Erdingers Absacker; Bild: Collage

Erdingers Absacker: Ekaterina Quehl und die deutschen „Putin-Versteher“

Eine Information, die sich vermutlich überall dort befindet, wo Texte von ihr erscheinen. „Ekaterina Quehl ist gebürtige St. Petersburgerin, russische Jüdin, und lebt seit über 16 Jahren in Berlin. Pioniergruß, Schuluniform und Samisdat-Bücher gehörten zu ihrem Leben wie Perestroika und Lebensmittelmarken. Ihre Affinität zur deutschen Sprache hat sie bereits als Schulkind entwickelt. Aus dieser heraus weigert sie sich hartnäckig, zu gendern. Mit 27 kam sie nach einem abgeschlossenen Informatik-Studium aus privaten Gründen nach Berlin und arbeitete nach ihrem zweiten Studienabschluss viele Jahre als Übersetzerin, aber auch als Grafik-Designerin. Mittlerweile arbeitet sie für reitschuster.de und studiert nebenberuflich Design und Journalismus.

Bei „Achgut.com„, dessen Gründer Henryk M. Broder in jüngster Zeit, gelinde ausgedrückt, merkwürdige Dinge von sich gibt, ist nun ein Artikel von Ekaterina Quehl veröffentlicht worden, der zunächst bei reitschuster.de erschienen war. Das wäre wohl unterblieben, wenn man ihn bei „Achgut“ nicht für gut gehalten hätte. „Das Rätsel der deutschen Putin-Versteher“ steht als Schlagzeile oben drüber. Es geht wahrscheinlich darum, denkt man sich zunächst, daß Ekaterina Quehl die deutschen „Putin-Versteher“ nicht versteht – und liest einfach weiter. Weil man einer jener deutschen „die Menschen“ ist, die sich angewöhnt haben, alles und jeden „verstehen“ zu wollen, um sich als nächstes nachsagen zu lassen, sie hätten „Verständnis“, obwohl sie im günstigsten Fall lediglich etwas verstanden hätten. Gabriele Krone-Schmalz, jahrelange Russland-Korrespondentin der ARD, hat bereits mehrmals auf dieses Mißverständnis hingewiesen. Etwas verstanden zu haben, bedeutet nicht, Verständnis zu haben für das, was man da gerade verstanden hat. Aber gut: In meinem Fall ist es so, daß ich Putin, wie ich denke, verstanden habe – und tatsächlich Verständnis für ihn habe. In meinem Fall geht das schon in Ordnung. Es bleibt also die Frage, warum meinereiner für Ekaterina Quehl ein Rätsel ist. Der Text, den sie veröffentlichte, verhilft einem nicht zu einer Antwort. Aber warum nicht?

Da fehlt doch was?

