Dem Heinerhofbauern sein Knecht... Von Max Erdinger
Dem Heinerhofbauern sein Knecht... Von Max Erdinger

Das Heinerhofknecht Special: Die Angriffsrauferei beim Dorfwirt im Tal

Das Leben wurde von Tag zu Tag gefährlicher. Im wilden Osten herrschte der Angriffskrieg. Zudem wurde ständig alles teurer. Unten im Dorf, zu dem der Heinerhof gehört, hatte es einen Aufruhr gegeben. Zeit, dem Heinerhofbauern seinem Knecht hoch droben auf dem Berg wieder einmal einen Besuch abzustatten. Lange schon hatte ich ihn nicht mehr gesehen.

von Max Erdinger

Hier heroben auf dem Berg, erzählte der Knecht, sei eigentlich alles wie immer gewesen. Das einzige, was sich geändert habe, sei das Fernsehprogramm nach Feierabend gewesen. Er habe zuletzt gar nicht mehr hinschauen können. Nur noch grüne Gescheiterleins, pimperlwichtige Schlauweiber und saudumme Moderatoren-Hackfressen beim Klugscheißen. Nicht mehr zum aushalten. Sogar beim Kreisboten seien die unverschämten Weltenretter in die Redaktion eingezogen. Den könne er auch nicht mehr lesen, ohne daß ihm die Zornesader schwillt. Sogar noch schlimmer sei es. Nachdem er den Kreisboten ungelesen ins Häusl gelegt hatte, um ihn einer sinnvollen Verwendung zuzuführen, habe er sich prompt eine mittelschwere Schließmuskelvergiftung eingefangen.

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Der Heinerhof – Foto: Autor

Als ich ihn fragte, wo er denn das leicht blaue Auge herhat, meinte der Knecht, das sei eine längere Geschichte. Vergangene Woche sei es noch dunkelblau gewesen. Dann stand er auf und holte erst einmal zwei Flaschen Doppelbock und den Selbergebrannten. Wir stießen auf unser Wiedersehen an und dann erfuhr ich, was passiert ist. Hader und Zwietracht hatten im Dorf unten Einzug gehalten.

Das kam so: Der alte Müller im Dorf unten hatte seit Jahren niemanden, der seinen Hof weiterbewirtschaften würde, wenn er und die Müllerin alt geworden sind. Sein einziger Sohn war schon lange nach Amerika ausgewandert und arbeitete dort für eine große Firma, die sich mit der Genmanipulation von Saatgut beschäftigte. Ein Jammer sei das gewesen, weil der Müllerhof ein recht großer Hof ist und weil das Bauernhofsterben sowieso schon ein riesiges Problem geworden ist. Vor zwei Jahren jedoch habe der alte Müller im Wirtshaus eines Tages Freibier für alle spendiert und voller Freude erzählt, daß sein Sohn aus Amerika zurückkommt, um den Hof zu übernehmen. Alle hätten sich mit ihm gefreut und im Wirtshaus habe es eine Mordsgaudi gegeben. Weil das einfach eine gute Nachricht gewesen ist zu einer Zeit, in der sich damals schon schleichend so ein allgemeines Unbehagen im Dorf breitgemacht hatte. Mit der feministischen Pfarrerin, die den alten Hochwürden abgelöst hatte, waren viele schon lange nicht mehr einverstanden und die Kirchgänger am Sonntag sind auch immer weniger geworden.

Jedenfalls kam dann der junge Müller, der Josef, aus Amerika zurück und alle waren schlagartig ernüchtert. Ein fürchterliches Großmaul sei aus dem jungen Müller in Amerika geworden. Alles habe er besser gewußt als die Alteingesessenen – und der Gipfel sei gewesen, als er zum ersten Mal ins Wirtshaus gekommen ist und erklärte, es sei ihm egal, ob die Kurzform von Josef im Dorf “Sepp” ist. Er jedenfalls sei der Joe – und so wolle er auch angesprochen werden. Joe Muller. Also Müller ohne “ü”, dafür aber mit “u”.

