AfD-Sympathieträger: Martin E. Renner - Screenshot Facebook / Martin E. Renner

Dachschaden & Einbildung: Politologe analysiert den AfD-Wähler in der “taz”

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Philipp Rhein gilt als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Kassel. In der “taz” gibt er zum Besten, was er recht analytisch über das Wesen des AfD-Wählers herausgefunden haben will. Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückanalysiert.

von Max Erdinger

Es kommt immer so harmlos daher: Jemand ist “wissenschaftlicher Mitarbeiter”. Dabei ist es längst so in Deutschland, daß man unterscheiden müsste zwischen Wissenschaft und Agendawissenschaft. Deswegen müsste man auch zwischen dem wissenschaftlichen – und dem agendawissenschaftlichen Mitarbeiter unterscheiden. Der Wissenschaftler forscht ergebnisoffen, der Agendawissenschaftler bemüht sich um agendawissenschaftliche Belege für die a priori unterstellte Richtigkeit ideologischer Postulate. Es ist verständlich, daß Agendawissenschaftler ungern als solche bezeichnet werden wollen. Da aber auch das “Institut für Politikwissenschaft der Universität Kassel” auf die Mittel aus der “Wissenschaftsförderung” schielen dürfte – und weil die ihrer Höhe nach und überhaupt von Politikern beschlossen werden, findet der Agendawissenschaftler tunlichst das heraus, was seinen Geldgebern gefällt. Das ist ein unschöner Sachverhalt. Weil er unschön ist, werden die Agendawissenschaftler medial gern bei “die Wissenschaft” einsortiert. Damit sie nicht unangenehm aufallen. Bei den zivilreligiösen Gläubigen der Gegenwartsgesellschaft wiederum genießt “die Wissenschaft” in etwa denselben Status wie früher “die Kirche”. Der Prediger von früher ist heute “Experte”. Darum lasset uns nun – gemeinsam! – lauschen den Worten des Experten. Es handelt sich um ein sagenhaft dämliches Geschwätz. Es ist so derartig dämlich, daß es schon wieder ein Faszinosum darstellt. Weswegen ich mich auch damit befasst habe.

Wochentaz: Sie haben detailliert die Zukunftsvorstellungen von AfD-WählerInnen analysiert. Warum haben Sie diesen Ansatz gewählt?

Philipp Rhein: Wissenschaft und Öffentlichkeit haben sich in den letzten Jahren stark auf die Ideologie der AfD und ihre Politiker fokussiert. Die handlungsleitenden Orientierungen und Selbstbilder, Biografien und kollektiven Erfahrungen ihrer WählerInnen gerieten aber kaum in den Blick. Für meine Studie habe ich daher 17 mehrstündige, narrative Interviews mit sozio-demografisch sehr verschiedenen Personen geführt: mit Frauen, Männern, mit Wohlsituierten sowie Prekarisierten, die meisten aus Baden-Württemberg.

Ha-ha-ha, die “taz”: Warum keine Pauschalanalyse? Warum ausgerechnet eine detaillierte als “Ansatz” so, Sie Wissenschaftler? Und wieso überhaupt “Sie”? Sollte da eine kritische Distanz zwischen Fragensteller und Antwortgeber simuliert werden, die es im Privaten gar nicht gibt? – Ey du, Philipp, “narrier” mir doch ma’, warum deine Analyse so detailliert ist, ansatzmäßig so – irgendwie.

Der politikwissenschaftliche Linksphilipp dann … – ich wusste es vorher: “Die Wissenschaft …“. Ja-ja-ja, die Wissenschaft, nicht die Agendawissenschaft. Aber gut. Die Agendawissenschaft und die Öffentlichkeit haben sich also stark auf die Ideologie der AfD und ihre Politiker fokussiert. Ist es die Möglichkeit? Da fehlt doch etwas? Erstens: “Gemeinsam”. Die Agendawissenschaft und die Öffentlichkeit haben sich “gemeinsam!” fokussiert. Zweitens: Die AfD-Politiker und ihre Wähler haben sich – ebenfalls: “gemeinsam!” – fokussiert. Und zwar pauschal auf die Agendawissenschaftler und ihre politischen Geldgeber. Weil es bei einem pauschalen Fehler egal ist, zu welchem Schwachsinn er im Detail führt. Der AfD-Wähler weiß genau: Daß im Deutschen heutzutage kein Satz mehr ein schöner Satz ist, wenn er nicht an irgendeiner Stelle ein “gemeinsam” enthält, ist einem agendamedialen Systemfehler im Detail geschuldet. Es versteht sich von selbst, daß “gemeinsam” ein unerläßliches Wort ist in jedem Gesinnungskollektiv. Ein Gesinnungskollektiv, das nicht von “gemeinsam” spricht, möchte höchstwahrscheinlich vermeiden, als Gesinnungskollektiv wahrgenommen zu werden. Daß es sich beim “taz”-Interviewer und dem Antwortengeber um das Detail eines Gesinnungskollektivs handelt, darf man getrost unterstellen, wenn man die Agenda kennt, welcher die “taz” von Beginn an folgte.

