde er halt. Das ist das Grundproblem aller westlichen Demokraten: Daß sie voraussetzen, sie hätten gewählt. Dabei haben sie nur die Wahl aus einer Vorauswahl getroffen, mit der sie selbst nicht das geringste zu tun hatten. Man kann schon zwischen einem schwarzen, einem gelben, einem grünen und einem roten Auto wählen beim Kauf. Wenn alle diese Autos ein Golf sind, dann hat man hinterher eben einen Golf, obwohl man sich das Auto selbst ausgesucht hat. – „Warum haben Sie ein grünes Auto?“ – “ Weil ich mir das so ausgesucht habe“. Wie blöde wird’s denn noch? Du hattest keine Wahl! Es ist ein Golf! Grün ist er halt – na und? Selenskyj ist der ukrainische Präsident, weil ihn die Ukrainer gewählt haben. Und olivgrün ist er. Das ist bekanntlich die Lieblingsfarbe des größten Kriegstreibers seit 1950. Kein Wunder, daß Selenskyj die Farbe olivgrün hat. – Waaahhh!

Krieg ist Frieden, Wahrheit ist Lüge

Was ist das im Grunde also, diese kafkaesk-orwelleske Verleihung eines Friedenspreises des Deutschen Buchhandels ausgerechnet an Serhij Zhadan, diesen dezivilisierenden Russenhasser? Ich nehme an, der Stiftungsrat wusste genau, welcher Preisträger den höchstpersönlichen Interessen seiner Mitglieder am dienlichsten ist. Dann wurde es eben Zhadan. Ein treffendes Synonym für „Stiftungsrat des Deutschen Börsenvereins“ wäre mit Blick auf die US-amerikanische Macht in der westlichen Welt vermutlich „Die deutschen Buchdruck-Selenskyjs“. „Selenskyj“ als Modellbezeichnung für einen „Typ europäischer Politiker“ ist kein ukrainisches Unikat, sondern ein beliebtes westliches Illusionsmodell in der Politik. Die europäischen Demokraten wollen einen Präsidenten sehen? – Kein Problem. Dann zeigen wir ihnen eben einen. Sie wollen einen Preisträger sehen? – Kein Problem. Dann zeigen wir ihnen eben einen. Hauptsache, wir bleiben das „juste milieu“. Es geht uns doch so gut damit. Gottfried Benn: „Am gefährlichsten sind die Leute mit dem bißchen Grips, die sich berufen fühlen, die Maßstäbe zu stiften und anzulegen. Soweit es bei ihnen langt – länger darf es bei niemandem langen„.

Tatsächlich ist es so: Das Ausmaß an Verrat an allem, was früher einmal „westliche Werte“ gewesen sind – und zwar auf allen Ebenen in Wissenschaft, Politik und Medien – sprengt alles, was man sich vor wenigen Jahren noch hätte vorstellen können. Überlegen Sie: Die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels fand statt in einem Land (in der Paulskirche, ausgerechnet!), in welchem eine Partei mit in der Regierung sitzt, die im Wahlkampf 2021 mit ihrem strikten Pazifismus für sich geworben hatte („Keine Waffenexporte in Kriegs- und Krisengebiete! – Bereit weil ihr es seid“). Dieselbe Partei entpuppte sich nach der Wahl als der gewissenloseste Kriegstreiber und Waffenlieferant überhaupt. Das ist das Land, in dem sich der Stiftungsrat des Deutschen Börsenvereins nicht – man muß es so sagen: entblödet -, einem ausgewiesen dezivilisierenden Hetzer aus der Ukraine den „Friedenspreis“ des Deutschen Buchhandels zu verleihen. Unser Land hat fix & fertig. Mit den Systemschweinen, die sich wohlig in einer solchen bigotten Suhle wälzen, gibt es nichts mehr zu diskutieren. Pfui Teufel!

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