“Wos a Oarschloch”, hätten sich dann alle gedacht und die ersten unguten Befürchtungen hätten sich eingestellt. So ging das weiter. Der alte Müller hatte vor Jahren schon in großen weißen Lettern “Müllerhof” auf die Fassade seines prächtigen Bauernhauses geschrieben, aber der “Joe”, der Sepp also, habe es einfach überpinselt und durch “Joe Muller Farm” ersetzt. Die Dörfler seien sich nach kurzer Zeit einig gewesen, daß aus dem jungen Müller in Amerika nicht nur ein Arschloch, sondern ein Riesenarschloch geworden war. Aber es kam noch schlimmer. Der junge Müller aus Amerika begann nämlich, Wiesen und Äcker zu kaufen und dazu zu pachten. Der ehemalige Müllerhof wurde immer größer, und was das schlimmste gewesen sei: Der junge Müller schleimte sich beim Bürgermeister ein, bei der Feuerwehr, bei der feministischen Pfarrerin und bis hinauf ins Landratsamt beim Landrat persönlich.  Egal, was der junge Müller alles genehmigt haben wollte, er habe es auch genehmigt bekommen. Der Bürgermeister hatte auf einmal einen fetten Mercedes statt seines Opels, und der Landrat statt seines Mercedes einen Rolls Royce. Dann hat der Müller Sepp auch noch damit begonnen, alle dörflichen Veranstaltungen mit seinem Geld zu bezuschussen, so daß sogar beim traditionellen Freitanz ein Spruchband über dem Tanzboden hing, auf dem “Joe Muller Dancefloor” gestanden hat.

Jedenfalls habe der junge Müller dafür gesorgt, daß sich die Dörfler untereinander in zwei Gruppen spalteten. Die einen machten mit beim großen Joe Muller Festival und umschwirrten ihn wie die Mücken das Licht, ganz egal, wie grauslig er seine hochmoderne Hühnermastanlage in die Landschaft gestellt hatte. Ein Riesending am östlichen Rand des Dorfes, wegen dem in der Früh kein Sonnenstrahl mehr die Marienstatue auf dem Marktplatz traf. Mit dem jungen Müller und der feministischen Pfarrerin sei sozusagen die Gottlosigkeit ins Dorf eingezogen, erklärte der Knecht.

Es kriselt

Dagegen habe sich dann leichter Widerstand geregt. Ausgegangen sei das vom sogenannten Russenhof. Das ist der älteste Hof unten im Dorf. Er geht zurück bis auf den Russ Hiasl vor Jahrhunderten. Generation für Generation hatte die Familie Russ für die dörflichen Tugenden gestanden. Hochanständige Dörfler, gottesfürchtig, die Kinder von Generation zu Generation eine Zierde des Dorfes durch ihren Anstand, ihre Güte, ihre Bescheidenheit und ihre Hilfsbereitschaft. In jeder Generation mindestens zwei Meßdiener. Mehrere Bürgermeister. Und fleißig. Über Generationen hinweg hatte die Familie Russ – im Dorf “die Russen” – ihren Hof mit Sinn und Verstand geführt, sich der Brauchtumspflege gewidmet und ausgleichend darüber gewacht, daß Hader und Zwietracht keine Chance hatten unter den Einheimischen. Auch waren sie sehr besorgt um die angemessenen Größenverhältnisse zwischen dem Menschen, seinem Werk und der malerischen Kulturlandschaft, in welcher das Dorf so wunderbar im Tal unten liegt, führte der Knecht aus. Ich konnte sehen, wie er feuchte Augen bekam. Ich wusste, daß der Heinerhofbauer und der Russenbauer schon seit ewigen Zeiten freundschaftlich verbunden gewesen sind und sich gegenseitig halfen, wenn Not am Mann gewesen ist.

Unvergeßlich wird mir in Erinnerung bleiben, wie der Knecht und ich vor ein paar Jahren auf den Heinerhof zurückgekommen sind, nachdem wir auf dem großen Volksfest in der Stadt versackt waren und die ganze Nacht auf den ersten Zug in der Früh gewartet haben in unserem Suff.  Als wir am späten Vormittag auf dem Heinerhof erschienen mit unseren geduckten Brummschädeln, wohlwissend, daß seit sechs Uhr in der Früh eine Menge Arbeit liegengeblieben sein musste, begrüßte uns auf dem Heinerhof der Knecht des Russenbauern und sagte, wir sollten erst einmal unseren Rausch ausschlafen. Er verstehe uns schon. Volksfest sei schließlich nicht jeden Tag. So ein Verhältnis war das zwischen dem Heinerhof und dem Russenhof. Der Russenhofbauer hatte einfach einen seiner Knechte zum Heinerhof hinaufgeschickt, damit er dort aushilft. Beim Joe-Muller-Schnösel hätte der Heinerhofbauer höchstens eine hämische Abfuhr erhalten und er hätte den Stall selber ausmisten müssen.

