Steinmeiers Corona-Gedenkveranstaltung: Staatspropaganda der Heuchler

Steinmeier gestern vor der "zentralen Corona-Gedenkfeier" am Berliner Gendarmenmarkt (Foto:Imago/FutureImage)

Über die gestrige Corona-Trauerfeier in der Berliner Gedächtniskirche fassungslos den Kopf zu schütteln, der Politik Verlogenheit vorzuwerfen und harte Kritik an einer derartigen Inszenierung zu üben, hat nicht das Geringste mit einem Mangel an Empathie oder Pietät zu tun. Im Gegenteil: Gerade wer Mitgefühl mit an einer schlimmen Krankheit verstorbenen Menschen zum Ausdruck bringen will, dem muss die selektive Vereinnahmung einer bestimmten Opfergruppe genuin gegen den Strich gehen. 2.500 bis 3.000 Menschen sterben jeden Tag in Deutschland, an Ursachen, die weit eindeutiger sind als der mögliche, aber fast nie alleinausschlaggebende Faktor eines politisch instrumentalisierten Virus. Doch noch nie gab es für all diese Opfer spezielle staatliche Trauerfeiern.

Und es ist eben diese unerträgliche Heuchelei und Doppel- bis X-fach-Moral, die ein mitfühlender, auch christlich geprägter Mensch in seiner Einseitigkeit nicht gutheißen kann. Weil sie beweist: Es geht hier nicht um Menschenleben, sondern um eine Propagandaveranstaltung, mit der noch vor kurzem für unser Zeitalter für unvorstellbar gehaltene politische Freiheitseinschränkungen legitimiert werden sollen. Was zu anderen Zeiten oder in fanatischen Regimes die Staatsbegräbnisse für Märtyrer waren und sind (deren individuelles Los ebenfalls durchaus stets trauerwürdig war), das ist mittlerweile die Inszenierung und Instrumentalisierung von Corona-Toten in einer Weise, die nur noch abstoßend und schäbig zu nennen ist. Angefangen vom unaufrichtig brüchigen Timbre eines Frank-Walter Steinmeiers mit der üblichen Betroffenheits- und Sorgenfaltenmimik über die melancholische Musikbegleitung bis zum Aufgebot der gesamten Staatsspitze inklusive Kanzlerin und Verfassungsschutzpräsident.

Um dieses statistisch immer schwieriger überhaupt nachweisbare Sterbegeschehen in der Pandemie, zu der epidemiologischen Katastrophe aufzubauschen, die es zur Begründung einer zunehmend diktatorischen Verbotspolitik braucht, wird eine seit jeher akzeptierte, zum Leben leider immer schon dazugehörende Banalität durch diagnostische Herausschälung und wahnhaft-isolierte Einzelbetrachtung zur Menschheitskatastrophe erklärt. Ganz so, als seien vor Corona nie Menschen in diesem Land gestorben. Dass es seit Corona nicht wirklich mehr, sondern währender Monate mit den schlimmsten „Todesraten“ sogar weniger Tote waren als sonst (womit die Katastrophe keine mehr ist, sondern es sich offenkundig um eine Umdeklarierung bekannter Todesursachen handeln muss), zählt als apostatische Störung der nationalen Totenruhe – und genau zur Zementierung dieser Diskussionstabu diente die gestrige Veranstaltung.

Märtyrer der Pandemie

Als seien hier in einem Krieg, bei einer Naturkatastrophe oder durch eine reale Pandemie 80.000 Menschen jäh aus dem Leben gerissen worden, drücken die Staatshonoratioren auf die Tränendrüse und mähren die Verzweiflung eingeladener Angehöriger schamlos aus. Was ist mit den Angehörigen von seit Ausbruch von Corona bislang in Deutschland rund 900.000 anderweitig Verstorbenen? Trauern, leiden all diese etwa weniger, weil ihre Liebsten Todesursachen erlagen, die seit Ausrufung der WHO-Pandemie plötzlich fast niemanden mehr scheren und bekümmern – von Krebs über Diabetes bis ALS?

Die „Tagesschau“ setzte den professionell kultivierten Bergamo-Horror in ihrer Berichterstattung zur gestrigen Corona-Totenmesse gekonnt in Worte um, als sie Eindrücke der Feierstunde wiedergab. Etwa die „Erinnerungen der Hinterbliebenen, die das Gedenken so kraftvoll machen… schonungslos und traurig, bitter und verzweifelt„, heißt es da. Oder: „Von der Intensivstation rief er mich noch einmal an. ‚Ich werde jetzt ins künstliche Koma versetzt und beatmet. Mach dir keine Sorgen, ich bin in besten Händen. Du kannst mich bald wieder abholen. Ich freu‘ mich auf dich.‘ Das war unser letztes Gespräch„, berichtet da eine Frau vom Gedenken an ihren Mann, der im Alter von 59 Jahren verstarb. „Bis heute begleiten mich die Bilder von dem einsamen langen Klinikflur. Von den blinkenden und piepsenden Geräten, den Schläuchen und Maschinen. Und mittendrin: mein Hannes.

Die Schuld der Trauer-Zeremonienmeister

Tragisch, ohne Frage. Bloß: Wie oft geschah und geschieht so etwas, immer schon und seit jeher, auch ohne Corona? Wo bleibt da die Staatstrauer? Und vor allem: In welcher zahlemmäßigen Relation stehen solche Einzelschicksale zum Sterbegeschehen insgesamt, selbst bei Corona mit seiner Gesamtmortalität von maximal bislang 0,1 Prozent, wenn man alle „an und mit“-Fälle einberechnet und deren noch immer über dem der Bevölkerung liegenden Durchschnittsalter zum Zeitpunkt des Todes?

Zum Ausdruck kam bei der Trauerfeier übrigens ein weiterer Aspekt seitens der Angehörigen, der die Heuchelei der zugegeben Politiker in ihrer Schamlosigkeit erst so richtig offenlegte: Dass sie ihren an Covid erkrankten Verwandten nicht nahe sein konnten und diese in bitterer Einsamkeit und Abgeschiedenheit den letzten Gang antreten mussten: Das hatte nie etwas mit dem Virus zu tun, sondern mit unmenschlichen und hysterischen Eindämmungsmaßnahmen der Politiker, die hier die Kummervollen mimen. Überfällig wäre, wenn überhaupt, Trauerfeier für die Opfer von Lockdowns und Corona-Auflagen. Das wäre wenigstens eine ehrliche Veranstaltung (DM)