Nicole Höchst MdB; Bild: Nicole Höchst
Nicole Höchst (MdB) vom AfD-Landesverband Rheinland-Pfalz

Höchst brisant: Krieg und christliches Gewissen

Unerträgliches Schwarz-Weiß-Denken, die Unterteilung in Gut und Böse und die Illusion, durch stetiges militärisches Eskalieren den Frieden erzwingen zu können, verunmöglichen jede vernünftige Debatte zum Ukraine-Krieg – mit verheerenden Folgen für uns alle / von Nicole Höchst

Freiheit und Verantwortung, Krieg und Frieden: Diese Begriffe haben immer auch viel, sehr viel mit christlichem Glauben zu tun, da wir uns hier im Bereich der Verantwortungsethik befinden. Kriege und die fanatische Unterstützung solcher erwachsen leider aus Haltungen, die einer Gesinnungsethik entspringen. Sie tarnen sich mit Christlichkeit und Nächstenliebe – und üben sich in satanischer Umkehr der Ursprungsbedeutung.

Die Gesinnungsethik interessiert sich naturgemäß nicht für die Folgen ihrer Haltungsposen. Sie vertritt Schwarz-Weiß-Denken, wobei sich die Poser selbstverständlich auf der Seite des ewigen Guten verorten und sich somit von vorne herein selbst die Absolution für alle erdenklichen Perversionen und auch rechtlichen Unmöglichkeiten erteilen. Schließlich kann aus dem vorgeblich Guten ja per se nichts Schlechtes erwachsen, oder?

Antidemokratische Methoden

Diese Unterteilung in Gute und Böse hat noch eine weitere Komponente: Man kann immer und jederzeit, ohne Argumente vorbringen zu müssen oder den Rechtsweg einzuhalten, sofort und unverzüglich Vorverurteilung und zur Dämonisierung Andersdenkender schreiten, denen die Rolle der „Kritiker“ versagt bleibt – weil sie sofort als „Feind“ gebrandmarkt werden. Das ist natürlich sehr praktisch; denn zur Bekämpfung von vermeintlichen Feinden können ganz andere Geschütze zum Einsatz gebracht werden, als wenn man den Umweg über eine ehrliche, demokratische Debatte nehmen muss. Mit Demokratie hat ein solches Vorgehen nur noch im Allerentferntesten etwas zu tun. Ob solche antidemokratischen Methoden “christlich” sind, das gälte es einmal ohne Schaum vorm Mund zu diskutieren.

Dem gesinnungsethisch motivierten Ansatz des “Wertewestens” ist die Opferzahl auf beiden Seiten der kriegsführenden Staaten ganz offensichtlich völlig egal. Das muss man so hart formulieren… denn nirgends gibt es Aufrufe, diplomatische Bemühungen zu verstärken. Gleichzeitig wird die Kakophonie der Kriegstreiber immer lauter, die nach immer irrwitzigeren Schritten der Eskalationsspirale schreien, ohne jemals Diplomatie bemühen zu wollen. Selbst im Europarat – dem Menschenrechtsrat (!) – ging es anläßlich seiner jüngsten Sitzung beinahe ausschließlich um Aufrüstung und um Variationen von nächsten Schritten im Kriegsgeschehen.

Realitätsferne Euphoriebesoffenheit

Selbstverständlich kann man den russischen Überfall auf die Ukraine ein Verbrechen nennen; andere wieder nennen ihn “Sonderoperation”. Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen. Selbstverständlich ist auch in Deutschland Katerstimmung angesagt, nach den Jahrzehnten realitätsferner Euphoriebesoffenheit nach dem Ende des Kalten Krieges. Inzwischen ist die Bundeswehr kaputtgespart und kaum noch wehrfähig. Die Wehrpflicht wurde vor einer halben Generation abgeschafft. Aber auch die Zivilschutzmaßnahmen sind ziemlich heruntergedampft: Bunker wurden umgewidmet, Sirenen sind nur mehr partiell einsatzfähig. Niemand weiß mehr, wie man sich im Katastrophenfall verhalten soll. Deutschland hat sich ohne Not zu einer flügellahmen Ente gemacht, die den Jäger geradezu zum Abschuss einlädt.

Noch einmal deutlich: Niemand möchte Krieg. Aber für den Verteidigungsfall sollten wir – in unser aller Sinne – durchaus gerüstet sein. Doch ist Ihnen eigentlich mal aufgefallen, dass im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine nicht ein einziger hiesiger Haltungsethiker vom Verteidigungsfall spricht? Wenigstens hier werden wir ausnahmsweise einmal nicht belogen: Den Kriegstreibern und Rüstungslobbyisten Europas ist wohl mehr als bewußt, dass bei uns eben gar kein Verteidigungsfall mehr beschworen werden kann. Sie wissen, was sie tun. Es scheinen also hinter den Regierung Interessengruppen und Stichwortgeber zu stehen, die diesen Krieg mit Russland unbedingt wollen – und das um jeden Preis.

