Erdingers Absacker; Bild: Collage
Erdingers Absacker; Bild: Collage

Erdingers Absacker: Deutsch zu Kriegszeiten

Es kann gar keinen Zwifel daran geben, daß es sich bei der Bundesrepublik 2023 um das beste Deutschland handelt, das es je gegeben hat. Warum ist das so? Weil es Peter Altmaier kürzlich erst behauptet hat. Und der wüde niemals irgendwelchen Blödsinn daherreden. Lediglich bei Katrin Göring-Eckardt wäre das noch unwahrscheinlicher als bei Altmaier. Auch unsere Sprache ist so friedlich wie nie zuvor. Friede, Freude, Eierkuchen. Das war nicht immer so.

von Max Erdinger

Es hat Zeiten gegeben, als in Deutschland noch niemand sozialliberal und aufgeklärt an so etwas wie Demokratie gedacht hätte. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts etwa, zur Reformationszeit, als eine Freundschaft entstand, die bald in gegenseitige Verachtung umschlagen sollte. Das ging ab 1517 so, nachdem Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schloßkirche in Wittenberg genagelt hatte. Ein gewisser Thomas Müntzer, der 500 Jahre später in der DDR ein gewisses Ansehen genoß, fand die Thesen recht ansprechend und wurde ein treuer Gefolgsmann Luthers. Aber nicht lange. Die theologischen Differenzen zwischen den beiden häuften sich, und ab 1523 befehdeten sie sich in einem Briefwechsel, in welchem es vor Verbalinjurien nur so wimmelte. Vom “Hundsfott” war die Rede, von “Herren, die nur fressen und saufen”, von “hochverdammten Bösewichten“, von einer “Plage des armen Volkes“, “wuchersüchtigen und zinsaufrichtenden, hodensäckigen Doktoren“, “Hurenhengsten und Labscheißern“ und “des Teufels Pfaffen“.

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Luther-Porträt an Hauswand – Foto: Hans Benn, Pixabay

Da kniet meinereiner – sehr diskret – nieder vor Verehrung für die beiden Streithanseln. Nur wegen der verwendeten Sprache. Was für eine Aufrichtigkeit bei der Zurschaustellung der eigenen Seelenbefindlichkeit! Dabei ist meinereiner unter dem Gesichtspunkt des Glaubens weder dem einen noch dem anderen Reformator zugewandt. Mir geht es wirklich nur um die Sprache, die so erfrischend ungeheuchelt gewesen ist. Wenn man das mit heute vergleicht, kommt man nicht um die Erkenntnis herum, daß man es heutzutage mit Kastratendeutsch zu tun hat.

Heute liest man vielleicht solche Sätze wie den hier: “Viele der Menschen in Deutschland sehen sich hinsichtlich ihrer demokratischen Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen von den regierenden Menschen unzureichend repräsentiert.” Oder so etwas auch: “Die Menschen in Deutschland fühlen sich angesichts der politischen Entscheidungen der regierenden Menschen unwohl, heißt es unter Verschwörungstheoretikern. Wie froh sind die Menschen in Deutschland? Ein Experte für Lebensfreude über den Frohsinn der Menschen in Deutschland.” Heutzutage gibt es gottlob viel mehr Experten als in der ersten Hälfte des 16. Jahrunderts. Damals hätte dem Luther oder dem Müntzer niemand erklärt, welches seine zehn häufigsten Sitzfehler beim Stuhlgang sind und welche Haltungsschäden sie langfristig verursachen. In sozialverträglichem Umgangston sowieso nicht. Vielleicht hätte einer gesagt: “Ihr und Euer gottloses Natterngezücht seid doch selbst zum Scheißen zu blöde!”

Froh und dankbar müssen wir sein, daß diese Zeiten vorüber sind. Deswegen fangen so viele Sätze heute mit “wir müssen” an. Undankbar “dürfen wir” nämlich nicht sein über die grenzenlose Freiheit, die “wir” dadurch genießen, daß sich jeder Zerebralphimotiker beleidigt vorkommen darf, wann immer er will, sogar dann, wenn er als solcher gar nicht beleidigungsfähig ist. Es gibt nämlich gar keine Zerebralphimotiker mehr, sondern nur noch die demokratischen Menschen. Und die sind alle-alle gleichberechtigt. Wer etwas anderes behauptet, wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Der sorgt dafür, daß Deutschland in einer schlechten Verfassung bleibt.

