Es ist Zeit für Body Negativity!


plsudei
Woke Plus-Size-Models als neues Schönheitsideal? (Symbolbild:Imago)

Ein wenig mehr auf den Rippen zu haben, sollte einen nicht davon abhalten, selbstbewußt zu sein. Aber ein paar Fakten sollte man dennoch nicht ausblenden – und die zeitgeistbedingte Vereinnahmung ist ebenso nervig wie schädlich. Vor einigen Wochen hat bei “Germany’s Next Topmodel” (GNTM) eine Dicke gewonnen. Die glückliche Gewinnerin der Sendung heißt Vivien. Ich hatte das zuerst ehrlich gesagt gar nicht mitbekommen, erfuhr es dann aber aus den schwedischen Medien (da es sich alleine schon empfiehlt, Moderatorin Heidi Klum zu entkommen, verirre ich mich beim Zappen in diese Show höchstens einmal dann, wenn auf den öffentlich-unrechtlichen Sendern mal wieder zuviel “gedschändert” wird).

Diese Entwicklung war deswegen unvermeidbar, weil schon seit ein paar Jahren Übergewichtige die Medien an ungewohnten Stellen unsicher machen. So tanzt zum Beispiel auch jeweils mindestens eine Dicke in den Musikvideos “Stupid Love” von Lady Gaga oder “Where Did You Go?” von Jax Jones feat. Mnek mit (die Dame beim Shanty “Wellerman” von Nathan Evans geht ja noch). Das sind zwar großartige Pop-Stücke, aber warum dort unbedingt solche Figuren mittanzen müssen, erschließt sich einem nicht – mit Ausnahme eben dieses einzigen Grundes: Dass es eine Welle der Wokeness ist, die uns heimsucht.

Euphemismen sind bereits verdächtig

Ich benutze das Wort “dick” hier in der Hoffnung, daß mir niemand diese Direktheit übelnimmt. Es gibt auch diverse beschönigende Konkurrenzausdrücke, aber die versteht ja wieder keiner (oder zumindest nicht auf Anhieb), unter anderem beispielsweise “kurvig” / “curvy” (gegen Kurven ist ja nichts zu sagen, stimmt’s?), “plus-size” (es muß anscheinend Englisch sein) oder, besonders irreführend, “weiblich” (als ob andere Körperformen weniger weiblich wären). Man merkt schon an der Sprache: Wenn etwas nicht direkt als solches benannt werden darf, ist etwas faul.

Fast schon shitstormartig äußerten sich Kommentatoren im Internet zum Ausgang der GNTM-Staffel. Aber was ist in deren Köpfen genauer los? Dahinter stecken natürliche Zusammenhänge. Dicke können nicht weglaufen, wenn es brenzlig wird, oder auch schwerer kämpfen. Da sitzt in uns noch die Beurteilung aus der Steinzeit in den Knochen, gemäß der wir die Befähigung zu Flucht oder Kampf eben wichtig finden. Außerdem werden Übergewichtige bekanntlich eher krank; die Gesundheitsgefahren müssen hier nicht im Einzelnen aufgezählt werden. Schließlich haben Dicke eine geringere Lebenserwartung. Zwar hat das Übergewicht auch Vorteile, denn kommen ein paar schlechte Tage oder eine Hungersnot, dann zehrt man von seinen Fettreserven. In Afrika wurde anscheinend zu manchen Zeiten in einigen Gegenden wohl deswegen dem Übergewicht gehuldigt. Unterm Strich ist aber wohl doch der normalgewichtige Körper im Vorteil. Das spüren wir alle, weil dieses unterbewusste Normempfinden Teil unseres evolutionären Erbes ist. Derlei Zusammenhänge wurden von den GNTM-Machern jedoch wohl übersehen; der woke Zeitgeist war – wie so oft – stärker. Die Mode könnte schon durch sein, sie ist es aber im Sommer 2023 anscheinend noch nicht. Bei den Nazis wurde bekanntlich das Kraftvolle, Gesunde verherrlicht – in einer Weise, die abstoßend und gefährlich wurde. Heute ist es genau umgekehrt: Es wird alles krankhaft abgefeiert, was möglichst von der Norm abweicht.

Body Positivity ist nicht an sich falsch

Dicke sollen und dürfen ruhig auch Selbstbewusstsein haben; dieses soll man ihnen nicht ausreden wollen. Keineswegs soll das hier bestritten werden. Selbstbewusstsein ist immer gut und kann die Voraussetzung für vieles sein, was man im Leben vorhat (übrigens auch dazu abzunehmen, wenn man möchte.) Auf dieser Grundlage entstand vor ein paar Jahren die Idee der Body Positivity – denn es wäre in der Tat noch schlimmer, wenn sich zu dem dicken Körper dann auch eine dauerhaft unglückliche Seele gesellt. Die sinnvollen Wurzeln der Body Positivity hat besonders anschaulich Tamara Wernli herausgearbeitet. All dies ist zwar richtig; jedoch – und das führt auch Wernli aus – sind hier noch mehr Aspekte im Spiel: Bei aller Toleranz muß auch der direkte Hinweis erlaubt sein, daß es irgendwann ungesund wird, wenn man sich zuviel Übergewicht zulegt. Deswegen ist Wernli voll und ganz beizupflichten für ihren Satz: “Ich bin für Diversität bei Körpertypen in der Öffentlichkeit, aber ich bin auch für Ehrlichkeit.” Übergewicht wird heutzutage im politisch korrekten Mainstream nur aus einem einzigen Blickwinkel diskutiert – eben dem der Body Positivity. Da ist es Zeit für eine Ergänzung, die ich scherzhaft Body Negativity taufen möchte. Meine persönliche Erfahrung mit ein paar Kilos mehr war diese: Man hat weniger Biss und kann schwerer etwas erreichen – sowohl im rein physischen als auch im übertragenen Sinne.

