Unaushaltbar: Joe Biden - Foto: mark reinstein/Shutterstock

Ukraine: Desinformation durch US-amerikanische Medienstrategen

Sehr viele der medial veröffentlichten Einschätzungen zur militärischen Situation in der Ukraine beruhen auf Veröffentlichungen des “Institute for the Study of War”. Dabei handelt sich um einen US-amerikanischen “Think Tank”, der offensichtlich mehr am Wohlwollen von Politikern interessiert ist als an der realistischen Darstellung der militärischen Situation.

von Max Erdinger

Wer die hiesigen Mainstream-Medien konsumiert, erfährt in Nebensätzen häufig, daß die gelieferten Nachrichten auf ukrainische Quellen zurückgehen. Die sind aber mindestens so zweifelhaft wie jede andere Quelle, die von Kriegsparteien stammen, egal, um welchen Krieg es dabei geht. Im Krieg stiort die Wahreit bekanntlch zuerst und wird durch Propaganda ersetzt. Daß im kollektiven Westen der Konsum russischer Quellen deutlich erschwert wurde, diente ja nicht dem Zweck, den westlichen Konsumenten vor Kriegspropaganda zu schützen, sondern dazu, mit der eigenen, der westlichen  Propaganda also,  erfolgreicher durchzukommen. Das läuft nach dem Motto: “Du sollst nicht denen Glauben schenken, sondern uns.” Dabei ließe sich Propaganda ganz gut durchschauen von erwachsenen Selberdenkern, aber nur dann, wenn sie den Überblick über die Propaganda aller beteiligten Seiten hätten. Die selbst hergestellte Meinung ist im Krieg aber die am wenigsten erwünschte. Und zwar in jedem Krieg. Im Dritten Reich wurde während des Zweiten Weltkriegs das Hören von “Feindsendern” hart bestraft. Kriegführende Regierungen brauchen keine informierten Bürger, sondern gläubige.

Was nun den Ukrainekrieg angeht, aus dem sich die USA lieber gestern als morgen zurückziehen würden, ist es sicher kein Zufall, daß eine bislang gern genommene Informationsquelle, das “Institute for the Study of War” (ISW), just in diesen Tagen der Medienöffentlichkeit zum Fraß vorgeworfen wird. Etliche der Informationen, die von dort kamen, scheinen eher analytischem Wunschdenken entsprungen gewesen zu sein, als einer tatsächlichen Faktenlage. Das wäre schon für die “Informiertheit” der Öffentlichkeit schlecht, aber wenn sich Politiker bei ihren Entscheidungen über Waffen- und Hilfslieferungen ebenfalls von den “Informationen” eines solchen “Thunk-Tanks” leiten lassen, dann wird es unnötigerweise lebensgefährlich und auch noch saumäßig teuer.

Die Kritik mehrerer westlicher Militärexperten am ISW hatte sich entzündet an der dortigen Darstellung der militärischen Lage am Dnjepr in der Gegend von Kherson. Das ISW hatte auf grobem Kartenmaterial ukrainische Gebietsgewinne sowohl auf der westlichen als auch auch auf der östlichen Seite des Flusses eingezeichnet, die realiter inexistent sein dürften. Das fragliche Gebiet ist zwar besiedelt, im allgemeinen aber von sumpfiger Natur. Der Sumpf wiederum ist der natürliche Feind schweren Geräts wie Panzer und Artilleriegeschütze welche sind. Tatsächlich dürfte sich dort eigentlich gar kein Militär aufhalten, weder russisches noch ukrainisches, wenn man von ein paar leichtbewaffneten Kämpfern einmal absieht.