Nein-nein, in diesem “taz”-Interview ist es nicht so, daß eine kritische Distanz zwischen dem Fragensteller und dem Befragten bestünde. Vielmehr führen sie ein Gespräch “gemeinsam”, dessen Absicht schon vor Gesprächsbeginn festgestanden hat. Die beiden Genossen gedachten, sich selbst als jene Norm zu präsentieren, der es zusteht, über die AfD, ihre Politiker und deren Wähler in einer Weise zu sprechen, als seien die die Absonderlichen – und nicht sie selbst. Ein schlecht verschleierter Statusputsch in Wolkenkuckucksheim. Die AfD liegt in Umfragen derzeit meistens auf Platz zwei, oft auch auf Platz eins. Das wiederum nimmt jedem linksdrehenden Agendawissenschaftler die Glaubwürdigkeit, der so tut, als habe er “ansatzmäßig detailliert” ein paar randständige Exoten “analysiert”.

Die “Ideologie der AfD”

Die AfD ist bekanntlich eine Partei, in der heftig miteinander gestritten wird. Es ist also allein deshalb schon verfehlt, von einer (in Zahlen: 1) Ideologie der AfD zu reden. Was die Politiker, Parteimitglieder und Wähler der AfD jedoch eint, ist ihre Ablehnung der herrschenden Ideologie jener stocktotalitären Linken, die in der “taz” ihr Leib- & Magenblatt erkennt. Es gibt inzwischen Millionen von AfD-Wählern in ganz Deutschland. Wie sieht aber die “detaillierte Analyse von AfD-WählerInnen” des pseudowissenschaftlichen Mitarbeiters vom Institut für politische Agendawissenschaft der Universität Kassel aus? Er hat sage und schreibe 17 (!) “narrative Interviews” (!) mit “sozio-demografisch sehr verschiedenen Personen” geführt. Die “meisten von 17 Narrativinterviewten” kamen dabei aus Baden-Württemberg. Die “detaillierte Analyse” also: Er hat sich mit ein paar völlig verschiedenen Leuten aus Baden-Württemberg unterhalten. Die haben ihm etwas “narriert”, also erzählt. Ganz klar: 17 völlig verschiedene Leute erzählen etwas – und die “wissenschaftliche Erkenntnis” daraus ist, daß Millionen von AfD-Wählern und Politikern der AfD ein- und derselben Ideologie folgen. Wenn das mal nicht irre wissenschaftlich, noch irrer detailliert und am irrsten logisch ist im mysteriösen Ansatz, dann weiß ich aber auch nicht. In Wahrheit ist es so, daß Millionen von AfD-Wählern gegen eine bestimmte Minderheit von abgehobenen und eingebildeten Klugscheißern sowie deren Ideologie stehen, nicht für eine.

Und überhaupt

Das ganze Interview der beiden Schwellredner in der “taz” ist der Beweis dafür, daß die von AfD-Politikern völlig zu Recht so beklagte Bildungskatastrophe, wie sie sich etwa in der Tatsache manifestiert, daß es im Jahr 2023 zehnmal mehr Abiturienten gegeben hat als im Jahre 1973, inzwischen im Berufsleben von Erwachsenen angekommen ist und dort erbarmungslos zuschlägt. Es geht nur noch darum, genau das zu verschleiern. Deshalb gibt es Formulierungen wie die vom “narrativen Interview”. “narrare” (lat.) = “etwas erzählen”. Das ist es, worum es im Interview geht. Einer fragt – und der andere erzählt dann etwas. Eine Analogie zum “narrativen Interview” wäre das “gefrorene Eis” oder die “weibliche Frau”.