Selbstverständlich gehören Dicke zur Gesellschaft dazu wie alle andere Typen auch. In vielen Situationen, so etwa für gewöhnlich im Berufsleben, spielt das Körpergewicht ja auch gar keine Rolle. Ob jedoch wirklich jeder Bereich demonstrativ und penetrant vom unbedingten “Dazugehören” ergriffen werden muß – also auch Schönheits- und Dating-Shows oder das Musikbusiness -, ist eine völlig andere Frage. In den genannten Spezialbereichen geht es ja auch um Erotik, Lebensbejahung und Attraktivität – und aus den oben ausgeführten Gründen sind Dicke, ehrlich gesagt, aus der Perspektive der meisten Menschen weniger attraktiv. All das Gerede von Antidiskriminierung wird an dieser Tatsache nichts ändern können.

Das andere Extrem ist kein Argument

Auch in der Politik fällt ins Auge, wer sich da so alles exponiert: Bei Ricarda Lang, immerhin Co-Chefin der Grünen, und einigen anderen verfestigt sich der Eindruck: Sie wollen zwar das “Klima”, den sogenannten “Rechtsextremismus” oder ihre politischen Gegner unter Kontrolle bekommen – aber bei ihren eigenen Körpern gelingt ihnen das nicht. Natürlich kann man Ricarda Lang statt mit dem Zentimetermaß auch an ihren Äußerungen messen… aber da schneidet sie auch nicht besser ab.

Eine Entgegnung, die einem angesichts der hier vorgetragenen Argumentation manchmal begegnet, ist: Die Hungerhaken in der Modelwelt sind auch keine Vorbilder. Wahr ist, daß diese extrem dünnen Models lange in der Branche einen Hinweis auf ein Problem darstellten, und manchmal ging diese Erscheinung wohl einher mit Magersucht. Dies ist jedoch ein deplaziertes Argument, denn vom anderen Extrem war gar nicht die Rede: Selbstverständlich ist auch ein drastisch abgemagerter Körper nicht erstrebenswert. Kein Mensch, der die “Diversity”-Manie kritisiert oder aufs Korn nimmt, will stattdessen das ebenso ungesunde Dünne propagieren. Er will sich vielleicht nur für ein Normalgewicht aussprechen. Und ich gehöre nicht zu den Pingeligsten: Ein kleines bißchen dick ginge ja noch bei einem Model – warum nicht. Aber nur ein wenig. Und durch den Dicken-Hype kommt es noch zu einem unseligen Nebeneffekt: Die Leute werden nicht mehr vor dem Gefahren der Adipositas gewarnt. Es wird statt dessen das Scheinbild aufgebaut, alles sei nur super. Wenn dennoch ein Problem besteht, sind immer die anderen schuld: Die, die “diskriminieren”, sind nicht” tolerant” und noch nicht in ausreichendem Maße umerzogen worden. Es wird also der Schwarze Peter auf die Gesellschaft geschoben – eine scheinbar entlastende, aber sehr stark vereinfachte Sicht auf die Welt.

Der Unsinn ist Teil eines Unsinnskomplexes

Ganz ähnlich wird ja auch nicht vor Geschlechtsumwandlungen gewarnt – sondern auch da ist angeblich alles super, und wenn nicht, ist der Rest der Welt schuld. GNTM ist nun auch diesen Weg der Wokeness mitgegangen: Neben den Dicken mussten auch dort ja bereits “Umgebaute” mit rein. Es muß alles “divers” sein. Gegen Frauen mit Migrationshintergrund aus aller Welt ist dabei nichts zu sagen; Schönheit gibt es überall. Nun läuft GNTM immerhin im Privatfernsehen – die können senden, was sie wollen. Sie sollten aber nicht in dem Glauben leben, daß es der Clou sei, eine Übergewichtige zur Siegerin zu küren. Die Macher der Sendung meinten anscheinend, eine geniale Idee gehabt zu haben, aber diese ist schon recht abgenutzt. Die Zuschauerzahlen von GNTM sind übrigens am Sinken, und damit bewahrheitet sich mal wieder der Spruch “go woke, go broke”.

Die Überzeugung “Alle sind gleich” ist eine Ideologie. Es ist wahr: Alle haben in einer Demokratie gleiche Rechte, und das ist richtig so – aber nicht die gleichen Eigenschaften und Qualitäten. Das ist nicht dasselbe. Homosexuelle sind nicht “gleich” mit Heterosexuellen in dem Sinne, daß erstere keine zueinander passenden, komplementären Geschlechtsteile haben und folglich auch keinen Nachwuchs zeugen können. Transfrauen sind nicht das gleiche wie biologische Frauen. Dicke sind weniger geeignet für eine Schönheitsshow als Menschen, die Schönheitsidealen entsprechen. Alles eigentlich ganz banal. Wir brauchen die identische Grundrechte als konstitutives Element unserer Demokratie – aber das heißt nicht, daß alles dasselbe ist oder immer gleich gut klappt. Der Sinn von Sendungen wie GNTM kann natürlich ganz prinzipiell hinterfragt werden. Wenn eine Show aber schon stattfindet – was in einer freien Gesellschaft ja unbenommen ist -, dann wäre es erträglicher, wenn sie sich auf tatsächliche Schönheit beschränkte, oder wenn zumindest ein gewisser Rahmen bewahrt bliebe – da die Meinungen über Schönheit doch sehr auseinandergehen können. Es sollte jedenfalls wieder vermittelt werden, dass es durchaus sinnvoll ist und auch Spaß macht, auf seinen Körper ein wenig zu achten.

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