Feiern verboten? Das Ende von Oktoberfest & Co.

Ein Kommentar von Daniel Matissek

Bereits vor einigen Wochen machten Spekulationen die Runde, wonach das Münchner Oktoberfest – nachdem es bereits zweimal wegen Corona abgesagt wurde – in diesem Jahr möglicherweise erneut ausfallen soll. Diesmal soll der Ukraine-Krieg als Vorwand herhalten, um abermals einen Grund für die „Unverantwortlichkeit“ eines fröhlichen kollektiven Beisammenseins zu finden. Es ist also diesmal kein biologisches, sondern ein moralisches Virus, das die Deutschen um die letzten Relikte von Tradition und Brauchtum bringen soll – denn der neue Zwang zum schlechten Gewissen basiert auf der Grundthese: Solange irgendwo auf der Welt Menschen sterben, Not und Elend herrschen und die Barbarei fröhliche Urständ feiert, ist es ein Frevel und gänzliches Unding, sich zu amüsieren, unbeschwert zu machen oder auch nur in friedlichem Miteinander zu schwelgen.

So kann sich Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) „schwer vorstellen”, Bier zu trinken und zu feiern, wenn „gleichzeitig in Münchens Partnerstadt Kiew Menschen getötet” würden. Was aus dieser vergleichsweise neuen Lust an der hypermoralisierenden Synopsis von hiesiger „Leichtlebigkeit“ (von der in Wahrheit auch keine Rede mehr sein kann) und der – freilich unerträglichen Extremsituation – eines Angriffskrieges herausbricht, ist eine stumme Anklage: Wie könnt Ihr es wagen, überhaupt noch zu atmen oder gar euch des Lebens zu erfreuen, wenn anderswo Menschen krepieren! „Gerade wir als Deutsche“ müssen uns dafür entschuldigen, dass wir nicht ebenfalls im Kugelhagel zum Wasserholen vor die Tür müssen und oder nicht in U-Bahn-Schächten oder nasskalten Heizungskellern Schutz zu suchen brauchen.

Selbstsanktionierung des Westens

Wenn Reiter auch betont, dass es sich dabei nur um seine persönliche Sicht handelt, liegt die letzte Entscheidung darüber, ob das größte Volksfest der Welt zum dritten Mal hintereinander abgesagt wird, doch bei ihm. Vermutlich wird er mit diesem rigoristischen Relativismus am Ende durchkommen –  auch wenn Gegenstimmen warnen, dass damit das genaue Gegenteil dessen erreicht würde: Nämlich eine Art „Selbstsanktion des Westens“, die uns schon jetzt, infolge der wirtschaftlichen Auswirkungen der gegen Russland verhängten Maßnahmen, schlimmer trifft als das bezweckte Ziel – die russische Wirtschaft selbst. So gibt der Münchner Wirtschaftsreferent und „Wiesn“-Chef Clemens Baumgärtner (CSU) zu bedenken, eine Absage des Oktoberfestes lasse den russischen Präsidenten Putin „genau das Ziel erreichen, das er haben will: Dass unsere westliche Kultur beeinträchtigt wird.” Niemand werde den Ukraine-Krieg vergessen – auch wenn hier die Maß geschwungen wird. Es sei an der Zeit, „den Menschen wieder eine Perspektive und Freude zu geben.“ Und vor allem auch den Gastronomen / Schaustellern eine Überlebens- und Existenzperspektive: Diese haben in den letzten beiden Jahren fürwahr genug unter der unsinnigen und unberechenbaren Corona-Politik in Bayern gelitten, die ihnen fast sämtliche Einnahmequellen ruiniert hat – zuletzt erst wieder durch die ruckartige Absage der Weihnachtsmärkte.

Außer Frage steht: Mit Reiters moralistischer Argumentation ließe sich natürlich jedes deutsche Fest, auch Ostern und Weihnachten (abgesehen vom muslimischen Festen!), jede Hochzeit, jede Familienfeier, wie auch so ziemlich jede angenehme Handlung vom Vier-Gänge-Menü bis zum Beischlaf, als unangebracht und respektlos gegenüber den Kriegsopfern diabolisieren. Haltungs-Heuchler oder Übertragungskünstler des eigenen schlechten Gewissens versuchen jedoch genau das. Bei Reiter klingt das mit Blick auf die „Wiesn“ etwa so: „Das ist etwas, was ich nicht ganz aus dem Kopf kriege. Ob ich wirklich darüber nachdenken will, ein riesengroßes, weltweites Volksfest zu machen, wenn wir gleichzeitig vor einem vielleicht noch größeren Krieg stehen, den wir hoffentlich alle nicht erleben müssen…”.

OB Reiters moralinsaure Bedenkenträgerei

Gerade der Münchner Oberbürgermeister müsste es besser wissen: In den über 21 Jahrzehnten der Geschichte dieses Festes hat wohl noch kein einziges Oktoberfest stattgefunden, an dem nicht mehrere Kriege gleichzeitig irgendwo auf der Welt getobt hätten – auch wenn sie unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit stattfanden. Ob der Ukraine-Krieg in den über fünf Monaten bis zum Festbeginn noch im Gange sein wird, dürfte sich ebenfalls Reiters Kenntnis entziehen. Interessanterweise hat Reiter zudem keine Bedenken gegen Ramadan-Versammlungen, die sich dieser Tage, während des tobenden Ukraine-Kriegsgeschehens, ständig ereignen. Und auch nichts gegen das traditionelle Münchner Frühlingsfest vom 22. April bis zum 8. Mai – vielleicht, weil dieses nicht von der Stadt München, sondern vom Bund der Münchner Schausteller ausgerichtet wird und sich als Anlass für politisch korrekte Selbstbeweihräucherung weniger gut eignet.