Die Verschärfung der Lage

Es hatten sich also schon zwei Gruppen im Dorf unten gebildet, die sich gegenseitig mit Russentroll resp. Mullertroll bezeichneten, als sich die Lage weiter verschärfte. Das war, als der alte Hiedler Adi seinen Führerhof verkaufte. Führerhof nannten die Dörfler den Hiedlerhof, weil der alte Hiedler Adi seit seiner Jugend ein Nazi geblieben war, der jedes Jahr am 20. April die Fenster seines Hauses aufriß und das ganze Tal mit Marschmusik beschallte. Wenn er mit dem Traktor durchs Dorf fuhr, hatte er immer seine alte Landserkappe auf und blickte grimmig in die Gegend. Seine Frau hatte ihn schon lange verlassen und ist mit einem Besatzerami nach Montana ausgewandert. Die einzige Tochter vom Hiedler Adi, die Erika, hat es allerdings bis zur Parlamentarischen Staatssekretärin in Berlin geschafft. Sie ist bei den Grünen und hat ein prächtiges Auskommen als Verbindungsperson zu Rheinmetall und sonstwohin. Im Dorf hat sie schon jahrelang niemand mehr gesehen. Gerüchteweise soll sie sich inzwischen als Kartoffelvollernter identifizieren und ihr Pronomen ist “es”.

Da nun der alte Hiedler Adi seit Jahren als Sonderling galt, der als Alteingesessener zwar geduldet wurde, aber nicht wirklich dazugehörte, beschäftigte er schon seit bestimmt einem Jahrzehnt Ukrainer als Knechte. Auf die ließ er nichts kommen. Erstens sind sie billiger als Polen oder Rumänen, sagte er, und zweitens hätten sie eine anständige Gesinnung. Den Führerhof hat er vergangenes Jahr also an einen Ukrainer verkauft. Der kam dann eines Tages im Dorf unten an und stellte sich im Wirtshaus vor. Schniedelskyi heißt er und machte zunächst einen ganz guten Eindruck. Freundlich war er, immer zu einem Späßchen aufgelegt, aber recht schnell stellte sich heraus, daß der Schniedelskyj ein ganz krummer Hund sein muß, der in seiner Heimat als Verbrecher gilt. Als dann noch herauskam, daß er den Hof vom alten Hiedler Adi gar nicht hätte kaufen dürfen und daß er ihn trotzdem überschrieben bekommen hat, weil der Müller Sepp alias Joe Muller beim Landratsamt damit gedroht hatte, daß keiner mehr ein Geld von ihm bekommt, wenn der Schniedelskyj den Hof vom alten Hiedler Adi nicht übernehmen darf, konnte der Schniedelskyj Witzchen machen wie er wollte. Keiner lachte mehr. Allen war klar, der der Müller Sepp den Schniedelskyj nur als Strohmann vorgeschickt hatte, weil der alte Hiedler Adi nie und nimmer den Führerhof an einen Möchtegern-Ami wie den Müller Sepp alias Joe Muller verkauft hätte. Eher hätte ihn der Hiedler Adi abbrennen lassen, hätte sich einen privaten Schützengraben ausgehoben und wäre darin unter allerlei Piff-Paff-Puff-Geschrei in “ehrenvoller” Verarmung verhungert.

Der Widerstand erhebt sich

Als der Schniedelskyj merkte, daß er sich im Dorf unten bei aller Witzigkeit keine Freunde machen konnte, hat er sich wahrscheinlich gedacht, daß er sich noch enger an seinen eigentlichen Chef halten muß, den Muller Joe, also den Müller Sepp. Dem wiederum war der Hof des Russenbauern ein Dorn im Auge, weil der Russenbauer seit jeher ein paar saftige Wiesen am Fluß hatte, die er gern selber besessen hätte. Auf einmal gab es auf dem Russenhof eine ganze Reihe unerklärlicher Unfälle. Am einen Tag fehlten in der Früh die Kälber und niemand wusste, wo sie abgeblieben waren. Dann brannte der Hühnerstall, ohne daß jemand wusste, wie das hatte passieren können, erzählte mir dem Heinerhofbauern sein Knecht. Als dann eines Nachts die Fensterscheiben des Russenhofes eingeworfen wurden und der Russenhofbauer im Wirtshaus erzählte, er meine, daß er den Schniedelskyj im Schein der Straßenlaterne noch ums Eck habe huschen sehen, kam es zu ersten Auseinandersetzungen im Wirtshaus. Die Schleimer, die dem Müller Sepp schon lange in den Arsch gekrochen waren und nicht zugeben wollten, daß sie ehrlose Joe-Muller-Arschkriecher sind, nahmen den fiesen Schniedelskyj in Schutz, der drehte der Russenhofbauernfraktion im Wirtshaus eine lange Nase, lachte recht dreckig und streckte ihnen die Zunge heraus. Es flogen die ersten Maßkrüge.