Nach der Lektüre ihres Artikels über diejenigen, die ihr ein Rätsel sind, hatte ich ein schales Mangelgefühl, etwa so, als hätte ich etwas gegessen, dem das berühmte „gewisse Etwas“ fehlte, ohne daß ich genau sagen könnte, was es gewesen ist. Inzwischen weiß ich es. Ekaterina Quehl schildert das, was sie als gebürtige Russin selbst über Russen und Russland weiß – und was ihr in Deutschland merkwürdig vorkommt. Etwa, daß die deutschen „Putin-Versteher“ doch wissen könnten, wie sehr sich „die meisten Akteure, die in Russland über die Bedrohung seitens der USA sprechen, sich in einer engen materiellen Verbundenheit mit ihnen befinden„. Es sei kein Geheimnis, dass viele Politiker und kremlnahe Funktionäre Russlands ihre Aktiva in den USA haben und im Besitz von Immobilien und sonstiger Güter dort sind. Ebenso wenig sei es ein Geheimnis, daß sie ihre Kinder zum Studium in die USA schicken und in großem Stil US-amerikanische Produkte und Dienstleistungen konsumieren, die dem russischen Normal-Verbraucher gar nicht zugänglich seien. Sie fragt dann: „Wenn doch so eine große Gefahr seitens der USA Richtung Russland ausgeht, warum verlagern diejenigen, die über diese Gefahr am lautesten schreien, ihren eigenen und den Wohnsitz ihrer Kinder sowie ihren elitären Konsum genau dorthin?“ – Wegen dieser Frage mußte ich mich dann schon an den Kopf fassen. Kann es wahr sein, daß sie wirklich glaubt, das Leben in den USA und der Bezug amerikanischer Güter, respektive die Nutzung amerikanischer Annehmlichkeiten hätten irgendetwas mit diesem Krieg zu tun? Niemand, noch nicht einmal Putin selbst vermutlich, hätte etwas am „American Way Of Life“ auszusetzen. Materie und Konsum des Einzelnen sind das eine. Die geopolitischen Interessen derjenigen in den USA, die diese Interessen definieren, sind etwas ganz anderes. Daß die USA sich in einer kurzen Besinnungsphase nach dem Kollaps der Sowjetunion und des Warschauer Paktes entschlossen hatten, die Chancen für sich zu nutzen, die sie sich als einzig verbliebene Supermacht ausrechneten, anstatt – was die andere Option gewesen wäre – sich endlich um ihren eigenen Kram zwischen Atlantik und Pazifik zu kümmern, hat mit den Vor- und Nachteilen des „American Way Of Life“ für den Einzelnen herzlich wenig zu tun. Diejenigen Akteure in Russland, die sich den geopolitischen Interessen der USA in der Ukraine entgegenstellen, Putin inclusive, können die Vorzüge des US-amerikanischen Konsumentendaseins schließlich nur dann in vollen Zügen genießen, wenn sie selbst innerhalb Russlands die dazu nötigen Mittel für sich „erwirtschaften“. Und – das darf man nicht vergessen – sie tun das seit Putin unter erheblich erschwerten Bedingungen, gemessen an dem, was zu Zeiten des US-Lieblings Jelzin möglich gewesen ist. Nebenbei geht es auch den Russen insgesamt wesentlich besser, seit Putin den trinkfreudigen Gaudiburschen Jelzin ersetzt hat. Natürlich geht es um Materie. Das ist in Russland nicht anders als in den USA oder in der EU. In der EU ist man lediglich schon zu dämlich, selbst diese Interessen noch erfolgreich im Sinne der Europäer – besonders im Sinne der Deutschen – durchzusetzen.

Das scheint sich Ekaterina Quehl also alles nicht überlegt zu haben, bevor sie einen Widerspruch behauptete, der bei genauer Betrachtung keiner ist. Das Interesse „russischer Akteure“ an der persönlichen Wohlstandsvermehrung hängt zwingend zusammen mit einer Verteidigung der „Homebase“, auf welcher sie ihre Ressourcen „erwirtschaften“. Daß ihr das nicht eingefallen ist, erklärt dann das nächste Problem, das sie bei ihrer Beschäftigung mit dem „Putin-Versteher-Trend“ hat: „Nämlich die Abwägungen im Stil ‚Man sollte doch neutral bleiben und sich immer die beiden Seiten anschauen‘. Sicher, man sollte es tun. Immer. Aber man sollte es im Rahmen des Zumutbaren tun. Wer definiert aber, was zumutbar ist? Auf der Ebene eines demokratischen Staates – so zumindest dachte ich immer – sollten dazu die Verfassung und die Gewaltenteilung dienen und auf der menschlichen Ebene der Moral-Kompass und der gesunde Menschenverstand.“ – aha, da liegt also der Hase im Pfeffer. Das war also das „gewisse Etwas“, das mir an ihrem Artikel fehlte. Sie ging bei ihrer Überlegung zu denjenigen, die über die Zumutbarkeit entscheiden sollen, von völlig verkehrten Prämissen aus: Demokratischer Staat Deutschland, Verfassung (Grundgesetz), Gewaltenteilung (funktionierend), menschliche Ebene (vorhanden), Moral (existent) und gesunder Menschenverstand (vorhanden). Sie idealisiert Deutschland. Das ist das Problem, dessentwegen ihr deutsche „Putin-Versteher“ ein Rätsel sind.

Da hätte ich einen Vorschlag: Ehe Frau Ekaterina Quehl daran denkt, die deutschen „Putin-Versteher“ zu einem Mysterium zu erklären, sollte sie vielleicht einmal überprüfen, ob die Prämissen stimmen, von denen sie bei einer Mehrzahl der Deutschen ausgeht. Wenn man nämlich Putins Russland als „gelenkte Demokratie“ – im Krieg jetzt wunderschön passend: Diktatur – begreift, könnte man draufkommen, daß die in einem Vergleich mit dem Deutschland des Jahres 2022 gar nicht so schlecht abschneidet – und mit den USA auch nicht. So viel steht fest: Wo Joe Biden tatsächlich als der gewählte Präsident der USA durchgeht, verbietet sich jede Kritik an der russischen Wahl Wladimir Putins zum Präsidenten. Also werfe ich einmal einen Blick auf Deutschland.