Der Agendawissenschaftler: “Die Zukunftsvorstellungen meiner InterviewpartnerInnen umfassen keine konkreten politischen Visionen oder Utopien, sondern sind äußerst bilderarm. Sie sind eigentlich nur definiert durch eine sehr abstrakte Negation des Status quo. Die Jetzt-Zeit wird durchweg als Katastrophe wahrgenommen. Für meine InterviewpartnerInnen ist die „Normalität“, die meist auf die Lebensform einer heterosexuellen Kleinfamilie bezogen ist und auf weißen, deutschen Identitätsprivilegien beruht, abhandengekommen; Krise ist zum Dauerzustand und Zukunft zu einem Bedrohungsszenario geworden. Sie blicken auf die Welt mit apokalyptischen Bildern und vertreten Endzeitdystopien.” – vollkommene Verblödung im “narrativen Interview”. “Bilderarme Zukunftsvorstellungen ohne konkrete politische Visionen oder Utopien”: Mit anderen Worten: Der agendawissenschaftliche Mitarbeiter hat 17 Realisten interviewt und keine 17 Traumtänzer seiner Sorte. Die “Jetzt-Zeit” hieß früher noch “Gegenwart”. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Nicht “Vorbei-Zeit”, “Jetzt-Zeit” und “Später-Zeit”. Was die Gegenwart ist, hängt auch nicht davon ab, wie sie jemand wahrnimmt. Sie ist, was sie ist: Eine Katastrophe in der Zeit. Das läßt sich beweisen. Es gibt Daten und Statistiken, die eine objektive Beurteilung der Gegenwart im Vorher-Nachher-Vergleich ermöglichen. Wer behauptet, “bilderarme Zukunftsvorstellungen” seien “eigentlich nur definiert durch eine sehr starke Negation des Status Quo”, der behauptet dann, wenn er das als negativ konnotiert verstanden wissen will, daß sich unklug verhält, wer in der Vergangenheit nach den fehlerhaften Weichenstellungen schaut, derentwegen die Gegenwart zur Katastrophe werden musste. Für Heerscharen deutscher Soziologen, Politologen und Sozialpsychologen wäre es in der Tat äußerst nachteilig, wenn jemand zutreffend die fehlerhaften Weichenstellungen in der Vergangenheit identifiziert und sie selbst dadurch als das groteske Resultat einer ideologisch verursachten Fehlentwicklung sichtbar werden würden. Eine informierte Mehrheit könnte sich dazu entschließen, den agendawissenschaftlichen Mitarbeiter an der Universität in Kassel in seiner ganzen schädlichen Überflüssigkeit nicht länger mehr mit ihren Steuergeldern zu mästen.

Eine Normalität, “die meist auf die Lebensform einer heterosexuellen Kleinfamilie bezogen ist und auf weißen, deutschen Identitätsprivilegien beruht“, ist zweifellos wirklich “abhandengekommen“. Abhandengekommen ist sie allerdings deshalb, weil diese Normalität – leider “erfolgreich” – bekämpft worden ist von genau den Politologen, Soziologen und Sozialpsychologen – kurz: den grotesken Agendawissenschaftlern -, die mit dem Erstarken der AfD um ihre wirtschaftliche Existenz fürchten müssten, wenn sie selbst Realisten wären. Das erklärt die ganze Panik der agendawissenschaftlichen Schwellredner. Ihre unsubstantiierten Sprechblasen drehen sich um sie selbst und um sonst gar nichts. Derartig mit dem Klammerbeutel gepudert müsste der Realist sein, daß er hernach keiner mehr wäre, wenn er sich darauf einließe, sich ausgerechnet von ideologiegetriebenen Agendawissenschaftlern und deren “konkreten Visionen” oder “Utopien” eine “bessere Zukunft” an die Wand malen zu lassen. Die Zukunft der Sterblichen wird außerdem mit zunmehmendem Alter immer kürzer – und sie haben keine Veranlassung, sich den Rest ihres je persönlichen Lebens von kollektivistischen, siebengescheiten Zukunftsschwätzern vermiesen zu lassen. Zukunft ist hauptsächlich etwas für die Zukünftigen, weniger etwas für die Gegenwärtigen, auch wenn die Übergänge fließend sind.

Was sich Deutsche heutzutage in ihrem eigenen Land – und es ist ihres! – als “die Wissenschaft” andrehen lassen sollen, ist keine Evolution von Wissenschaft, sondern ihre Degeneration. Das böse Wort von den “Geschwätzwissenschaften” ist schließlich nicht vom Himmel gefallen. Das heißt, daß das Bessere tatsächlich in der Vergangenheit liegt. Und zwar genau an dem Punkt in der Vergangenheit, an dem die Wissenschaft definiert wurde als das, was sie zu sein hätte: In Bewegung, ergebnisoffen, im Dissens und ständig auf der Suche. Die “bilderarmen Zukunftsvorstellungen” der 17 visions- und utopielosen, meist baden-württembergischen AfD-Wähler, die “detailansatzmäßig” repräsentativ sein sollen für Millionen von AfD-Wählern in ganz Alternativdeutschland, sind ja noch nicht komplett “bilderlos”. Eine positive Zukunftsvorstellung haben sie alle gemeinsam als Bild im Kopf: Auf diesem Bild ist zu sehen, wie heulende und klagende Agendawissenschaftler geteert & gefedert aus den “Instituten” und den “Instutitionen” gejagt werden. Schluß mit den weißen, deutschen Agendawissenschaftsprivilegien!