Mit wem man spricht, den beißt man nicht

Dass ich davon als Mutter von vier Kindern nichts halte, muss ich, denke ich, nicht explizit erwähnen. Als Christ wünsche ich mir mehr Zurückhaltung und mehr Vernunft. Mehr Diplomatie und Kompromissbereitschaft. Es ist doch nachgerade pervers, auf Menschen einzuprügeln, die diplomatische Bemühung anmahnen und die Opfer auf beiden Seiten, zigtausende Tote, Vergewaltigte und Verstümmelte sowie millionenfaches Flüchtlingselend anprangern und beenden möchten. Wer miteinander redet, schießt im besten Fall nicht auf einander, lautet eine uralte Binsenweisheit.

Dass nun sogar Papst Franziskus, der nun wirklich für Millionen Christen auf der Welt spricht, angegriffen wurde, weil er sich zu christlichen Grundwerten und folgerichtig zu Friedensverhandlungen bekennt, spricht Bände. Interessierten Kreisen wäre wohl lieber, er würde als Gottes Vertreter auf Erden Taurus und Sprengköpfe segnen… In einem Interview, das am Samstag veröffentlicht wurde, hatte Franziskus mit Blick auf die Ukraine von der “weißen Fahne“ gesprochen und auf Friedensverhandlungen zu setzen. Das hatte international zum Teil heftigen Widerspruch ausgelöst.

Wir sind das christliche Abendland!

Dabei wurde sein Zitat sinnentstellend wiedergegeben: Franziskus forderte keineswegs, die Ukraine solle die weiße Fahne hissen (also kapitulieren), sondern er sprach vom “Mut der weißen Fahne” auf Seiten des Stärkeren – also Russlands. Verhandlungen setzen Kompromissbereitschaft beider Seiten voraus. Am Mittwoch dieser Woche ergänzte Franziskus dann: „So viele junge Menschen, so viele junge Menschen gehen in den Tod! Bitten wir den Herrn, dass er uns die Gnade schenke, diesen Irrsinn des Krieges zu überwinden! Er ist immer eine Niederlage.“

Machen wir uns bewusst: Wir sind das christliche Abendland! Das sollte uns etwas bedeuten. Statt das Christentum immer weiter zeitgeistlich zu erodieren und an den Rand der Bedeutungslosigkeit zu drängen, würde uns eine Rückbesinnung auf unsere abendländischen Wurzeln unstrittig gut tun. Eine Gesellschaft, die sich so radikal von ihren Wurzeln, Traditionen und geistigen Fundamenten trennt wie die unsere, ist dazu verdammt, wie ein ruderloses Boot den Gezeiten ausgeliefert hin- und herzutreiben, das letztlich kentert und absäuft. Der Papst hat recht: Diplomatische Bemühungen retten Leben. Wenn ich die Wahl habe, mich zwischen einer Kultur des Lebens und einer Kultur des Krieges und des Todes zu wählen, so würde ich weite Wege gehen, die Kultur des Lebens über die Generationen hinweg weiterzutragen.

 

 

 

 

Zur Person:

Nicole Höchst, Jahrgang 1970, ist AfD-Bundestagsabgeordnete aus Rheinland-Pfalz. Sie trat 2015 in die AfD ein und ist seit 2017 Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis 201 (Bad Kreuznach/Birkenfeld). Dort ist sie unter anderem als ordentliches Mitglied und Obfrau des Bildungsausschusses und als Sprecherin der AfD-Fraktion für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung tätig. Ferner ist sie stellvertretendes Mitglied in den Ausschüssen für Familie, Senioren und Jugend sowie für Digitales. Höchst ist desweiteren Delegierte des Deutschen Bundestages in den Europarat für die AfD-Fraktion und stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums der Desiderius-Erasmus-Stiftung.

Bis 2012 unterrichtete sie als Studienrätin am Staatlichen Speyer-Kolleg, anschließend war sie bis Oktober 2017 Referentin am Pädagogischen Landesinstitut (vormals IFB). Höchst war 2015 Mitglied der AfD-Bundesprogrammkommission und ist stellvertretende Vorsitzende des AfD-Kreisverbands Speyer. Sie ist katholisch, hat vier Kinder und lebt mit ihrer Familie in Speyer, wo sie auch Stadträtin ist.

Auf jouwatch veröffentlicht Nicole Höchst alle 14 Tage die kritische Kolumne “Höchst brisant” zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen. Der erste Jahrgang dieser Kolumnen ist auch in Buchform erschienen. Unter demselben Titel veröffentlicht sie in unregelmäßigen Abständen Videobeiträge auf ihrem YouTube-Kanal.

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