Michel Friedman (Bild: shutterstock.com/Markus Wissmann)
Michel Friedman (Bild: shutterstock.com/Markus Wissmann)

Friedman hetzt wieder

Berlin – Wenn dieser Typ nicht hetzen kann, ist er wohl auch nicht glücklich: Der Publizist und Talkmaster Michel Friedman warnt vor einem zunehmenden Bedürfnis der Menschen nach autoritären und populistischen Führungsstrukturen. “Die Bundesrepublik war kein Tag ohne Nazis, kein Tag ohne die Fantasie, wieder zu autoritären Systemen zurückzukehren”, sagte der 67-Jährige der “Rheinischen Post” (Mittwochsausgabe). Solche Strukturen suggerierten, dass die Welt gar nicht so kompliziert sei.

Aber diese politischen Systeme seien nie im Bundestag politisch repräsentiert gewesen. “Mit der Wahl der Partei des Hasses ist ein qualitativer Tiefpunkt erreicht. Das ist keine Eintagsfliege mehr. Der Hass ist im politischen Debattenalltag angekommen”, so Friedman. “Die Wiederwahl der AfD bedeutet, dass es ein systemisches Problem geworden ist.” Mit der demokratischen Wahl einer “antidemokratischen Partei” sei diese aber nicht demokratisch geworden.

Aber sie sei “ein sehr gefährlicher Player geworden, weil es so aussieht, als ob das jetzt legitimiert ist, wenn der Hass in einer demokratischen Gesellschaft alltäglich hinausgepustet wird”, sagte Friedmann. Auch zweifelt er an der Wirksamkeit unserer sogenannten Erinnerungskultur. Bis zu den 1980er-Jahren war seiner Wahrnehmung nach die Verdrängungskultur von staatlichen Stellen größer als die Bereitschaft, sich zu erinnern.

“Wenn 40 Prozent der Jugendlichen in Deutschland heute nicht einmal wissen, was Auschwitz ist, wie soll es da eine substantielle Erinnerungskultur geben?”, so Friedmann. “In jeder Sonntagsrede hören wir den Satz: Wehret den Anfängen. Aber dieser Satz ist falsch, denn wir sind mittendrin.” Er habe sich immer gefragt, warum die Deutschen Oskar Schindler, der Friedmans Familie und vielen anderen Juden das Leben rettete, nicht zum großen Helden erklärt habe.

Bis ihm klar geworden sei, dass dieser Satz, Was kann man als Einzelner schon tun, schlichtweg am Beispiel von Oskar Schindler zusammengebrochen wäre. “Denn dann wäre die Frage aufgetaucht: Wenn Schindler das 1942/43 in Polen gemacht hat, warum hast du das 1935, 36 nicht in Düsseldorf, Köln und Frankfurt auch gemacht? Was daraus folgt, ist die Lehre: Erhebe Deine Stimme im öffentlichen Raum und engagiere Dich.” Michel Friedman soll am kommenden Sonntag im Düsseldorfer Schauspielhaus auftreten und zur Zukunft der Demokratie reden.

Friedman und die Demokratie. Zwei unversöhnliche Feinde. Also Ohren zu halten, wenn dieser Mann seinen Mund aufmacht. (Mit Material von dts)

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