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Vom Heinerhof hinunter ins Dorf – Foto: Autor

Als ihm das zu Ohren gekommen ist, erzählte mir dem Heinerhofbauern sein Knecht, habe er sich selber ein Bild von der Stimmung im Wirtshaus machen wollen und sei nach Feierabend mit dem Moped ins Dorf hinunter gefahren. Schon vor dem Wirtshaus habe er hören können, daß es drinnen hoch hergeht. Was dann passierte, könne er mir auf einem Video zeigen, das er vom Wirt geschenkt bekommen hat, weil er sich später auf Seiten der Russen an dem beteiligt hatte, was die Joe-Muller-Arschlöcher als “dem Knecht seine Angriffsrauferei” bezeichnen. Der Müller Sepp, der Joe Muller also, habe dem Wirt vergangenes Jahr eine Überwachungskamera für die Wirtsstube geschenkt, weil er offenbar dachte, daß das den Wirt zum Dank verpflichten würde. Der Knecht schaltete den Monitor ein und schon lief das Video.

Die Angriffsrauferei

Man sieht, wie die Tür zur Wirtsstube aufgeht, und der Knecht hereinkommt. Kaum daß er das Wirtshaus betreten hatte, ruft ihm einer von den gekauften Arschkriechern zu: “Da schau her, der alte Russenknecht vom Heinerhof läßt sich auch einmal wieder im Dorf herunten sehen. Kannst dich gleich wieder schleichen, du Bergdepp!” Knapp neben dem Knecht detoniert ein Maßkrug an der Wand. Der Knecht geht hin zu dem Unflätigen, packt ihn am Schopf und knallt ihn wortlos mit der Nase auf die Tischplatte. Der Knecht hat eine saumäßige Kraft. Das Muller-Großmaul will aufstehen, es hat Nasenbluten, aber der Knecht tritt ihn vom Stuhl herunter und unter den Tisch. Ein paar andere Arschkriecher aus der Muller-Ecke in der Wirtsstube wollen nun auf den Knecht losgehen, aber hinter dem stehen schon die vom Russenhofbauern. Der Knecht macht einen Schritt zur Seite und die Russen schütten den ehrlosen Amischleimern den Inhalt ihrer Maßkrüge in die verlogenen Hackfressen. Die nassen Haare hängen ihnen über die Stirn herab. Sie wollen aufstehen, aber erst müssen sie sich das Bier aus den Augen wischen. Die ganze Eckbank schwimmt, der Tisch ist patschnaß, der Fußboden rutschig – und diesen Moment der Überraschung nützen die Russen aus. Mit dem Schlachtruf “Nieder mit euch hinterfotzigem Gesindel!”, lassen sie ihre leeren Maßkrüge auf die tropfnassen Schädel der korrupten Schleimer herniedersausen. Die sacken über ihrem Joe-Muller-Stammtisch zusammen, landen mit ihren Gesichtern in der riesigen Bierpfütze auf ihrem Stammtisch und machen keinen Muckser mehr. Einer fummelt wie bewußtlos in seiner Hosentasche umeinander, zieht ein verrotztes Stofftaschentuch heraus, hält es in die Luft und murmelt: “Nicht mehr hauen. Gnade. Ich ergebe mich.”

Als nächstes fliegt wieder die Wirtshaustür auf, die Gendarmerie kommt hereingestürmt und will wissen, was los ist. Der Großsprecher mit dem Nasenbluten, der als erster den Knecht angestänkert und mit einem Maßkrug nach ihm geworfen hatte, hebt matt seinen nassen Bierschädel aus der Lache auf dem Tisch, zeigt auf den Knecht und zischelt haßerfüllt: “Dem Knecht seine Angriffsrauferei!” Unterdessen will sich der Schniedelskyj auf allen Vieren klammheimlich zwischen den Beinen der anderen hindurch aus dem Wirtshaus ins Freie stehlen, aber der Einsatzleiter steigt ihm auf die Hand, woraufhin der Schniedelskyj aufjault und nach einem Düsenjäger verlangt.