Die Kritiker

So beurteilt das neben Nathan Ruser, einem Wissenschaftler am „International Cyber Policy Centre“, und dem Militärexperten Michael Kofman inzwischen auch der Journalist Neil Hauer, der unter anderem für den TV-Sender CNN arbeitet. Hauers Worten zufolge steckt aber nicht nur das  ISW, sondern auch das britische Verteidigungsministerium mit seinen täglichen Geheimdienst-Updates zur Ukraine in einem Dilemma. Letzteres, so Hauer, setze ebenso wie das ISW sinnfreie Spekulationen in die Welt, als handele es sich dabei um Fakten. Das Dilemma: In der Ukraine geht es allerweil nicht richtig “vorwärts”, und zwar weder für die russische noch für die NATO-Seite, offiziell also die ukrainische. Das Ganze ähnelt zur Zeit der festgefahrenen Situation im Ersten Weltkrieg, als sich Frontverläufe über Monate hinweg nicht oder nur kaum veränderten. In der Konsequenz wäre dann auch an der “Medienfront” eigentlich “Saure-Gurken-Zeit”, was naturgemäß schlecht ist für einen militärischen Think-Tank wie das ISW, der davon lebt, in der öffentlichen Wahrnehmung und bei der Presse als Informationsquelle nachgefragt zu sein. Beim ISW verteidigt man sich unterdessen gegen den Vorwurf, aus Gründen der Eigenprofilierung mit Phantasiegeschichten hausieren zu gehen, mit dem Argument, man betriebe schließlich militärische Studien und keine Berichterstattung. Worauf sich die Presse bezöge, seien Analysen und keine aktuellen Zustandsbeschreibungen.

Der Medienmarkt und seine Gesetzmäßigkeiten

In Wahrheit wird es wohl eher so sein, daß man als ISW oder als britisches Verteidigungsministerium einer Presse, die “veröffentlichungsgeil” ist in einem Krieg, der zugleich einen medialen Dauerbrenner darstellt, und die immer um Informationen nachfragt, schlecht über längere Zeit mit der Auskunft kommen kann, es gebe nichts Neues, ohne dadurch die eigene Popularität als Informationsquelle zu minimieren. Nichts ist schlimmer als die Irrelevanz. Die Konkurrenz auf dem Medienmarkt zwingt förmlich dazu, etwas über den Krieg zu bringen, auch wenn es nichts wirklich Neues zu berichten gibt. Hauptsache, man überläßt einer Medienkonkurrenz nicht “kampflos” das Feld, die durchaus auch Irrelevantes zur Sensation hochjubeln würde, um das vorhandene Interesse der Medienkosumenten an diesem Krieg zum Zwecke der eigenen Höherpositionierung bei den Leser- und Sendequoten zu befriedigen. In der Praxis bedeutet das, daß dann, wenn einer der Großen auf dem Medienmarkt damit anfängt, irrelevante Phantasiegeschichten von der Front zu veröffentlichen, die anderen gezwungen sind, mitzuziehen. Auch wenn es auf dem Schlachtfeld eine zeitlang nicht um Änderungen der “Gebietsanteile” geht, – auf dem Medienmarkt geht es die ganze Zeit um Marktanteile. Das ist vor, während und nach dem Krieg so –  und es ist sogar ganz ohne Krieg so.

Deshalb ist es auch eine Überlegung wert, inwieweit eine Medien- “Berichterstattung” über egal welchen Krieg Einfluß auf die tatsächliche Kriegsführung nimmt und welche politischen Entscheidungen sie allein dadurch schon beeinflußt, daß der Medienmarkt anderen Gesetzmäßigkeiten gehorcht als der Krieg selbst. Im Augenblick sieht es danach aus, als seien die “optimistischen Analysen” auf Seiten des “Wertewestens” nicht länger mehr erwünscht, da politischerseits die Notwendigkeit nicht länger mehr negiert werden kann, sich möglichst ohne zu heftigen Gesichtsverlust aus dem gescheiterten Ukraineabenteuer zu verabschieden. Die These vom zu vermeidenden Gesichtsverlust der verantwortlchen Politiker gewinnt Plausibilität, wenn man sich gleichzeitig überlegt, wie wenig mediales Interesse im “Wertewesten” an einer Berichterstattung über zwei einscheidende Kriegsereignisse der vergangenen Wochen vorhanden gewesen war, während heute offenbar “Nichtereignisse” zu “Ereignissen” hochgeschrieben werden.

