Frisch geimpft in die Welt hinaus (Foto: Von Dmitry Kalinovsky/Shutterstock)

Kinder in Not, Kinderverwahrung damals und heute

Je stärker der Krippenausbau vorangetrieben wird, umso mehr steigt die Nachfrage der Eltern. Diese sich durch den Mainstream entwickelnde Eigendynamik fegt über die Köpfe der Kleinsten hinweg und kaum jemand sieht die Not der Kinder. Aus der Krippenforschung geht hervor, wie sehr die Kinder in der Krippe unter Stress stehen. Von den Befürwortern wird meist eingewendet, das seien Untersuchungen aus einer vorgefassten kritischen Haltung gegenüber den Kinderkrippen und daher nicht wirklich objektiv.

Kaum beachtet wurden jedoch bisher die Ergebnisse von Studien aus der ehemaligen DDR, wo es die Kinderkrippen schon seit 1950 gab und die nun freigegeben wurden. Bei diesen Untersuchungen kann es keine vorgefasste kritische Einstellung gegeben haben, stand doch das Bildungssystem und die Forschung unter dem Einfluss einer positiven Beurteilung der Krippen. Somit sind die Forschungsarbeiten aus dieser Zeit durchaus spannend, denn sie zeigen sehr deutlich, welchen Stress Kinder in einer Krippe erleben.

So kam die Doktorandin Karin Hortmann 1984 aufgrund ihrer Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass dreijährige „Familienkinder” bei der sprachlichen Entwicklung den gleichaltrigen „Krippenkindern“ überlegen seien. (1) Das widersprach der offiziellen Auffassung in der DDR und durfte deshalb nicht veröffentlicht werden. Es ist aber in den jetzt veröffentlichten Originalarbeiten nachzulesen. Hortmann beschreibt auch eine hohe Korrelation zwischen der Sprachentwicklung von Dreijährigen und dem Schulerfolg am Ende der 1. Klasse.

Selbst Dr. Eva Schmidt-Kolmer, eine führende Vertreterin der DDR-Krippenpolitik, erkannte früh die negativen Folgen und glaubte, man könne sie überwinden. Sie sah das Problem nicht in der Krippenbetreuung selbst, sondern meinte, den Rückstand der Krippenkinder beheben zu können, was sich als Illusion herausstellte. Das ideologische Ziel einer Frauenerwerbsarbeit in Vollzeit erschien wichtiger als das Kindeswohl – eine klare Parallele zur Gegenwart.

Was genau löst den Stress bei Kleinkindern in einer Krippe aus?

In den ersten 6 Monaten empfindet sich das Baby als eine Einheit mit der Mutter. In den Folgemonaten spürt es nach der Phase des Fremdelns zunehmend, dass dies so nicht stimmt. Wenn es die Trennung bemerkt und die Mutter anwesend ist, entwickelt sich eine Sicherheitsbasis. Ist die Mutter nicht greifbar, erlebt das Baby und Kleinkind massive Trennungs- und Verlassenheitsängste, die den größten Stress verursachen. Der Grund für diese Ängste ist das fehlende Vorstellungsvermögen. Es kann sich noch kein Bild von der Mutter in einem anderen Raum machen. Es fühlt sich völlig alleingelassen und lässt sich von anderen kaum trösten.

Im Laufe des ersten Lebensjahrs erkennen Kinder das, was sie schon einmal gesehen haben, wieder. Erst im zweiten Lebensjahr entwickelt sich daraus das Vorstellungsgedächtnis so weit, dass das Kind sich seine Eltern aus dem Gedächtnis vorstellen kann und versteht, dass es ein eigenes Ich darstellt, dass sich von den Eltern abgrenzt. Das zeigt sich im Verhalten des Kindes daran, dass es ständig‚ meins sagt oder seinen Namen nennt, wenn es sein geglaubtes Eigentum in den Händen hält.

In den ersten drei Jahren ist also nicht das soziale Lernen oder das Spielen mit anderen Kindern das Thema, sondern das Kind lernt sich selbst und seine Umwelt kennen. Bereits 2007 warnten deutsche Psychoanalytiker in einem Memorandum vor innerseelischen Katastrophen: Ganztägige Trennungen von den Eltern stellen extreme psychische Belastungen für die Kinder dar. Je länger die Fremdbetreuung dauert, desto höhere Werte des Stresshormons Cortisol seien bei den Kindern nachweisbar. Kinder in Fremdbetreuung haben mehr Infekte (von Husten bis Gehirnhautentzündung, vor allem in Gruppen) mehr Erkrankungen des Immunsystems (Allergien, Asthma, Ekzeme) und ein vielfach höheres Risiko, ein Aufmerksamkeitsdefizit zu entwickeln (ADS, ADHS) Der Lärmpegel in Krippen hat hirn- und gesundheitsschädigende Ausmaße.

Nun wird dieses Memorandum durch Ergebnisse von Studien aus der ehemaligen DDR mehr als belegt. Michael Hüter, Kindheitsforscher und Autor geht sogar noch weiter. Seine These: „Nie ging es Kindern emotional so schlecht wie heute. Ich habe im Moment das Gefühl, wir leben wieder am Beginn des 16. Jahrhunderts: Die Erde ist wieder eine Scheibe. Wenn wir die wissenschaftlichen Forschungserkenntnisse aus Neurobiologie, Psychologie, Anthropologie und Soziologie – aus der gesamten Kindheitsforschung, die wir derzeit haben, berücksichtigen und ernst nehmen würden, müsste jede Krippe sofort geschlossen werden und nebenbei mit Sicherheit 60 bis 70 Prozent unserer Schulen”.

Die ständig neu erzählte These – „Früher erging es Kindern so schlecht” – scheint vor allem dazu zu dienen, die gegenwärtigen Machtmissbräuche an Kindern zu rechtfertigen. Der emotionale Schmerz eines Babys wird nicht dadurch geringer, wenn es mit einer Limousine in die Kita gebracht wird. Noch nie gab es – in den sogenannten Industrienationen und westlichen Ländern – so wenige Kinder, und von diesen wenigen Kindern sind über 50 Prozent chronisch krank, jedes vierte Kind wird therapiert und ein erschreckend hoher Teil nimmt sich das Leben.

Ist das unser nicht mehr hinterfragbares, großartiges westliches Kulturgut?

 

Verweis: (1) Hortmann, Karin; Zur Diagnostik des sprachlichen Entwicklungsstandes dreijähriger Kinder”; Dissertation, 1984, Humboldt-Universität Berlin S. 146

Rainer Böhm, Dr. „Die dunkle Seite der Kindheit“, FAZ 2012 https://www.fachportal-bildung-und-seelische-gesundheit.de/wp-content/uploads/2012/04/FAZ-2012-04-04-Die-dunkle-Seite-der-Kindheit_Essay-Boehm.PDF

Florian von Rosenberg, „Die beschädigte Kindheit, Das Krippensystem der DDR und seine Folgen; Verlag C.H. Beck, 2022

Foto: Pixabay

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