Die Reaktionen auf den inzwischen von ihm wieder zurückgezogenen Mitgliedsantrrag von Ali Utlu zeigt leider: In der AfD sind tatsächlich unerträgliche rechtsextreme U-Boote am Werk (Foto:ScreenshotYoutube)

Die neuen Hardcore-Konvertiten bei AfD und Rechten: Schulter- und Zirkelschluss auch mit Islamisten

Sowohl in der AfD als auch in ihrer Jugendorganisation hat sich in Teilen ein völkischer Nationalismus etabliert, der sich in offener Bewunderung für den radikalen Islam ergeht. Irrwitzigerweise gehen einige davon aus, dass es sich bei konservativen Muslimen um konservative Brüder im Geiste handelt, die im Kern gleiche Wertvorstellungen haben. Dies äußert sich nicht nur in flammenden De-facto-Apologien von bislang hochrespektablen Feuilletonisten für das Vorgehen der Hamas gegen Israel, die zum moralisch legitimen Befreiungskampf gegen einen Landräuber und Usurpator von Gnaden des verhassten Wertewestens hochstilisiert werden, sondern auch noch auf eine anderen Ebene – gerade was die AfD anbelangt. Besonders schmerzlich erfuhr dies der homosexuellen türkischstämmige, nachgerade genialische kritisch-alternative Blogger Ali Utlu in den Reaktionen auf seinen angekündigten AfD-Beitritt. Marvin T. Neumann, der frühere Chef der Jungen Alternative (JA), kommentierte diesen mit den Worten: „Es gibt schon Alis, die die AfD wählen. Nur sind das genau jene, gegen die Utlu jeden Tag wettert.“ Als die Jesidin Ronai Chaker, die mit dem AfD-Abgeordneten Martin Sichert verheiratet ist, auf Twitter erklärte: „Freue mich über jede islamkritische Person, die der AfD beitritt und einem Marvin zeigt, wo er hingehört“, brach ein Sturm der Entrüstung über sie herein. Nils Hartwig, der Co-Vorsitzende der JA, sprang Neumann zur Seite und schrieb an Utlu und Chaker: „Er  (Neumann) gehört in die AfD und ihr abgeschoben.“

Chaker, die einer vom Islam verfolgten Minderheit angehört und Utlu, der sich seit Jahren gegen den Islam einsetzt, sind Teilen der AfD also nicht gut, reinrassig und unverdächtig genug; dafür biedert man sich lieber radikalen Muslimen an. Welch groteske Blüten dies treibt, zeigt leider auch ein bizarres Video des bisher hoch angesehenen AfD-Europaabgeordneten Maximilian Krah, in dem dieser sich nicht entblödet, den türkischen Präsidenten Erdogan zu hofieren. Dessen Bilanz könne sich “sehen lassen”, schwärmte er. Deutsche Politiker würden Erdogan nicht mögen, weil er sich “für türkische Interessen” einsetze. Wenn sie sich für deutsche Interessen einsetzen würden, hätten sie auch “kein Problem mit Erdogan”. Man brauche, so Krah weiter, deutsche Politiker, die sich für deutsche Interessen einsetzen würden und die dann „Diplomatie“ mit türkischen Politikern betreiben würden, die sich für türkische Interessen einsetzen würden. Deutschland und die Türkei seien „seit Jahrhunderten befreundet“ schwadronierte er. An diese Partnerschaft wolle man anknüpfen.

Groteske Verkürzung

Diese groteske Verkürzung, die auf demselben Niveau liegt wie die steile These, die Hamas verträte palästinensische Interessen, zeugt von einer erschreckenden Inferenz und/oder Realitätsblindheit des Dresdner Rechtsanwaltes. Denn dass Erdogan nicht einfach türkische Interessen vertritt, sondern vor allem seine eigene Familie und seinen Clan reichgemacht hat; dass er die Türkei von der durch ihn fraglos zeitweise erreichten wirtschaftlichen Blüte in die perspektivische Isolation und wirtschaftlichen Ruin triebt; und dass er vor allem ernsthaft das Osmanische Reich wiedererrichten will, also einen aggressiven Nationalchauvinismus betreibt, der auch die in Deutschland lebenden Türken als seine Expansionstruppen betrachtet: All das ist dem Traumtänzer Krah entweder nicht bewusst – oder er befürwortet diese Art von Nationalismus ernsthaft, was ihn ebenso anachronistisch und in der Tat politisch zweifelhaft erscheinen lässt wie die Fundamentalisten der Islamisten oder völkisch-identitären Ewiggestrigen im Westen. Ihm sollte klar sein, dass Erdogan garantiert nicht mit deutschen Politikern verhandeln will: Er bringt Deutschland nichts als Verachtung entgegen, wie er bei seinem kürzlichen Besuch erst wieder eindrucksvoll demonstrierte. So einer ist kein Vorbild – schon gar nicht für eine wünschenswerte selbstbewusstere deutsche Politik der eigenen Interessen.

Nicht nur in den freien Medien, auch in der AfD bilden sich derzeit völlig absurde Querfronten: Völkische, die rein gar keine Migranten wollen und tatsächlich nach dem Abstammungsprinzip à la Ariernachweis argumentieren, die ausländischstämmige Mitbürger – seien diese auch noch so gut integriert – mit echten rassistischen oder ethnischen Vorurteilen belegen, feiern aus zwar heterogenen, aber letztlich gleichermaßen absurde verkürzten Motiven Erdogan, Graue Wölfe und sogar die Hamas, sehen diese als Verbündete in ihrem Hass auf ausnahmslos alles liberal-westliche und wertebasierte, das sie inzwischen mit Multikulti und Multilateralismus gleichsetzen, und halten solche Gruppen tatsächlich für konservative Patrioten im westlichen Sinn – obwohl es nicht die allergeringsten Gemeinsamkeiten gibt. Man kann nur hoffen, dass dieser Trend in der Partei nicht voranschreitet, sonst läuft die AfD Gefahr, ihr derzeitiges Umfragehoch schnell wieder zu verspielen. Utlu jedenfalls hat seinen Mitgliedsantrag inzwischen zurückgezogen. (TPL)

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