Die Entscheidung, ob das Oktoberfest nun stattfindet oder sich Reiter mit seinem politisch selbstkasteienden Moralin-Flagellatentum durchsetzt, soll Ende April bzw. Anfang Mai getroffen werden.

Wenn es dazu kommt, hätte das hiesige landestypische Bedenkenträgertum einmal mehr triumphiert. „Das Mindeste, was wir als Deutsche tun können“, wäre dann also nicht mehr nur die lustvolle Bereitschaft, todesmutig für die Menschen in der Ukraine zu frieren, eine bald 10-prozentige Inflation zu ertragen, mehr für den Liter Sprit als für den Liter Bier zu zahlen und demnächst nicht schneller als Tempo 130 zu fahren. Es bestünde fortan dann auch in der finalen Aufkündigung aller Gewohnheiten und Relikte der früheren Normalität, soweit die „Pandemie“ von ihnen noch etwas übrig gelassen hat. Das wahre Erbe von Corona liegt nämlich nicht nur in der Verabsolutierung von Ausnahmezuständen und fortan willkürlichem „Maßnahmensetzen“ und der Knüpfung selbst disjunkter, also zusammenhangloser Verhaltensweisen an Symbolziele – beides Merkmale eines zunehmend irrationalen Krisenkults. Sondern es manifestiert sich auch in einer nie zuvor gekannten Wahrnehmungsverzerrung, die das schon immer Dagewesene plötzlich als etwas Krankhaftes und keinesfalls zu Tolerierendes definiert – so sehr, dass sich die Gemeinschaft der Anständigen dafür von Verzichts- und Verbotsfanatikern, die ihre große Zeit gekommen sehen, in Regeltreue und Entsagung zwingen lässt.

Parallelen zwischen Maske und moralischer Wokeness

Und so wie nun glücklich drei Viertel der Menschen fortan auch ganz ohne Zwang weiterhin mit Masken durch Innenstädte und Natur mäandern, Nähe und Berührungen als etwas zutiefst Verstörendes, ja Krankmachendes und Toxisches empfinden, sich beim kleinsten Anzeichen von Erkältungssymptomen ins Koma testen und ihre Impfbücher hegen und pflegen, obwohl das diesem Wahn zugrundeliegende Virus nachweislich unterhalb der Gefährlichkeit der allermeisten vor-coronaischen Grippewellen rangiert: So wird beim Ukraine-Krieg nun in drastischer medialer Ausmalung und deren Rezeption so getan, als habe es seit 1945 nirgendwo solche Gräuel und Untaten gegeben, als seien zuvor nirgendwo Zivilisten gemordet, Frauen vergewaltigt und Städte zerstört worden. Man kann, ja man muss all das sehr wohl schrecklich finden – und dennoch sollte man sich einmal über die zynische Selektivität klar werden, die der pausenlosen Hyperfokussierung auf diesen einen Konflikt innewohnt: Sind im Jemen in den letzten sechs Jahren etwa keine Menschen grausam zu Tode gekommen, zahlenmäßig um ein Vielfaches mehr? Was haben uns die Opfer in Ost-Timor, im Kongo, in Darfur oder im mexikanischen Drogenkrieg gejuckt – und vor allem die von denselben russischen Streitkräften, die jetzt in der Ukraine wüten, in Syrien zusammengebombten Kindergärten, Krankenhäuser und Schulen?

Wie konnten wir eigentlich, trotz all dieser Abgründe, all die Zeit – auch und gerade vor Corona – trotzdem auf Partys gehen, Backpacking und Bungee genießen, Pauschalurlaube und Kreuzfahrten absolvieren und unsere Feste feiern (und bei alledem keine Maske tragen)? Sind Kriegsverbrechen weniger schlimm, wenn sich nicht in einem geographisch undefinierten Nahbereich – „mitten in Europa„, „vor unserer Haustür„, „keine 1000 Kilometer von Berlin entfernt“ – stattfinden, sondern in Nah- oder Fernost oder irgendwo am Äquator? Es scheint fast so. Das wirft allerdings die Frage auf, ob es sich hier nicht um einen echten Rassismus, eine veritable Opfer-Apartheid gerade bei den Linken handelt, die die Straßen anlässlich von „Black Lives Matter“, „Wir sind mehr“, „Unteilbar“, „Gay Pride“ und Klima-Regenbogen-Larifari fluten und ubiquitäre Vielfalt und Antidiskriminierung predigen. Denn wieso forderten pseudomoralstrotzende Politiker nicht den Verzicht auf Oktober- und Volksfeste oder die Absage von Faschingsumzügen und hedonistischen Urlaubsreisen, als die namenlosen Völkermorde und Massaker in Schwarzafrika stattfanden?

 

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