Deutschland

  1. Doppelstandards = reichlich vorhanden. 2. Demokratie = formal ja, realiter dysfunktional. 3. Redefreiheit = stark eingeschränkt. 4. Verfassungsgericht = blockiert. 5. Zensur = ja, subtil und weniger subtil. 6. Gewaltenteilung = defekt, zerstört. 7. Korruption = evident (Cum-Ex, Wirecard, Maskendeals etc.). 8. Allgemeinbildung = im Keller 9. Menschlichkeit = aufgesetzt, Pose, Attitüde, Selbstbespiegelung. 10. Aufklärung = ersetzt durch Zivilreligion („die Wissenschaft“). 11. Demografie = suizidale Katastrophe. 12. Wohlstand = verschleudert. 13. Fiskalpolitik = quasikommunistisch 14. Gesundheit = Depression Volkskrankheit. 15. Vierte Gewalt = vierte Gewaltlosigkeit. 16. Journalist = Aktivist, selbsternannter Volkspädagoge. 17. Recht & Gesetz = von „Moral“ & „Haltung“ dominiert. 18. Freiheit = Vorschriften- & Verbotsdschungel, ersetzt durch „Freiheiten“ (Gestattungen, Erlaubnisse, Konzessionen) 19. Freier Bürger, eigenverantwortlich = Staatsmündel. 20. Innere Sicherheit = stark erodierend.

Das waren jetzt nur 20 deutsche Merkmale des Jahres 2022. Es gäbe noch viele mehr. Wenn nun Frau Ekaterina Quehl schon seit 16 Jahren in Deutschland lebt, dann müssten ihr die eine oder die andere Diskrepanz zwischen deutschem Anspruch und deutscher Wirklichkeit aufgefallen sein. Wenn nicht, dann frage ich mich, weshalb sie Meinungsartikel schreibt. Ich nehme aber nicht an, daß ihr die Diskrepanzen zwischen deutschem Anspruch und deutscher Wirklichkeit nicht aufgefallen sein könnten. Also stelle ich fest, daß sie in ihrem Artikel über die deutschen „Putin-Versteher“, dieses Rätsel, bewußt ausblendet, was sie über Deutschland weiß. Alsdann frage ich mich, warum sie das tut. Ergebnis: Weil sie sonst den deutschen „Putin-Versteher“ nicht zum Mysterium hätte erklären können, sondern hätte konzedieren müssen, daß der deutsche „Putin-Versteher“ ein nüchterner Kopf ist, der den einen Übelstand (Deutschland) einem anderen Übelstand (Putins Russland) gegenüberstellt und realistische Abwägungen trifft, deren Ergebnis dann zwangsläufig sein muß, daß Putins Russland gar nicht so schlecht abschneidet im Vergleich mit dem eigenen Heimatland, wie diejenigen behaupten, die einen Nutzen davon hätten, genau diesen Sachverhalt zu bestreiten. Und vor allem: Daß Putins Russland wesentlich besser abschneidet, als eines der korruptesten Länder der Welt überhaupt. Und das heißt Ukraine. Verglichen mit Selenskyi ist Putin ein Ausbund an Redlichkeit, Berechenbarkeit und Anstand.

Ergo: Den deutschen „Putin-Versteher“ zu einem Rätsel zu erklären, bedeutet zwangsläufig, sich über das Land in die eigene Tasche zu lügen, in welchem er „Putin-Versteher“ ist: Deutschland. Tatsächlich ist es sogar so, daß der Deutsche, der öfter in Russland gewesen ist -, der Russen in Deutschland kennt (und schätzt) -, deutsche Auswanderer in Russland kennt und weiß, was die von dort berichten, geneigt ist, sich zu überlegen, ob er denn überhaupt etwas zu verlieren hätte im rein theoretischen Fall, daß Russland bis an den Ärmelkanal expandieren würde, so daß er die EUdSSR endlich loswäre. Dann käme er zu dem Ergebnis, daß sich gewisse Dinge eventuell ändern würden, daß sich aber nichts derartig verschlechtern würde, als daß er unter dem Strich nicht vielleicht sogar eine Verbesserung seiner privaten Lebensverhältnisse zu erwarten hätte. Immerhin ginge es dabei ja um eine Kombi der (immer noch leidlich) hervorragenden Infrastruktur hierzulande mit hinzukommender „russischer Denke“. Da wäre also vieles schon da, was nicht erst noch aufgebaut werden müsste. Niemand würde ihm mehr mit Gendersprech, Feminismen und hundert verschiedenen Geschlechtern auf den Geist gehen, das Weltklima wäre einfach das Weltklima, er könnte seinen Wortschatz so benutzen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, die grünen „Umweltterroristen“ wären weg vom Fenster, Gas gäbe es billig und in Hülle & Fülle, modernste Kernkraftwerke und reichlich Energie gäbe es, der ganze verpeilte Windrad-Schrott könnte wieder abgebaut werden, die Landschaften in der Heimat des „Putin-Verstehers“ würden wieder schön werden – und bei den Medien wäre ebenfalls kein weiterer Qualitätsverlust zu erwarten. Valeriy Stepanov oder Feodor Dosumov statt Helene Fischer wären auch nicht verkehrt. Tolstoi und Dostojewski im Deutschunterricht statt Rosa Luxemburg und Slavoj Žižek – ein Traum!