Nicht, daß ich mir eine solche Formulierung öffentlich zu eigen machen würde – Gott bewahre, diskret im stillen Kämmerchen jederzeit! – aber sowohl Luther als auch Müntzer hätten treffende Formulierungen gefunden für die Regierenden von heute und ihre unglückselige Eigenschaft, den Menschen in Deutschland die Freude am Leben zu vermiesen. Und öffentlich geäußert hätten sie die vermutlich auch. Weil es im 16. Jahrhundert die Freiheit noch nicht gegeben hat, sich in Kastratendeutsch ausdrücken zu dürfen. Allein daran kann man schon erkennen, daß die Menschen in Deutschland im besten Deutschland aller Zeiten leben. Noch bessere werden todsicher folgen. Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Einfach nach vorne schauen, dann sieht man’s schon. Was? – Na, die zukünftige Gegenwart der kommenden Generationen! Es geht um die Menschen, die es heute noch nicht gibt. Die sind wichtiger als die, die schon da sind. Für die Zukunftsmenschen “müssen wir” doch das alles freudig auf uns nehmen, also das mit dem Insektenfraß, den westlichen Werten, dem ganzen Genderscheiß, den heiligen Hinübergeschlechtlichen, der Weltklimarettung, der haßfreien Gerechtsprache, dem ganzen Elektromobili-Dingsbums, dem peinlichen Planetengehätschel und dem ubiquitären Menschheitsgequatsche! – (minus die Russen, selbstredend.)

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Zeitungsmeldung 24. Juni 1941 – Screenshot Facebook

Da kann man nicht einfach den Zeigefinger auf die uns regierenden Menschen in Deutschland richten und mit Blick auf die geopolitische Lage im Stil von Luther oder Müntzer sagen: “Euch miserable Ausgeburten des grünen Höllenschleims, die ihr obsolet am Gesäuge des Steuerzahlers zuzelt, daß ihm bereits die Zitzen bluten, möge der Blitz beim Scheißen erschlagen, auf daß der Leibhaftige sich Eurer verderbten Seelen bemächtige und Eure irdische Fleischlichkeit über dem Höllenfeuer röste bis euch das klägliche Resthirn zu den Ohren heraustropft, ihr gräßliche Heuschreckenplage am Geiste!” – Auf gar keinen Fall “dürfen wir” das mehr sagen. Ich bitte dringend um wohlwollende Beachtung!

“Wir müssen” heute gottlob das sozialverträgliche Kastratendeutsch verwenden, um sachlich und unaufgeregt in angemessenem Tonfall hochdemokratische “Regierungskritik” zu üben. Damit uns Olaf der Anständige in ebenso sozialverträglichem Tonfall souverän besänftigen kann. Daß “wir” uns “gemeinsam” mit den anderen Europäern im Krieg gegen Russland befänden, wie die fähigste aller feministischen Blitzbirnen, die es im besten Deutschland jemals gegeben hat, im Europarat zu Straßburg behauptete, sei ja auch nur ein “Versprecher” gewesen. So ließ das Außenministerium inzwischen mitteilen. Sicher wäre trotzdem “sicherer”. Wenn es Baerbock der Frau Lambrecht nicht nachmacht und freiwillig geht, dann soll sie Scholz endlich rausschmeißen, und wenn darüber die Koalition platzt. Schon seiner eigenen Glaubwürdigkeit wegen. Es war Scholz, der nach der Koalitionsbildung mit Blick auf die hochambitionierte Grünfeminisierende klarstellte, daß die außenpolitische Richtlinienkompetenz beim Kanzler liege. Höchste Zeit, die grüne Madame Impertinenzia endlich zur Schnecke zu machen. Wenigstens das sollte wohl noch zu schaffen sein. Wollen doch mal sehen, wieviele Deutsche bei einer Neuwahl tatsächlich noch einmal grün wählen würden.

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