Bumm!

Das erste: In der Nähe von Lwiw in der Westukraine soll vor etwa drei bis vier Wochen bereits ein NATO-Bunker über 100 Meter unter der Erde von einer russischen Kinzhal-Rakete zerstört worden sein. “Gerüchteweise” (?) hieß es, bei diesem Angriff seien bis zu 300 Todesopfer zu beklagen gewesen, darunter zahlreiche, auch hochrangige NATO-Offizielle, die dort eigentlich gar nichts zu suchen gehabt hätten.  Da werden Erinnerungen an das Stahlwerk in Mariupol und dessen weit verzweigtes Bunkersystem wach. Auch dort sollen sich zahlreiche NATO-Offizielle aufgehalten haben – und Frankreichs Präsident Macron, so sickerte damals durch, habe in Moskau persönlich interveniert, um eine Evakuierung von NATO-Kräften  aus diesem Bunker zu erreichen. Damals wurden von Russen nacheinander angeblich zwei Hubschrauber über dem Asowschen Meer abgeschossen, die mit der Evakuierung westlicher Militärs begonnen hatten. Dieser Tage dreht übrigens eine russische Filmcrew eine Spielfilm-Doku über die Befreiung von Mariupol vor Ort. Das zweite Ereignis: Vor vier Tagen flog ein riesiges Waffendepot in Chmelnizki/Westukraine in die Luft, während Selenskyj auf Westeuropa-Tour gewesen ist, ohne daß das die Berichterstattung über seinen Besuch in Berlin “überschattet” hätte. Dabei sollen Uranmunition aus Großbritannien sowie aus Deutschland gelieferte Leopard-Panzer samt Munition im Wert von mehreren -zigmillionen Euro vernichtet worden sein.

Chmelnizki
Explosion in Chmelnizki am 13.05.2023 – Screenshot Facebook

Auf Seiten der USA inzwischen bestätigt: Eine Hyperschallrakete vom Typ Kinzhal hat einen in Kiew stationierten Flugabwehrkomplex vom Typ Patriot erfolgreich vernichtet. Zur Ablenkung erreichten zeitgleich 18 konventionelle Raketen die ukrainische Hauptstadt, die “geopfert” wurden, um den Schlag gegen das Hauptziel zu ermöglichen. Und während die “BILD” behauptet, Russen hätten Artjomowsk (Bachmut) inzwischen zu 99 Prozent eingenommen, heißt es in der “F.A.Z.”, die Ukrainer hätten die Russen in Artjomowsk eingekesselt. Generellauffällig am Ukrainekrieg ist, daß auf ukraiischer Seite während des gesamten Krieges keine Frontberichterstatter zugelassen worden waren. Dementsprechend drollig waren die westlichen “Reportagen von der Front”. Anhand der Bildhintergründe war oft zu erkennen, daß die “Reportagen” entweder von weit hinter der Front gekommen sind, oder aber, daß überhaupt keine Gefahr bestanden haben kann, egal wie dramatisch bspw. ein Ronzheimer unter seinem Helmchen hervor in die Kameras guckte. Ofenrohre wurden als Raketen präsentiert, Überreste irgendwelcher Kleinraketen als die Überreste einer Kinzhal usw.usf.

Auf alle Fälle spiegeln die widersprüchlichen Meldungen aus der Ukraine, die im Westen erscheinen, den Konflikt wieder, der in den USA angeblich zwischen Weißem Haus und Neocons auf der einen Seite – und dem Pentagon samt den Geheimdiensten auf der anderen Seite herrscht. Offenbar will sich die US-Regierung partout nicht an den Gedanken gewöhnen, daß das Ukraineabenteuer gescheitert ist.

 

 

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