Meinereiner kennt Deutsche in Russland, die ernsthaft behaupten, daß es sich in Russland „freier“ leben lasse als in Deutschland, wenn man sich nicht in Dinge einmischt, aus denen man sich besser heraushalten sollte. Für Deutsche ist das ideal. Die halten sich sogar schon aus Dingen heraus, die sie absolut etwas anzugehen hätten. Putin und die Deutschen wären sozusagen die absolute Traumkombi. Es würde nicht lange dauern, bis die Deutschen ihren Putin heiß und innig lieben, und zwar so, daß Frau Merkel Gift & Galle spucken würde vor Neid. Wie eine mißgünstige Stiefmutter auf dem Altenteil. Dann hätte Putin auch noch den Vorteil überhaupt: Er ist ein Mann. Ein richtiger Mann! Nicht so ein westlich effeminierter Punzenfiffi und Beischlafbettler. Und die Russinnen – diese wundervollen Seelen und sagenhaften Grazien – würden deutsche Frauen endlich wieder aufs richtige Gleis setzen. Anmut & Liebreiz würden wieder regieren anstatt blödes Gekeife und notorisch östrogenale Klugscheißerei. Wenn ich mir das recht überlege, dann bin ich sowas von ein „Putin-Versteher“, daß ich selbst ganz erstaunt bin.

Neues Rätsel

Letztlich stehe also nun ich selbst statt der Frau Ekaterina Quehl vor einem Rätsel. Ich frage mich, weshalb sie das Rätsel um den deutschen Putin-Versteher nicht selbst lösen konnte. Sie hätte es gekonnt. Hat sie vielleicht nicht wollen dürfen? War es denn nicht Reitschuster, der nach seinem Ausschluß von der Bundespressekonferenz behauptet hatte, so, wie in Deutschland sei er selbst in seinen Moskauer Zeiten nie zensiert worden? – Doch, das war der Reitschuster. Der hat das behauptet. Und dann erscheint dieser Artikel von Ekaterina Quehl über das Rätsel des deutschen Putin-Verstehers dennoch zuerst bei Reitschuster und dann bei „Achgut“, wo der gute Henryk M. Broder selbst ein bißchen schrullig geworden zu sein scheint, weil er bei der waffenfetischistischen Frau Baerbock mit der Begründung Abbitte für seine früheren Verrisse ihrer Wenigkeit zu leisten gedenkt, daß in ihm eben der „alte, weiße Mann“ durchgebrochen gewesen sei. Das ist schon alles sehr merkwürdig, wenn man an so eine Phrase wie „integrierte und mitversorgte Oppositionsdarstellung“ denkt. Oder an den Steinhöfel mit seiner grenzenlosen Liebe zur Rede- und Meinungsfreiheit. Und an Gerald Grosz in diesem Zusammenhang. „Tichys Einblick“ brachte dieser Tage einen empörten Artikel über den Schnee von gestern. Angela Merkel verhöhne schon wieder ihre Partei, war das Aufregerchen. Weil sie beim Gewerkschaftsbund am 1. Juni eine Rede halten will, aber nicht mit Friedrich „Mr.Burns“ Merz zu Abend essen wollte. Was soll man denn anderes machen mit der CDU, als sie zu verhöhnen? Die ist ja heute so Wüst wie zu Merkels Zeiten. „(Er)Laschet!“ ist dort immer noch der Tagesbefehl. Da hat man ja praktisch gar keine Wahl. Das ist wie in Russland. Da hat man anscheinend auch keine. Putin oder nix. Möge er der Welt noch lange erhalten bleiben.

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