Die Gendarmen, erzählte mir der Knecht, hätten ihm später gesagt, daß sie selbst schon länger die Entwicklung im Dorf voller Sorge beobachtet hätten. Das erkläre auch den weiteren Fortgang des Geschehens im Wirtshaus. Im Video kann man es sehen. Der Einsatzleiter, den Gendarmenstiefel immer noch auf der Hand vom jaulenden Schniedelskyj, der inzwischen irgendwelche schmerzlindernden Codes herunterbetet, die alle mit “F” anfangen – F 16, F 22, F 35  und so weiter -, schnauzt den frechen Schmähredner an, der den Knecht verleumden wollte. “Wem seine Angriffsrauferei, du Lügenbatzi!?” Als der eingeschüchtert  zurückwinselt “dem Knecht seine …”, haut ihm ein anderer Gendarm mit dem Gummiknüppel auf die Hand in der Bierlache auf dem Joe-Muller-Stammtisch, worauf er mit einem Schmerzensschrei aufspringen will, aber auf dem patschnassen Boden ausrutscht und mit dem Hinterkopf auf die Stuhllehne knallt. Die Wirtin kommt aus der Küche in die Wirtsstube gestürzt und schreit “Feuer! Feuer!”. Es hat aber nicht gebrannt. Die Wirtin wollte bloß die Aufmerksamkeit auf ein anderes Problem lenken. Es hat sich jedoch niemand mehr ablenken lassen, Feuer hin oder her. Es krachte und knallte, Stühle, Maßkrüge und Fäuste flogen. Kriegsgebrüll erfüllte die Gaststube, untermalt von viel Aua-Geschrei, wüsten Beleidigungen und Kampfgeräuschen.

Am Ende des Videos sieht man die wackeren Gendarmen zusammen mit dem Russenhofbauern, den aufrechten Traditionalisten und den alteingesessenen Brauchtumspflegern zusammen einträchtig am Zapfhahn der Theke stehen, wie sie sich zuprosten und zusammen singen “So ein Tag, so wunderschön wie heute”. Es sieht ein bißchen aus wie nach dem Krieg. Zwischen den Beinen schaut in Fußbodennähe mit einer gequälten Grimasse der Schniedelsky hervor und jammert etwas von Streumunition, Panzern und Phosphorbomben. Der Einsatzleiter steht noch immer auf seiner Hand. “Wauzl”, der Rauhhaardackel des Wirtes, kommt ins Bild gewackelt, stellt sich vor der Visage vom Aua-Schniedelskyj auf und hebt das Bein.

Frieden

Das alles sei jetzt ungefähr zwei Wochen her, erzählt der Knecht. Der Schniedelskyj habe sich über Nacht aus dem Staub gemacht. Der Hof vom alten Hiedler Adi stehe allerweil wieder zum Verkauf. Im Landsratsamt und im Bürgermeisteramt habe es eine Verhaftungswelle gegeben; der Landrat habe einen Haufen Geld in der Unterhose gehabt, die Joe Muller Ranch heiße wieder Müllerhof und würde vom Russenhofbauern mitbetrieben; der Müller Sepp sei bei Nacht und Nebel abgereist; seine “Follower”, wie sich die Mullertrolle genannt hatten, gingen nur noch beschämt gesenkten Hauptes durchs Dorf und getrauten sich nicht, einem von den Anständigen ins Gesicht zu schauen; die feministische Pfarrerin besaufe sich inzwischen mit dem ganzen Meßwein allein in der Kirche, während sich die Gemeinde in der Bergkapelle des Russenhofbauern zum Gottesdienst treffe, wo ein richtiger Pfarrer wieder das Ewiggültige predigt – kurzum: es herrsche wieder Frieden unten im Tal.

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Kapelle des Russenhofbauern – Foto Pixabay

Ich wischte mir die Tränen der Rührung aus den Augenwinkeln, klopfte dem Knecht auf die Schultern und sagte nur: “Halleluja.” Dann schenkte uns der Knecht noch ein Stamperl vom Obstler ein, wir stießen mit einem gemeinsamen “Gelobet sei der Herr” an, und dann verabschiedete ich mich. Es war ja alles noch einmal gut ausgegangen. Aber knapp war’s schon. Arschknapp.

 

 

 

 

 

 

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